{"id":18297,"date":"2022-11-24T15:36:18","date_gmt":"2022-11-24T14:36:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.falstaff.com\/profi\/?post_type=newsbeitrag&#038;p=18297"},"modified":"2022-11-24T15:40:26","modified_gmt":"2022-11-24T14:40:26","slug":"zum-vorwurf-der-kulturellen-aneignung-in-gastro-kuechen-eine-auseinandersetzung","status":"publish","type":"newsbeitrag","link":"https:\/\/www.falstaff.com\/profi\/newsbeitrag\/zum-vorwurf-der-kulturellen-aneignung-in-gastro-kuechen-eine-auseinandersetzung\/","title":{"rendered":"Zum Vorwurf der kulturellen Aneignung in Gastro-K\u00fcchen: Eine Auseinandersetzung"},"content":{"rendered":"<p>Der D\u00f6ner, eine Berliner Erfindung \u2013 so sagt man es. Mit seinem saftigen D\u00f6nerfleisch, knackigem Salat und allerhand Gem\u00fcse im Inneren des Fladenbrotes begeistert er seit Jahrzehnten, das vor allem in St\u00e4dten. In Berlin gibt es heute unz\u00e4hlige D\u00f6ner-Betriebe, das <a href=\"https:\/\/www.falstaff.com\/profi\/newsbeitrag\/auf-der-gruenen-welle-mobile-gastronomie-mit-elektro-food-trucks\/\">Fastfood<\/a> in vielen Varianten. Doch was, wenn die Geschichte des \u00bbdeutschen\u00ab D\u00f6ner Kebabs nicht in Berlin begann? Der Schwabe Nevzat Salim soll n\u00e4mlich schon 1969 Brot mit Grillfleisch gef\u00fcllt und im baden-w\u00fcrttembergischen Reutlingen verkauft haben. So oder so: <strong>Der D\u00f6ner Kebab pr\u00e4gt die deutsche (und wohl auch \u00f6sterreichische und Schweizer) Fastfood-Landschaft und gilt als einer der Verkaufsschlager schlechthin.<\/strong> Unbestritten bleibt, dass Gastarbeiter:innen aus der T\u00fcrkei die Idee mitbrachten und dann das Gericht f\u00fcr den hiesigen Gaumen adaptierten. \u00bbWas uns aber stets erspart blieb, ist der bittere Nachgeschmack der Fremdenfeindlichkeit, dem sich die Erfinder:innen des Gerichts niemals entziehen konnten und bis heute kaum k\u00f6nnen\u00ab, regt Sophia Reiterer, wissenschaftliche Projektmitarbeiterin am Schwerpunkt\u00a0<a href=\"https:\/\/w-k.sbg.ac.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wissenschaft und Kunst<\/a>, an. Und dabei ist der D\u00f6ner Kebab nur ein Beispiel von vielen, bei dem Fremdes zu etwas werden kann, das man sich kaum mehr wegzudenken vermag.<\/p>\n<h2>Inspiration und\/oder Ideenklau<\/h2>\n<p>Nun gibt es aber auch Menschen mit anderer Nationalit\u00e4t, die den D\u00f6ner f\u00fcr sich entdeckt haben und ihn kreativ inszenieren. D\u00fcrfen sich andere am Original \u2013 soweit sich das ausmachen l\u00e4sst \u2013 bereichern, Geld damit machen? Immer wieder ploppt diese Frage auf. Losgel\u00f6st vom D\u00f6ner Kebab, findet sich im Jahr 2021 ein konkretes Beispiel, jenes der soupe joumou, einer haitianischen Suppe. <strong>Ihr stark abge\u00e4ndertes Rezept wurde im US-amerikanischen Magazin \u00bbBon App\u00e9tit\u00ab ver\u00f6ffentlicht und l\u00f6ste daraufhin Proteste bei jenem Teil der Leser:innen aus, der haitianische Wurzeln hatte.<\/strong> Auch den britischen Koch Jamie Oliver traf es 2018, als er ein Fertiggericht namens \u00bbPunch Jerk Rice\u00ab pr\u00e4sentierte. Laute Kritik kam von der britischen Parlamentarierin Dawn Butler, deren Eltern aus Jamaika stammen. So rufe Oliver mit dem Titel des Gerichts Assoziationen zu einer jamaikanischen Gew\u00fcrzmischung hervor. Im Original aber meint Jerk eine Marinade f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.falstaff.com\/profi\/newsbeitrag\/kein-und-aber-es-geht-auch-fleischlos-an-die-spitze\/\">Fleisch<\/a>, keinesfalls f\u00fcr Reis. Der Koch sprach von Inspiration, die Parlamentarierin von kultureller Aneignung.<\/p>\n<h2>Berechtigte Diskussion<\/h2>\n<p>\u00bbIn der Gastronomie geht es schon lange nicht mehr nur um Genuss\u00ab, macht Klaus Haberkern, Privatdozent f\u00fcr Soziologie an der Universit\u00e4t\u00a0Z\u00fcrich und Partner der <a href=\"https:\/\/www.aleno.me\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aleno AG<\/a>, klar. Die Diskussion um Cultural Appropriation \u2013 oder kulturelle Aneignung \u2013 erfasst zunehmend die europ\u00e4ische Gastro-Szene. Doch was meint dieser Begriff? Kulturelle Aneignung beschreibt <strong>ein Ph\u00e4nomen, in dem Mitglieder einer \u00bbDominanzkultur\u00ab sich einzelner kultureller Errungenschaften<\/strong> wie bestimmten Frisuren, Kleidungsstilen oder eben auch Gerichten bedienen und diese in ihr allt\u00e4gliches Leben integrieren oder gar Geld damit machen. \u00bbEntscheidend dabei ist, dass die Diskriminierungserfahrungen der Kulturen, deren Errungenschaften sich angeeignet werden, unsichtbar gemacht werden\u00ab, beschreibt Reiterer. Und als Beispiel: \u00bbEin Kind wird ausgelacht, weil seine wei\u00dfen Mitsch\u00fcler:innen das, was sich in dessen Jausenbox befindet, nicht kennen. Sieht diese Person dann Jahre sp\u00e4ter, wie zwei davon Hummus und Baba Ganoush verkaufen und genau damit Geld verdienen, wof\u00fcr sie schikaniert wurde, dann ist das ein herber Schlag in die Magengrube.