Alessandra Ferri: Wie die neue Chefin des Wiener Staatsballetts den Opernball neu erfindet
Giorgio Armani begegnete sie in Mailand. Mit Nurejew, Baryshnikov und Sting hat sie getanzt und erst mit 61 ihre Karriere in New York umjubelt beendet. Das ist Alessandra Ferri – die neue Direktorin des Wiener Staatsballetts. Ihr Leben: Glamour, Disziplin und Erfolg.
Dass in diesem Jahr auf dem Opernball erstmals Musical gespielt wird, ist ihr Verdienst. Dass heuer erstmals Armani die Kostüme entwarf, ebenso. Sie, das ist Alessandra Ferri. Eine Frau, die in der Welt des Tanzes ähnlich hysterische Reaktionen hervorruft, wie es Taylor Swift im Popbusiness schafft. Der Grund: Ferri schaffte und lebte eine Karriere, von der alle Ballettelev:innen träumen. Sie ertanzte und erarbeitete sich ihre eigene Ballettunsterblichkeit.
Wir treffen Ferri in ihrem Büro im vierten Stock der Wiener Staatsoper. Es ist unglaublich: Die Frau, die hier sitzt, hat erst 2024, im Alter von 61 Jahren, ihre eigene Tanzkarriere beendet – und das nicht in einem Saal in der Provinz, sondern mit einem ausverkauften und umjubelten Gastspiel in New York, inklusive Standing Ovations. Wie bloß hat sie das gemacht? Ferri lächelt: »Es braucht Engagement. Es braucht Demut, um Veränderungen zu akzeptieren und mit den körperlichen Veränderungen zu wachsen. Man muss die Gegenwart annehmen. Sich immer hinterfragen, wo man als Künstlerin und als Mensch steht, und es braucht viel kluge Arbeit, Disziplin und die Willenskraft, niemals nachzulassen. Irgendwann wird einem der Körper dann sagen, dass es genug ist – aber bis dahin kann man seinen Körper bis zu einem gewissen Grad weiterentwickeln.«
Der Ball & die Show
Seit Herbst ist sie jetzt die neue Chefin des Wiener Staatsballetts und hat in den nur wenigen Monaten den gesamten Außenauftritt der Kompanie gedreht – mit dem Engagement von Dutzenden neuen Tänzer:innen und einer neuen, sehr klassischen Positionierung. Der Erfolg und die ausverkauften Vorstellungen geben ihr recht. Für den diesjährigen Opernball gab sie – die Neue – die musikalische Richtung vor.
Direktor Bogdan Roščić: »Alessandra hat vergangenes Jahr den Opernball noch als Gast besucht und danach gemeint: ›Dieser Ball ist die große, musikalische Showtreppe‹ und hat den ›Carousel-Waltz‹ aus dem Musical ›Carousel‹ vorgeschlagen und das wird, neben den Leonard-Bernstein-Stücken, das große Broadway-Feeling in die Staatsoper bringen.«
Ein Lob, das Ferri freut – ihre Augen blitzen, sie lächelt und meint: »Der Ball ist ein einziges, großes Märchen. Er ist aber auch ein Abend der Unterhaltung, der Show, wo wir genau überlegen mussten, was wir von den Tänzer:innen verlangen dürfen: Der Boden ist rutschig, es gibt nicht sehr viel Platz. Man muss sich also mehr auf die Wirkung als auf den Inhalt konzentrieren. Letztlich wollten wir dem Publikum Großes bieten, aber auch verhindern, dass jemand zu Schaden kommt.«
Nurejew & Armani
Alessandra Ferri weiß, wovon sie spricht. Hinter ihr liegt die größte und einzigartigste Karriere, die man als Tänzerin machen kann. Der Titel, den sie für dieses Lebenswerk tragen darf: »Primaballerina assoluta«. Zur österreichischen Einordnung: Beim »Hofrat« muss man nur alt werden. Bei der »Primaballerina assoluta« zählt einzig die Leistung.
