© Giuseppe Biancofiore

Edra-Gründerin Monica Mazzei im Interview: »Ich mag nur Dinge mit Charakter«

Passion für Eleganz und Komfort in einer Kombination aus Poetik und Technologie steht beim italienischen Familienunternehmen Edra ganz im Mittelpunkt. In der Tat inspirierende Prinzipien, die nicht ohne Grund von Generation zu Generation weitergegeben werden – und zwar von der Chefin und Gründerin selbst: Monica Mazzei verrät LIVING das Konzept des Handwerksbetriebs, das im Unternehmen stark verwurzelt ist.

15.06.2023 - By Angelika Rosam

LiVING  Signora Mazzei, es interessiert uns: Auf welchem Ihrer Sofas oder Sessel sitzen Sie am liebsten?

Monica Mazzei In meinem Haus gibt es eine große Komposition von »On the Rocks« und ein »Sherazade«-Sofa; sie spiegeln meine Art wider, das Haus entspannt zu leben! Dort lege ich mich auch gerne hin und lagere die Beine hoch. Aber es gibt auch das Sofa »Standalto« und den Sessel »Chiara«, die verschiedene funktionelle und sehr bequeme Sitzgelegenheiten mit dem intelligenten Kissen bieten.

Haben Sie eine Lieblingsfarbe?

Ich habe ein großes Faible für Farben, aber eine Lieblingsfarbe habe ich nicht. Früher war es Schwarz, das mag ich aber jetzt nicht mehr. Und Gelb liegt mir eigentlich auch nicht.

Ihr Unternehmen wurde dieses Jahr 36 Jahre alt. Wie kam es zu Edra und seiner Vision von revolutionären Möbeln?

Unser Unternehmen ist ein Familienbetrieb, unser Vater hat nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen, Möbel zu produzieren. Es war die Leidenschaft für diese Arbeit, die uns 1987 zur Gründung von Edra führte. Unsere Idee war es, ein völlig neues Projekt, ein Unternehmen, das mit innovativem und unabhängigem Geist forschen und gleichzeitig hochwertige Möbel herstellen wollte, zu entwickeln. Wir haben sofort mit neuen Materialien experimentiert und uns für die Zusammenarbeit mit Autoren entschieden, die in der Branche zwar nicht bekannt waren, aber große Ideen hatten.

Was sind Ihr Ziel und Ihre Vision bei der Erfindung Ihrer Möbel?

Einzigartige, originelle Möbel zu schaffen, die absolut unsere sind, die Komfort und zeitlose Grandezza vereinen.

Originell »Flap«, ein völlig neuer Sofatyp, der das traditionelle Konzept des Sitzens erneuert
und seine Funktionalität vervielfältigt – von Francesco Binfaré.

© beigestellt

Guter Austausch Mit Edra verbindet LIVING eine langjährige Partnerschaft und Freundschaft:
Herausgeberin Angelika Rosam zu Besuch bei Edra-Chefin Monica Mazzei beim Salone del Mobile im April.

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Wie gerne übernehmen Sie die Führungsrolle im Unternehmen?

Ich habe ein Ziel und suche nach dem besten Weg, um Teamarbeit aufzubauen. Wenn man sich über die Rollenverteilung, das Projekt und den Zeitplan im Klaren ist, haben Sie gewonnen. Auch Respekt ist enorm wichtig. Der ­Erfolg eines Unternehmens ist immer der ­Erfolg einer gemeinsamen Arbeit.

Wie bei vielen italienischen Unternehmen sind auch hier die jüngeren Generationen in das Unternehmen integriert. Wie haben Sie die ­Positionen Ihrer Familienmitglieder aufgeteilt?

Natürlich sind wir in der dritten Generation der Familie Mazzei. Seit vielen Jahren arbeiten die Söhne meines Bruders Valerio, Edoardo und Niccolò, in der Firma. Und seit ein paar Jahren ist auch mein Sohn Umberto hier tätig.

