Falstaff Talk mit Olivier Krug: «Kein Mensch braucht Expertise, um Krug zu verstehen»
Seit über drei Jahrzehnten prägt Olivier Krug das Champagnerhaus, das seinen Nachnamen trägt. Zur Preview der Krug Grande Cuvée 174ème Édition, der Krug Rosé 30ème Édition, des Krug 2013 und des Krug Clos d'Ambonnay 2008 traf ihn Falstaff in Reims. Ein Gespräch über Geduld, Visionen und die Kraft der Verbindung.
Falstaff: Herr Krug, das übergeordnete Thema des diesjährigen Releases ist «Time & Patience». Erinnern Sie sich an einen Moment, wo Geduld Sie kurzfristig etwas gekostet hat, sich aber langfristig als entscheidend erwies?
Olivier Krug: Da muss ich nach Japan zurückgehen, wo ich meine Karriere begonnen habe. Dort dreht sich alles um Geduld, was mich nach einem Monat schier zur Verzweiflung gebracht hat. Langfristig habe ich jedoch enorm viel daraus gelernt. Die Kultur in Japan ist komplett anders: Man tut Dinge nicht für sich selbst, sondern für andere.
Haben Sie davon etwas übernommen?
Ich bin heute nicht mehr ungeduldig, schiebe aber auch nichts auf. Dafür ist das Leben einfach zu kurz. Wenn ich etwas tun will, dann tue ich es.
Joseph Krug, der Gründer der Maison, hatte das Ziel, jedes Jahr den besten Champagner kreieren zu können, unabhängig vom Klima. Ist diese Vision heute noch radikal?
Ich glaube mehr denn je. Vor fünfzehn Jahren hatte ich selbst keine klare Vorstellung davon. In Familienunternehmen wächst man oft einfach hinein. Man fragt nicht immer nach dem Warum.
Wann änderte sich das?
Ein früherer CEO fragte mich: Warum hat Joseph Krug dieses Haus gegründet? Ich musste antworten: Ich weiss es nicht.
Und dann entdeckten Sie sein Tagebuch.
Ja. Mein Grossvater hatte mir 1989 gesagt: Im Safe liegt das Tagebuch unseres Vorfahren. Wir gingen zum Safe, unsere Historikerin rief mich nachts an und plötzlich war alles klar.
Was stand drin?
Es wirkt zunächst etwas trocken, aber Joseph Krug erläutert darin auch seine Überzeugung, wie man einen grossen Champagner herstellt: Man kann grossen Wein nur aus besten Grundprodukten herstellen. Wenn man mindere Qualität akzeptiert, riskiert man Ergebnis und Reputation. Und dann: Ein grosses Haus solle Champagner stets in derselben Qualität anstreben. Damit hat er die gesamte Hierarchie – Non-Vintage, Vintage, Prestige – kurzerhand abgeschafft.
Was ist Ihr eigener Beitrag zu diesem Erbe?
Vielleicht die Gemeinschaft, die Verbindung zu Menschen. Das Tagebuch ist sehr technisch, es geht um Wein, Herkunft und so weiter. Meine Generation ergänzt das Ganze um das Thema Verbindung – zu Köchen, Partnern, Freunden.
Sie selbst sind auf Instagram mit unzähligen Krug-Liebhaber:innen weltweit in Kontakt. Hat ein Krug-Liebhaber je etwas gesagt, das Ihre eigene Sichtweise verändert hat?
Es ist nie eine einzelne Person, es sind Hunderte, Tausende. Viele davon wissen noch genau, wann und wo sie das erste Glas Krug getrunken haben und was sie dabei gefühlt haben. Kein Mensch braucht Expertise, um Krug zu verstehen.
Sie kritisieren den Weinjargon immer wieder.
Weil er eine Barriere schafft. Wenn jemand im Restaurant wissen möchte, was Krug ist, möchte er keine Fachsprache, sondern einen emotionalen Zugang. Erst kommt das Gefühl, dann kommen die Details.
Was macht die neuen Releases für Sie besonders?
2013 ist fantastisch. Es ist ein Jahrgang wie in alten Zeiten. Wobei man vergisst, dass es auch damals nur sehr wenige solche Jahrgänge gab. Er ist wirklich aussergewöhnlich. Wir sprechen nicht viel über den grossartigen Sommer, den wir damals hatten. Ende August und Anfang September waren toll. Dieser Jahrgang hat enorm von der Sonne profitiert. Und ich liebe es, dass wir sagen können, dass wir mit der 174. Edition zum 174. Mal den Traum unseres Gründers verwirklicht haben. Die Weine kommen im Herbst auf den Markt.
51051 Reims
Frankreich