Die gebürtige Mailänderin hat unzählige Leben gelebt und sie ist nicht nur eine Ikone des Tanzes, sondern auch der Mode – geliebt und hofiert von den großen Modemarken der Welt und den internationalen Hochglanzmagazinen, von der Vogue abwärts. Der war Ferris letzter Tanzauftritt in New York im vergangenen Sommer (da war Ferri 61 Jahre alt) eine mehrseitige Story wert. Vogue-Chefin Anna Wintour: »Ferri ist Glamour. Ferri ist Können. Ferri ist Disziplin.«
Also kein Wunder, dass Giorgio Armani sich nicht nur sehr gut mit Ferri verstand, sondern auch einen seiner letzten Entwürfe für sie und das Wiener Staatsballett beisteuerte (siehe oben und Interview auf Seite 68). Zwei Karrieren hatte Ferri: Eine bis zum Alter von 44. In dieser tanzte sie unter anderem mit Nurejew und Baryshnikov. Wie war das? »Es war sehr einschüchternd. Ich war jung – und sie waren Stars. Misha verdanke ich sehr viel: Er war anspruchsvoll und er hat mich Konsequenz und Demut gelehrt. Er hat gesagt: ›Man muss seinem Talent dienen und nicht darauf hoffen, dass einem das Talent dient.‹ Daran dachte ich dann, als ich 44 Jahre alt wurde und zunehmend mit meinem Repertoire zu kämpfen hatte, also habe ich aufgehört.« Um dann mit 51 in eine zweite, noch viel größere Karriere zu starten. Ferri wurde zur weltweiten Tanzikone, gefeiert, umjubelt. Doch davor standen, wie so oft im Leben Ferris, viel Arbeit, Disziplin – und ein zufälliges Treffen auf den Straßen von New York, wo sie lange mit ihrem Ex-Mann lebte. »Ich ging zurück in den Tanzunterricht und langsam dachte ich mir: ›Hey, mir geht es gar nicht so schlecht.‹ Und dann fielen mir die Dinge einfach zu. Ich traf auf der Straße in New York Martha Clarke, eine wunderbare Regisseurin und Choreografin. Sie sagte: ›Alessandra, ich wollte schon immer mit dir arbeiten, aber du hattest nie Zeit.‹ Und ich sagte: ›Jetzt habe ich viel Zeit.‹ Wir begannen, an etwas zu arbeiten. Das Tanzstück ›Chéri‹ haben wir dann hundertmal am Broadway gespielt. Bei einer dieser Aufführungen kam Wayne McGregor und sagte: ›Ich würde gern mit dir arbeiten.‹ Und er bot mir ›Woolf Works‹ in London, im Covent Garden, an – es wurde ein Megahit. Und dann schuf Choreograf John Neumeier mit ›Duse‹ ein Werk für mich. Wissen Sie: Das Wunderbare an meiner zweiten Karriere war, dass ich erkannt habe, dass ich nicht mit der Tänzerin, die ich einmal war, konkurrieren durfte. Ich musste eine neue Tänzerin erschaffen.«
Sting ganz nackt
Irgendwann entdeckte dann auch die Popwelt Alessandra Ferri und Sting spielte sehr nackt Gitarre zu der tanzenden Mailänderin. Die Frage steht im Raum und wir stellen sie: »Ist da was zwischen Ihnen gelaufen?« Ferri lacht herzlich: »Unsere Familien sind gut befreundet und es war einfach so, dass hier zwei Künstler gemeinsam ein Projekt machen wollten. So hat jeder von uns gemacht, was er am besten kann.«
Bei dieser Karriere liegt also die Latte für alle Tänzer:innen des Staatsballetts sehr hoch. Fast täglich ist Ferri bei Proben selbst dabei. Zeigt und lebt vor. »Ich habe den Probenprozess oft mehr genossen als die eigentliche Aufführung, weil die Proben immer eine Reise des Lernens sind. Das ist anstrengend, aber es bringt dich weiter.«