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Peter Morandell und Marchese Piero Antinori.

Peter Morandell und Marchese Piero Antinori.
beigestellt © Waldburg PR

Piero Antinori: »Wir versuchen leichtere Weine, aber mit Komplexität und sehr viel Eleganz«

Interview
Wein

Piero Antinori, Peter Morandell und Christoph Morandell im Gespräch über die besondere Beziehung und 60-jährige Erfolgsgeschichte der beiden Unternehmen, aktuelle Veränderungen in der Weinbranche, Bourgogne versus Bordeaux und warum Antinori temporär zum »Gebirgswein« wurde.

Eine geschäftliche Allianz zweier Familien, die sich im Laufe der Zeit zu einer innigen Verbindung entwickelt und über drei Generationen hinweg Bestand hat, ist zweifelsohne nichts Alltägliches. Das Jahr 2023 markiert den 60. Jahrestag dieser besonderen Beziehung zwischen den Familienunternehmen Morandell und Marchesi Antinori. Anlässlich dieses Jubiläums gaben Marchese Piero Antinori, Peter Morandell und Christoph Morandell ein exklusives Interview.

Sie arbeiten seit 60 Jahren zusammen. Wie begann Ihre gemeinsame Geschichte?

Marchese Piero Antinori: Unsere Geschichte: Das ist wahrlich eine lange Geschichte.

Peter Morandell: Meine Eltern waren in Montecatini im Urlaub. Sie machten abends einen Spaziergang in der Stadt und gingen in die Cantinetta Antinori. Sie lernten Herrn Santori kennen, in dem gleichen Jahr, in dem Sie (gewandt an Marchese Piero Antinori) begonnen haben, in der Tenuta zu arbeiten. Der erste Kauf war ein großes Barrique von 500 l mit den Korken, Kapseln und Etiketten, weil der Verkaufspreis in Flaschen doppelt so hoch war. Nach zwei, drei Jahren sanken die Kosten für den Flaschenverkauf, und von dem Zeitpunkt an haben wir gut für Antinori gearbeitet.

Hauptkunde war das Haus Julius Meinl, das in Österreich sehr stark im Verkauf von Kaffee und Lebensmitteln ist, und von da an hatten wir Jahr für Jahr steigende Verkaufszahlen. Aber begonnen hat alles mit nur 500 Litern von Villa Antinori, in Flaschen abgefüllt von uns.

Was waren Ihre ersten Erinnerungen?

Marchese Piero Antinori: Meine vielleicht frühesten Erinnerungen an die Arbeitswelt waren die Treffen mit dem Vater von Herrn Morandell, wenn er jedes Jahr nach Montecatini Terme kam. In der Tat, ich glaube, er kam für eine Woche, um ein bisschen »Detox« zu machen, wie es heißt, weil Montecatini damals der Ort war, um sich körperlich wieder in Form zu bringen. Eine Woche lang trank er sehr viel von dem Heilwasser von Montecatini. Und auf dem Rückweg nach Wörgl machte er Halt in Florenz, und ich erinnere mich gut daran, dass wir uns trafen und zusammen zu Mittag aßen. Endlich konnte er ein gutes Glas Wein trinken, nach einer Woche mit Wasser. Er freute sich sehr darüber. Und wie Sie sagten, er machte Halt und bestellte … ich glaube, es waren damigiane, die großen Korbflaschen.

Peter Morandell: Nein, es war ein Barrique.

Marchese Piero Antinori: Wir hatten großes Vertrauen, deshalb verkauften wir ihm in Barrique, mit den Etiketten und den Kapseln, und das Haus Morandell nahm die Abfüllung in Flaschen in Österreich vor. Das machten wir nur für sie so, weil wir auf ihre Integrität vertrauten. Die übliche Form ist, nur Flaschen zu exportieren, aber mit dem Haus Morandell hatten wir in Anbetracht der Kosten für die Einfuhrzölle eingewilligt, eine Ausnahme zu machen und den Antinori-Wein unabgefüllt zu schicken, mit den Etiketten und den Kapseln, und so konnten sie in Flaschen abfüllen.

Peter Morandell: Mehr als ein Jahr hat es gedauert, um diese kleine Menge zu verkaufen, weil niemand wusste, dass wir Antinori im Katalog hatten. Dann, von einem Tag auf den anderen, mit Meinl, nahmen die Verkäufe zu. Wir hatten Flaschen von anderthalb Liter.

Marchese Piero Antinori: Ja, die Chiantigiana-Größe.