Flauschig, weich, elegant Völlig anpassungsfähig an die Wünsche der Benutzer:innen ist die Struktur der »Standalto«-Sofas von Designer Francesco Binfaré. edra.com

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Ihre Philosophie bedeutet, dass Sie »ewig ­aktuelle« Objekte schaffen. Es gibt also keinen zeitlichen Aspekt in Ihrer Produktion?

Nein, genau. Wir schreiben nicht einmal das Jahr der Herstellung in den Katalog. Auch wenn wir gerne unsere Geschichte zurück­verfolgen und die Etappen, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Es gibt Erfindungen wie das »intelligente Kissen«, die mehr als ein Jahrzehnt zurückliegen und heute aktueller sind denn je.

Wie wichtig ist das Verhältnis zwischen Schönheit und Produktqualität in der Unternehmensphilosophie?

Für uns sind die beiden Dinge nicht zu trennen. Schönheit liegt vor allem in der Idee, in der Form, aber auch in der Qualität der Materialien, in der Liebe zum Detail, in der Funktionalität. Oft ist das, was ein Produkt schön macht, auch die Technologie dahinter. All das ist Qualität, die für uns immer ein Grundwert ist, sie muss also so hoch wie möglich sein.

Die Produkte von Edra bringen mit ihren ­Funktionen eine hohe Leistung. Ein weiterer grundlegender Aspekt bei der Verwirklichung eines guten Sitzes?

Sicherlich sind die Materialien ausschlaggebend. Angefangen bei jenen für das Innenleben der Möbel – wir haben Gellyfoam patentiert, einen speziellen Schaumstoff, der sehr weich ist, jede Bewegung unterstützt und einen wunderbaren Komfort bietet – sind uns die Stoffe wichtig, die das ideale Kleid für jedes Produkt sind und sich deshalb angenehm anfühlen müssen.

Edra bedeutet »ein Ort für philosophische ­Gespräche«, was so treffend für die wunderschönen Stühle ist. Wie haben sich Ihre ­Philosophien im Laufe der Jahre verändert?

Ich hoffe nicht. Wir sind immer der Meinung, dass gute Projekte aus Begegnungen und Dialogen entstehen. Das ist unser großer Wunsch. Ein Dialog nicht nur zwischen den Menschen, sondern auch mit der Natur, der Architektur und der Landschaft.

Outdoorkollektion Der Name »A’mare« drückt die Liebe zusammen mit der Idee aus, Wasser in wertvollen Objekten erstarren zu lassen – von Jacopo Foggini.

© Alessandro Moggi

Wie sehen Sie die Rolle der Technologie und des Digitalen?

Wenn man die Technologie als eine allgemeine Bedingung versteht, die den Bereich der Kommunikation betrifft, würde ich sagen, dass sie heute eine notwendige Bedingung ist. Für uns hat sie sicherlich eine unterstützende Rolle. Wir sind bei den Werten der Renaissance, der Kunstwerkstatt, geblieben und nicht beim Digitalisierungsmarkt. Edra ist ein Unternehmen, das nicht online verkauft. Wir drucken Kataloge, Zeitschriften, Bücher … Wir tun das, was wir für angemessen und notwendig ­halten. Vor allem glauben wir an den Wert der wahren menschlichen Beziehungen.

Wie wählen Sie Ihre Designer und Kooperationspartner aus? Wahlverwandtschaften oder Absicherungen?

Wir sind an der Idee interessiert. Wenn eine Idee interessant ist, heiraten wir sie, egal, von wem sie kommt. Im Laufe der Jahre haben wir wichtige Beziehungen zu unseren Autoren aufgebaut, seit 1993 zu Francesco Binfaré, dem Designer vieler Sitzmöbel und intelligenter Projekte; seit 1997 zu den Brüdern Campana: Material und handwerkliches Geschick; seit 2007 zu Jacopo Foggini: Licht und Farbe in einzigartigen Stücken.

