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10 Architektur Ikonen aus 10 Jahren

Was hat sich im letzten Jahrzehnt alles getan? Eine Menge! Diese radikalen Architekturstatements schaffen innovative Gegenstücke zum 08/15-Mainstream und sagen der Klimakrise und der Langeweile den Kampf an. Eine Reise um die Welt in zehn Stationen.

21.03.2023 - By Wojciech Czaja

Man kommt rein, und über einem entfaltet sich ein beinahe sakrales Etwas aus massiven, himmelwärts strebenden Betonzylindern, neun Stück an der Zahl, die sich wie eine aufgesägte Kathedrale über den zentralen Ausstellungsraum stülpen. Die Lichtstimmung ist gewaltig, die materielle Manifestation erinnert an eine Mischung aus Antoni Gaudí und den versteinerten Eingeweiden eines Aliens. Wenn aus einer der Röhren plötzlich die verglaste Liftkabine durchschießt, wähnt man sich in fernen galaktischen Sphären.

»So etwas wie dieses Gebäude wird man nie wieder errichten«, sagt der Londoner -Architekt und Designer Thomas Heatherwick. Errichtet wurde die Konstruktion 1921 als Maisspeicher, ganze 50 Jahre lang war der gewaltige Silo im Hafen von Kapstadt das höchste Bauwerk Afrikas. Bis 2001 war der Speicher in Betrieb, danach wurde das Ding dem Verfall preisgegeben. Eines Tages schließlich kam die Idee zur Revitalisierung – als Luxushotel und Museum für afrikanische Gegenwartskunst.

»Dieses Gebäude war schon damals ein Unikat«, meint Heatherwick. »Durch den Umbau wurde es noch mehr zu einer einzigartigen Skulptur, die es in dieser Form kein zweites Mal auf der Welt gibt.« Besonders wichtig war Heatherwick, dass die Seele des Silos erhalten bleibt. »Das Museum brauchte ein Herzstück. Aber einfach nur vertikal in die Röhren hineinzuschneiden, das wäre zu steril gewesen. Daher haben wir uns -entschieden, in die Betonsilos in einem bestimmten Winkel hineinzufräsen. Auf diese Weise konnten wir Anreize fürs Auge bieten und eine ungewöhnliche Form schaffen, die auch heute noch ein bisschen an Mais- und Getreidekörner erinnert.«

Das MOCAA – die Abkürzung steht für Museum of Contemporary Art Africa – des deutschen Kunstsammlers Jochen Zeitz wurde 2017 fertiggestellt, umfasst Expert:innen -zufolge eine der spannendsten zeitgenössischen Sammlungen afrikanischer Kunst und hat sich zu einem der wichtigsten Wahrzeichen des Kontinents entwickelt. Manche bezeichnen es überhaupt als eines der weltweit spannendsten Bauwerke der letzten zehn -Jahre. Heatherwick selbst meint: »Eine tolle Bauaufgabe, mit Sicherheit eine der größten Herausforderungen meiner Karriere.«

Neue Sichtweise

Gerade im Kulturbereich, so scheint es, und überall dort, wo auf engster Fläche eine große Zahl an Menschen zusammenkommt, sind in der letzten Dekade innovative, außergewöhnliche Signature-Projekte entstanden – ob das nun der Louvre in Abu Dhabi ist, eine filigrane Gitterschale des Pariser Architekten Jean Nouvel, die Berliner Museumsinsel mit ihren weltbekannten Kunstinstitutionen, die der frischgebackene Pritzker-Preisträger David Chipperfield in den letzten zehn Jahren behutsam sanierte und erweiterte, oder aber der 2019 errichtete Jewel Changi Airport in Singapur, den der israelisch-kanadische Architekt Moshe Safdie in einen urbanen, futuristischen Dschungel verwandelte. Überall üppige Palmen, im Hintergrund elegant dahingleitende Monorail-Shuttlezüge, in der Mitte schließlich ein 40 Meter hoher Wasserfall, der mit gewaltigen 38.000 Litern pro Minute vom Dach stürzt und sich mit einem Tosen in einen Indoor-Pool ergießt. Die lautstarke Geste ist nicht zuletzt auch ein wertvoller Mikroklima-regulator im Inneren des Flughafens.

Aber es gibt auch die subtilen Revolutionen in der Architektur, die erst auf den zweiten Blick ihre neue normative Kraft des Faktischen entfalten, die erst bei näherer Betrachtung die bisher gewohnte Welt komplett auf den Kopf stellen. Das kann ein neues Möbelhaus sein, die erste von insgesamt 450 Ikea-Filialen weltweit, die ohne Parkplatz und Garage auskommt, eine alte, revitalisierte Fabrikruine aus DDR-Zeiten, die nun als archaisches Wohnhaus, als roughe »Antivilla« aus nacktem Stahlbeton dient, oder eine -ehemalige Stadtautobahn in Seoul, die 2017 stillgelegt und in einen linearen Park mit 24.000 Pflanzen umgewandelt wurde.

»Das Verständnis von Stadt hat sich in den letzten zehn Jahren radikal verändert und damit auch die Art und Weise, wie wir den urbanen Lebensraum nutzen wollen«, sagt Winy Maas, Partner bei MVRDV Architekten in Rotterdam. »Während wir früher dem Auto das Diktat überlassen haben, sehnen wir uns nun nach grünen Gärten und kollektiven Kommunikationsflächen.« Genau das sind die Zutaten für den 16 Meter hohen Viadukt: 250 verschiedene Arten von Bäumen, Büschen und Blumen, dazu Rampen, barrierefreie Aufzüge, Café, Blumenladen und sogar ein Info-Point für Tourist:innen. So muss Architektur!

Cluster-Wohnhaus, Zürich

Auf dem Hunziker-Areal in Zürich schuf die Baugenossenschaft mehr als wohnen in Zusammenarbeit mit den Duplex Architekten ein innovatives Wohnkonzept mit sogenannten Clusterwohnungen. Die Grundrisse bestehen aus 400 bis 450 Quadratmeter großen XXL-Wohnungen mit riesigen Wohnzimmern und kleinen Mini-Garçonnièren zum privaten Rückzug. Bitte mehr davon! mehralswohnen.ch, duplex-architekten.swiss

Erschienen in:

Falstaff LIVING Jubiläumsausgabe

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