Peter Morandell: Das war eine sehr schöne Flasche, zu einem guten Preis und von guter Qualität. Die Einfuhr nach Österreich war sehr reguliert, weil ein Teil für Südtirol reserviert war und man trank den Wein von Südtirol.

Marchese Piero Antinori: Ich erinnere mich, ich bin dort gewesen, wir haben Speck gegessen … das war eine andere Zeit, eine andere geologische Epoche. Die Welt des Weins hat sich in sechzig Jahren komplett verändert. Aber das Haus Morandell hat die Entwicklung des Hauses Antinori immer begleitet. Wir haben unsere Philosophie völlig geändert, denn vor sechzig Jahren war der italienische Wein im Allgemeinen, und so auch unser Haus, ein bisschen mehr an Quantität als an Qualität orientiert. Und in diesen fünfzig, sechzig Jahren hat eine Revolution stattgefunden und wir haben wirklich begonnen, uns Jahr für Jahr mehr auf die Qualität als auf die Menge zu konzentrieren.

Das Haus Morandell ist dieser Philosophie gefolgt, deshalb waren wir immer in perfekter Übereinstimmung. Und das erklärt diese Beziehung, die seit sechzig Jahren besteht. Das ist recht ungewöhnlich, und wir denken, es kann noch einmal sechzig Jahre so weitergehen. Wir sind schon in der dritten Generation.

Christoph Morandell: In der vierten. Morandell wurde 1926 gegründet, von meinem Urgroßvater.

Marchese Piero Antinori: Genau, die vierte Generation für Morandell und die dritte der Zusammenarbeit der beiden Häuser. Aber die vierte wird es auch geben. Ich habe schon Enkel in der Gesellschaft.

Peter Morandell: Ja, das hoffe ich auch. Ich habe drei Töchter, so wie Sie.

Marchese Piero Antinori: Heute ist das kein Problem, weil in der Welt des Weines viele Frauen sind, die sich sehr gut behaupten. Es ist nicht mehr wie früher, als das ein reiner Männerberuf war. Heute ist es fast eher ein Frauenberuf.

Haben auch Ihre Töchter Interesse am Wein und wollen im Unternehmen mitarbeiten?

Marchese Piero Antinori:  Ja, ich hätte das nicht geglaubt, weil es eben drei Töchter sind, und als sie klein waren, dachte ich nicht, dass sie in das Business der Familie einsteigen würden. Ich war ein bisschen besorgt, und darum haben wir irgendwann, um die Kontinuität der Gesellschaft zu sichern, einen Zusammenschluss mit einem englischen Unternehmen gemacht, mit dem wir in Amerika und in England zusammenarbeiteten. Später, nach sieben, acht Jahren, habe ich verstanden, dass meine älteste Tochter sehr interessiert ist, und so konnten wir die Quote von dieser ausländischen Gesellschaft zurückkaufen.

Unser Unternehmen ist nun wieder ein hundertprozentiges Familienunternehmen, und die anderen Töchter sind dem Beispiel gefolgt und alle in die Gesellschaft eingetreten.

Peter Morandell: Wir sind ja ebenso ein Familienbetrieb und wollen das auch bleiben.

Was möchten Sie insbesondere an die folgende Generation weitergeben?

Peter Morandell: Als Testament? Ernsthaft gesprochen, ich rede nicht so viel mit der Familie, aber ich arbeite mit der Familie zusammen, und über meine Arbeit gebe ich ein Beispiel.

Sie  haben vorhin Veränderungen in der Weinbranche angesprochen. Welche markanten Entwicklungen gibt es aktuell?

Marchese Piero Antinori: Die Tendenz? Ganz allgemein, in den Ländern, in denen traditionell Wein getrunken wurde, sinkt der Verbrauch, entwickelt sich aber zu einem an Qualität orientierten Konsum. Es fällt auf, wie die Globalisierung spürbar wird. In den Ländern, in denen es traditionell mehr Biertrinker gab, sinkt der Konsum von Bier und steigt die Nachfrage nach Wein.

Warum ist das so?

Marchese Piero Antinori: Ich glaube, weil es eine Zeit gab, in der in den Mittelmeerländern wie Italien, Frankreich, Spanien zu viel Wein getrunken wurde. In Italien lag der Pro-Kopf-Verbrauch bei bis zu 115 Litern, vor sechzig Jahren.