Gibt es eine Kollektion, die Ihnen besonders gut gefällt?

Ich habe keine Lieblingsmodelle. Jedes Projekt war wichtig für etwas, das mich etwas Neues entdecken ließ: ein Material, eine Form, einen Stoff, ein Licht …

Ein Thema, das in aller Munde ist: Nachhaltigkeit. Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um das Wohlergehen der Umwelt zu schützen oder sogar wiederherzustellen?

Das Unternehmen achtet sehr auf die ­Auswahl aller Materialien, Lieferanten und Verpackungen; alles, was wir tun, muss die Umwelt so wenig wie möglich belasten. Wir arbeiten immer mit qualifizierten und handwerklich ausgebildeten Menschen aus der Region. Für uns besteht die grundlegende Frage darin, Gegenständen Leben einzuhauchen, die über Jahre hinweg Bestand haben und im Laufe der Zeit nicht an Wert ver­lieren. Wie man in den Werkstätten der Renaissance sagte, ein »schönes und gut ­gemachtes« Produkt.

Wie wichtig ist für ein Unternehmen die ­Fähigkeit, sich selbst ständig zu hinterfragen?

Ich mag das Wort Herausforderung nicht. Ich würde sagen, dass das Schwierigste für ein Unternehmen darin besteht, auf dem eingeschlagenen Weg zu bleiben, sich immer zu verbessern und sich nicht zu verirren. Es ist eine Frage der starken Kohärenz und auch der Vision. Schätzen Sie, was wir getan ­haben. Vergessen Sie nicht die Prinzipien und Werte, mit denen wir geboren wurden.

Sitz im Blütenmeer! Der »Rose Chair« besteht aus Blütenblättern, die die Polsterung bilden – in Schwarz und Rot erhältlich.

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Die Skizzen zeigen die Entstehungsgeschichte.

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Wie haben Sie Ihr Haus eingerichtet? Welchen Stil bevorzugt Signora Edra zu Hause?

Mein Zuhause ist eine Sammlung von Proto­typen und Produkten aus der Kollektion, die ich besonders mag, wo ich mich wiederfinde und wohlfühle. Das ist mein Stil, ich glaube nicht, dass er kodierbar ist.

Gibt es einen Stil, den Sie wirklich nicht mögen?

Ich mag keinen »No Style«. Ich mag keine Modeerscheinungen. Ich mag Dinge, die ­Charakter haben. Ich mag Freiheit, sogar ­Chaos, in dem ich mich selbst finden und wohlfühlen kann.

Gibt es eine Einrichtung, die Sie gesehen haben und ganz fürchterlich finden?

Es gibt viele (lacht) … Ich mag die »Origi­nale«. Ich mag Authentizität. Ich respektiere jeden Stil und jeden Geschmack. Aber ich kann Kopien nicht ausstehen und ich finde sie sehr geschmacklos für diejenigen, die behaupten, sie zu entwerfen, und für die­jenigen, die sie herstellen, und: letztendlich auch für diejenigen, die sie kaufen.

Was haben Sie für die nächsten Jahre vor?

Schönheit soll auch in Zukunft bei uns als ein Lebenswert gesehen werden. Zu lieben, was man hat und was man tut. Immer neue Dinge und interessante Menschen kennen­zulernen, mit denen man das Dasein pflegen kann. In der Firma, in der Familie, mit Freunden – einfach überall und immer.

Imperiale Beauty Die zeitlose Eleganz des »Grande Soffice« erinnert an die Klassik, seine lineare Form endet in weichen Kurven – Designer Francesco Binfaré.

© beigestellt

Erschienen in:

Falstaff LIVING Nr. 04/2023

Genuss – das ist zentrales Thema der Falstaff-Magazine. Nun stellen wir das perfekte Surrounding dafür in den Mittelpunkt. Das Ambiente beeinflusst unsere Sinneseindrücke – darum präsentiert Falstaff LIVING Wohnkultur und Immobilien für Genießer!

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