\u00ab<\/p>\n<p>Beim D\u00f6ner k\u00f6nnte man also dar\u00fcber streiten, ob das Konzept der Cultural Appropriation greift, bei den Beispielen mit soupe joumou und Jerk wird es schwer, dagegen zu argumentieren. Doch: \u00bbSo wichtig es ist, Ungerechtigkeiten, Ausbeutung, Ausnutzung, Enteignung zu erkennen, das Konzept Cultural Appropriation wirft einige Fragen auf\u00ab, argumentiert <a href=\"https:\/\/www.falstaff.com\/profi\/newsbeitrag\/darf-es-noch-ein-glas-sein-alkohol-sucht-und-die-gastronomie\/\">Haberkern<\/a>. Zum Beispiel: \u00bbIst der Mechanismus des Ideenklaus nur in einer Richtung nicht ok? Und ist kulturelle Aneignung immer Enteignung?\u00ab Er nennt den Z\u00fcrcher Gastronomen Valentin Diem mit seinen Thai-Pop-Up \u00bbSoi Thai\u00ab als Best Practice-Modell, denn er habe sich auf Reisen inspirieren lassen, sei offen, verf\u00fcge \u00fcber eine kulturelle Eignung und mache G\u00e4ste gl\u00fccklich. \u00bbSchaut man sich an, <strong>welche Impulse von Gastronom:innen wie Valentin Diem ausgehen, dann scheint es eher eine kulturelle Entfachung zu sein<\/strong>.\u00ab Man k\u00f6nne das auch gut finden, so Haberkern, unabh\u00e4ngig davon, wer es anbiete.<\/p>\n<h2>Der Kultur gerecht werden<\/h2>\n<p>Wenig verwunderlich, sorgt der Vorwurf der von einigen der Branche ausgehenden kulturellen Aneignung f\u00fcr Diskussion. Dabei muss eines klar sein: \u00bbEs geht um die Kapitalisierung von Kulturg\u00fctern, ohne die Kultur zu w\u00fcrdigen\u00ab, f\u00fchrt Helen Fares, Moderatorin, Bildungsaktivistin und Psychologin, im Gespr\u00e4ch mit jetzt.de aus. <strong>Bedient man sich also kulinarischer Kulturen, so soll man diesen auch gerecht werden.<\/strong> Denn f\u00fcr die einen ist es das Picken der Rosinen aus der jeweiligen Kultur, f\u00fcr die anderen ist es Identit\u00e4t, die sie pr\u00e4gt. Fares betont aber, dass sich K\u00f6ch:innen keinesfalls auf die <a href=\"https:\/\/www.falstaff.com\/profi\/newsbeitrag\/roman-wurzer-nimmt-engagement-als-kuechendirektor-dreier-wiener-lokale-an\/\">K\u00fcche<\/a> ihrer eigenen Herkunftskultur beschr\u00e4nken sollten. Und weiter: \u00bbDas f\u00e4nde ich v\u00f6llig traurig und sinnlos. Ich finde es aber wichtig, mit bestehenden Rezepten und den Ursprungskulturen achtsam und respektvoll umzugehen, vor allem wenn Menschen aus diesen Kulturen in Deutschland von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind.\u00ab <strong>Bewusstsein \u00fcber das Problem ist also die Grundlage, Respekt das Schl\u00fcsselwort und Transparenz eine Notwendigkeit.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gastronomie erweitert sich seit einiger Zeit um eine sensible Dimension, jene der kulturellen Aneignung. Was man darunter versteht, womit sich K\u00f6ch:innen konfrontiert sehen und was es zu bedenken gilt, wenn man sich von anderen Kulturen \u00bbinspirieren\u00ab l\u00e4sst.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":18298,"template":"","meta":{"inline_featured_image":false,"site-sidebar-layout":"default","site-content-layout":"default","ast-site-content-layout":"default","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"default","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"default","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}}},"newskategorie":[13],"newstag":[26,143],"class_list":["post-18297","newsbeitrag","type-newsbeitrag","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","newskategorie-know-how-insider","newstag-kueche","newstag-kulinarik"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.3 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zum Vorwurf der kulturellen Aneignung in Gastro-K\u00fcchen: Eine Auseinandersetzung - Falstaff Profi<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.falstaff.com\/profi\/newsbeitrag\/zum-vorwurf-der-kulturellen-aneignung-in-gastro-kuechen-eine-auseinandersetzung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zum Vorwurf der kulturellen Aneignung in Gastro-K\u00fcchen: Eine Auseinandersetzung - Falstaff Profi\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Gastronomie erweitert sich seit einiger Zeit um eine sensible Dimension, jene der kulturellen Aneignung. 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