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Schlafexperten im Talk: Schlaf ist ein Kraftstoff

Schlaf macht schön, gesund und zufrieden. Warum er so ­wichtig ist und wie man besser schläft, verraten uns Expert:innen Melanie Pesendorfer und Dr. Guy Meadows.

11.05.2023 - By Elisabeth Klokar

Womit verbringen wir unser Leben? Humorvoll zitiert und interpretiert Michael Niavarani in seinem Kabarettprogramm »Encyclopaedia Niavaranica« dafür Fakten aus dem Buch »Leben, Natur, Wissenschaft: Alles, was man wissen muss«, um uns Sinn oder Unsinn unseres Daseins vor Augen zu führen. Laut diesen Zeitangaben verbringt ein:e Erdenbürger:in während der angenommenen 70 Lebensjahre 31 Jahre mit Medienkonsum und 23 (ver)schläft sie oder er. Niavarini salopp dazu: »Wenn ich 23 Jahre schlafe, warum bin ich dann immer so müde?« Es könnte möglicherweise mit den rund 1,45 Jahren zu tun haben, die wir telefonierend verbringen, und den acht Monaten, die wir in Summe für das Löschen der Spam-E-Mails aufbringen. Was hier Kabarett ist, ist aber pure Realität, plus Stress, Ängste, Leistungsdruck und eben die Digitalisierung führen dazu, dass wir leider immer schlechter schlafen: »Vor 20 Jahren gaben 70 Prozent in Österreich an, gute Schläfer:innen zu sein. Jetzt ist die Zahl auf 30 Prozent gesunken«, verdeutlicht Schlafcoachin Melanie Pesendorfer die Entwicklung. Menschen befinden sich in einer permanenten Anspannung, Frauen mehr als Männer. »Das weibliche Gehirn verarbeitet Informationen breiter und vernetzter, Männer denken fokussierter«, erklärt Pesendorfer den Grund, warum Frauen auch länger schlafen sollten.

Dr. Guy Meadows, Schlafphysiologe, Mitgründer der Sleep School in London und Autor des Ratgebers »The Sleep Book, How to Sleep Well Every Night«, erklärt dazu in seinem Buch: »Schlaf ist das stärkste Mittel zur Leistungssteigerung, das die Menschheit kennt.« Er hat herausgefunden, dass das Geheimnis für guten Schlaf nicht darin ­liege, was man tut, sondern darin, was man lernt, nicht zu tun. Handy, Laptop und Co. sollte man vor dem Schlafengehen zum Beispiel nicht mehr nutzen. Warum? Das blaue Bildschirmlicht stört die Melatonin­produktion. Neue Routinen können zudem helfen, den Schlaf zu verbessern. Dafür empfiehlt der Experte, nach dem frühen Nachmittag kein Koffein mehr zu sich zu nehmen. Ein paar Minuten meditieren stärke hingegen den Geist und führe zur Entspannung, zügiges Spazieren im Freien bringe Energie.

Natürliches Licht ist zu bevorzugen, je mehr, desto besser. Auch wenn dies im Winter schwieriger ist als im Sommer, ist Tageslicht für die Aufrechterhaltung des natürlichen Schlafrhythmus entscheidend, der übrigens auch bei jedem Menschen anders ist. Winston Churchill schlief weniger als sechs Stunden, Leonardo da Vinci genügten Gerüchten zufolge alle paar Stunden kurze Nickerchen. Schlafen ist individuell, sieben bis neun Stunden Schlummerzeit gelten aber als erstrebenswert. Ist Schlaf also ein Luxus in unserer Gesellschaft? »Er ist es geworden. Wir müssen sehr viel leisten, der Selbstoptimierungsdrang ist hoch. Ich empfehle Achtsamkeit – kontemplative Übungen – und einmal bewusst nichts tun«, rät die Schlafcoachin. 

»Das weibliche Gehirn verarbeitet Informationen breiter und vernetzter, Männer denken fokussierter.«
Melanie Pesendorfer Schlafcoachin

Gut schlafen: Tipps von Schlafcoachin Melanie Pesendorfer

1) Sauerstoff: vor dem Schlafengehen kurz lüften. 

2) Schlafzimmer: auf eine sichere und leise Atmosphäre achten: (elektronische) Störquellen entfernen, Fenster verdunkeln, gesunde Materialien und angenehme Farben wählen.

3) Beratung: Qualität und Härtegrad der Matratze sind entscheidend.

4) Chronotyp: Entspannungs- und Aktivitätsphasen individuell abstimmen.

5) Ruhiger Geist: Dankbarkeit, Demut und Humor ins Leben integrieren.

Die Kunst, Gut zu Schlafen

Wie lange, wie gut, wo und mit wem man schläft – Schlaf ist eine der privatesten Angelegenheiten – oder auch nicht: 134.000 Ergebnisse liefert die Google-Bücher-Suchanfrage »guter Schlaf«, allein 23.000 stammen aus den letzten 20 Jahren, die meisten sind Ratgeber. Aus einem anderen Blickwinkel betrachteten Philosoph:in-nen, Künstler:innen und Schrift-steller:innen die Thematik Schlaf: »Die Wachen haben eine gemeinsame Welt, im Schlaf wendet sich jeder seiner eigenen zu«, schreibt der griechische Philosoph Heraklit. Andy Warhol filmte 1963 seinen damaligen Lebensgefährten John Giorno sechs Stunden lang beim Schlafen, Tracey Emins »ungemachtes Bett« ist das berühmteste der Welt. Im 19. Jahrhundert befasste sich die Psychologie mit dem Thema. Die ersten Ergebnisse von Hinströmen lieferte der Neurologe Hans Berger, als er 1924 Elektroenzephalographien (EEG) am Menschen durchführte. Die wissenschaftliche Schlafforschung selbst ist jung, erst seit den 50er-Jahren gilt sie als Teildisziplin der Medizin. Seither weiß man um den Einfluss des Schlafes auf die Gesundheit. »Wie gut man schläft, ist wichtiger als die Schlafdauer.« Auf dieses Ergebnis kam Studienleiterin und Soziologin Michaela Kudrnáčová mit ihrem Team von der Karls-Universität in Prag. Die Ergebnisse wurden im März 2023 im Fachjournal »Plos One« veröffentlicht. Ein erholsamer Schlaf mit ausreichend Tiefschlafphasen wirke sich auf jeden einzelnen biologischen Prozess positiv aus, weiß Meadows, daher ist seine Empfehlung: »Räumen Sie dem Schlaf im Leben einen höheren Stellenwert ein.«

»Schlaf ist das stärkste Mittel zur Leistungssteigerung, das die Menschheit kennt.«
Dr. Guy Meadows
Schlafphysiologe

Erschienen in:

Falstaff LIVING Nr. 03/2023

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