Und es war eigentlich noch mehr pro Kopf, wenn man kleine Kinder und alte Menschen ausnimmt. Es war also wirklich sehr viel, und das lässt sich damit erklären, dass viele Menschen anstrengende körperliche Arbeit leisteten, auf dem Land, in den Fabriken. Der Wein stillte den Durst und gab ein bisschen neue Energie. Inzwischen haben sich die Gewohnheiten völlig verändert. Damals gab es in Italien noch die Familien, die für üppige Mittagessen, große Abendessen zusammenkamen, bei denen immer eine Flasche Wein auf dem Tisch stand. Heutzutage besteht das Mittagessen aus einem Brötchen in der Bar, und das hat den Weinkonsum verändert. Früher gehörte der Wein zu den Lebensmitteln, nun ist er ein Produkt, das die Lebensqualität erhöht, das mit Gesellschaftsleben und Kultur in Verbindung gebracht wird, und ich glaube, dass diese Tendenz anhalten wird.

Worauf liegt der Fokus aktuell?

Marchese Piero Antinori: Was wir zur Zeit versuchen, sind leichtere Weine, aber mit Komplexität und sehr viel Eleganz … und das ist nicht einfach. Es gibt nicht viele Orte weltweit, wo man erfolgreich Weine erzeugen kann, die nicht zu schwer sind, aber komplex. Ich glaube, dass die Toskana einer dieser Orte ist.

Peter Morandell: Tatsächlich ist man im Bordeaux ein bisschen in Schwierigkeiten geraten, da die Produzenten in der Bourgogne mit Pinot Noir einen Wein mit stärkerer Farbe und einem schönen Fruchtton erzielen.

Marchese Piero Antinori: Die wirklichen Kenner bevorzugen heutzutage Bourgogne gegenüber Bordeaux.

Spielen Ihre Unternehmen eine gleichbleibend aktive Rolle beim Entstehen neuer Tendenzen in der Welt des Weines?

Peter Morandell: Es gibt viele Veränderungen in den Verbrauchergewohnheiten. Wir sind präsent in der Gastronomie, aber auch in den Privathaushalten. Der klassische Gastronomiemarkt, das Restaurant, in das die Familie einmal in der Woche geht, ist im Wandel. Jetzt sind die Önotheken, die Wine Bars in Mode.

Die junge Generation interessiert sich sehr für Wein und fängt an, sehr gute Weine zu trinken, entweder weil sie sie in der Familie entdeckt haben, oder aber weil es chic ist, sich mit guten Weinen auszukennen. Das ist für alle sehr positiv. Es gibt einen Markt für gute Weine und die Durchschnittspreise steigen überall.

Marchese Piero Antinori:  Unsere Arbeit besteht nicht so sehr darin, Einfluss auf die Veränderung von Tendenzen zu nehmen, sondern eher darin zu verstehen, was der Markt will, die Antennen zu haben, etwas besser und schneller zu verstehen als die Konkurrenz.

Peter Morandell: Ein kleiner Vorteil des Hauses Morandell, das kann ich jetzt sagen, ist der, dass wir auf dem gesamten Markt präsent sind und deshalb Informationen über Tendenzen beispielsweise in einer Stadt oder in Wien haben und die dann im Westen ankommen werden.

In den 1970er Jahren haben Sie sich ja sehr um die Entwicklung der Supertuscans bemüht. Sind aus dieser Zeit heute noch signifikante Weine geblieben?

Marchese Piero Antinori: Ja. Ich muss sagen, dass die Supertuscans einen großen Anteil an dieser Entwicklung der toskanischen und allgemein der italienischen Weine hatten. Heute ist es ein bisschen anders. Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre gab es eine Qualitätskrise. Um es anders zu machen, in Hinblick auf Qualität, haben wir diese Kategorie der Supertuscans geschaffen, die wirklich sehr wichtig waren für die Entwicklung der Produktion.

Heute haben sich auch die klassischen Appellationen wie Chianti Classico, Brunello, Bolgheri weiterentwickelt mit anderen Produktionsvorschriften – man muss sich nur daran erinnern, dass der Chianti Classico mit 30 Prozent weißen Trebbiano-Trauben produziert werden musste … es ist unmöglich, so einen großen Rotwein zu erzeugen.

Peter Morandell: Ja, das war das Image des Chianti, mit vielen Varietäten …

Marchese Piero Antinori: Jetzt hingegen kann der Chianti Classico nur mit Sangiovese produziert werden. Die heutigen Vorschriften ermöglichen es, Weine von höherer Qualität zu erzeugen. Die Rolle der Supertuscans ist nicht mehr so erheblich wie vor vierzig Jahren. Aber es gibt traditionelle klassische Supertuscans wie Tignanello, die als Chianti Classico klassifiziert werden könnten, aber wir lassen es lieber, wie es anfangs war, ohne große Änderungen in der Klassifizierung. Supertuscans werden weiterhin als historische Weine angesehen, und ich denke, wir werden so weitermachen.

Auf welche Veränderungen müssen Sie aufgrund des Klimawandels reagieren?

Marchese Piero Antinori: Es gab Veränderungen des Klimas oder der Entwicklung der Reben, die den Stil der Produktion zutiefst verändert haben, meiner Ansicht nach zum Besseren.

In welcher Weise zum Besseren?

Marchese Piero Antinori: Der jetzige Klimawandel ist ein bisschen eine andere Sache. Unsere Arbeit der Auswahl von Klonen unserer historischen Reben wie Sangiovese ermöglicht es uns, sehr überzeugende und an Qualität orientierte Selektionen zu haben, besser als in der Vergangenheit. Die Konzentration der Rebzeilen wurde verbessert: auf einem Hektar wachsen nun viel mehr Reben. Jeder Stock produziert weniger, aber in höherer Qualität.

Aber inzwischen haben wir manchmal ein Problem, das genau das Gegenteil ist von dem, das ich in meinen Anfängen kennengelernt habe: Früher konnte schwierig sein, einen bestimmten Gehalt an Alkoholzucker zu erreichen, so dass Most und anderes hinzugefügt werden musste, was für die Qualität nicht gut war. Jetzt wird die Reife ab und zu früher erreicht, und man kommt zu einem Alkoholgehalt, den wir nicht wollen.

Können Sie das vereinfacht erklären?

Marchese Piero Antinori: Wenn man phenolische Reife, Tannine, erreichen will, ist der Alkoholgehalt manchmal zu hoch. Wir versuchen also, phenolische Reife ohne allzu hohe alkoholische Reife zu erzielen. Das ist nicht einfach, aber wir machen Versuche bei den Reben oder bei der Vinifikation mit Hefen, die weniger kraftvoll bei der Umwandlung in Alkohol sind und zu etwas leichteren Weinen führen, wie sie von den Verbrauchern gewünscht werden.

Welche Bedeutung hat eigentlich der österreichische Markt für Antinori?

Marchese Piero Antinori: Der österreichische Markt war immer wichtig für Antinori, wegen der Größenordnung, die immer erheblich war, aber in erster Linie wegen der Qualität der Verkäufe. Denn für uns war Österreich wichtig wegen der stets hohen Qualität der Hotels, der Restaurants. Der Tourismus ist international und von hoher Qualität. Wir sind auch Gesellschafter in der »Cantinetta Antinori« in Wien.

Peter Morandell: Die ganze Welt kommt zu uns. Ich bin der Auffassung, dass ein Hotel nicht behaupten kann, ein Fünf-Sterne-Hotel zu sein, wenn es auf seiner Karte keinen Antinori-Wein hat.

Nach sechzig Jahren kann es gut sein, dass eine Geschäftsbeziehung auch zu einer engen freundschaftlichen Beziehung wird. Ändern sich dann die Gesprächsthemen?

Peter Morandell: Ja, wir sind Gesellschafter, aber letztlich, auch in privaten Gesprächen endet es immer damit, dass wir über Wein reden.

In so vielen Jahren erlebt man sicher auch gemeinsame kuriose Ereignisse. Wollen Sie uns eine Anekdote verraten?

Peter Morandell: Eine schreckliche Sache war der Jahrgang 1985. Der Weinskandal. Aber eigentlich war es ein außerordentlicher Weinjahrgang.

Eines Tages kommt ein Kontrolleur des Landwirtschaftsministeriums zu uns. Ich begleite ihn in die Kellerei und er sieht die »Tafelweine«, die in dieser Zeit nicht verkauft werden durften. Ein paar Meter weiter sieht er auch die kalifornischen Weine »Red table wine«, und ich sage ihm, dass die am nächsten Tag dem Botschafter der Vereinigten Staaten in Wien kredenzt werden sollen. Die Weine haben ihm Kopfzerbrechen bereitet, aber nicht die italienischen Weine.

Und dann gab es ein Gesetz in Österreich, das Weine »aus dem Gebirge« erlaubte, also Weine, die auf Hängen mit einem Gefälle von 17 Grad oder mehr wachsen. Sechs oder sieben Monate lang, bis zur Änderung der Vorschriften, haben wir in Österreich Etiketten  »Gebirgswein« auf die Weine von Bolgheri und San Casciano von Antinori geklebt!

Julia Emma Weninger
Julia Emma Weninger
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