(c) Heldwein

Nachhaltigkeit ist ein aktueller Megatrend – auch bei Schmuck. Die Interpretation, was unter »Responsible Jewelry« verstanden wird, ist jedoch fast so facettenreich wie ein Brillant.

23.11.2023 - By Irmie Schüch-Schamburek

Header Bild: Lokale Handwerkskunst Alle Schmuckstücke des Ateliers Heldwein werden mit höchster Handwerkskunst und aus recyceltem Gold gefertigt.

Es gibt keine standardisierte Definition, welche beziehungsweise wie viele Kriterien verantwortungsvoll produzierter Schmuck erfüllen muss, um ihn als solchen deklarieren zu können. Es steht also Schmuckmarken und -designern, Juwe­lieren, Goldschmieden und Produzenten frei, individuelle Erklärungen zu formulieren, um die Nachhaltigkeit ihrer Produkte zu definieren. Und selbst für diese Experten ist es nicht einfach, sich im Dschungel der unterschiedlichen Nachhaltigkeitszugänge und Zertifikate zurechtzufinden.

ZWEIFELHAFTE ZERTIFIKATE

Zwar bescheinigen etliche Zertifikate beispielsweise die Verwendung von recyceltem und damit nachhaltigem »Altgold«. Dies zu umgehen, ist jedoch erdenklich einfach. ­Zerschlägt man etwa einen konventionell geförderten und somit umweltbelasteten Goldbarren und bringt die Bruchstücke in eine Scheideanstalt, macht diese daraus »recyceltes« Gold, möglicherweise sogar mit dem anerkannten RJC-Gütesiegel. Denn die RJC-Zertifizierung erhält ein Betrieb mit der Mitgliedschaft beim »Responsible Jewelry Council«. Daher bietet die österreichische Scheideanstalt Ögussa neben recyceltem Gold auch zertifiziertes recyceltes Gold an, das etwas teurer ist. Bei diesem wird vor dem Einschmelzen zusätzlich überprüft, ob es sich dabei tatsächlich um Altgold handelt.

ECHT NACHHALTIG

Verlässliche internationale Zertifikate für Edelsteine gibt es hingegen noch nicht. Edelsteinhändler verkaufen ihre Juwelen daher mit international anerkannten, unabhängigen Zertifikaten gemmologischer Labors. Im Gegensatz zu herkömmlich geschürftem Gold, das im Abbau und in der Aufbereitung durchschnittlich 30.000 Kilogramm CO2-Äquivalent pro Kilogramm Gold verursacht, entsteht bei Recycling-Gold, das aus Altgold produziert wird, welches durch sogenanntes »Urban Mining« gesammelt wird, nur ein Fußabdruck von 50 Kilogramm CO2. Als nachhaltiges Ausgangsmaterial stehen auch »Fairmined«- und »Fairtrade«-Gold zur Verfügung. Diese Standards garantieren legale Bergbaubetriebe, Umweltschutz, die Reduzierung giftiger Chemikalien wie Quecksilber und Zyanid, gute Arbeitsbedingungen sowie die Rückverfolgbarkeit der Mineralien. Darüber hinaus gibt es bei »Fairmined«-Gold eine Unterstützung der sozioökonomischen ­Entwicklung der Gemeinden. »Fairmined Ecological«-Gold und »Mercury Free Mining« sind noch nachhaltiger, da innerhalb der Bergbauorganisation ohne den Einsatz giftiger Chemikalien Gold gewonnen und verarbeitet wird.

GOLDENES HANDWERK

Wie nachhaltig ist Handarbeit im Vergleich zu industrieller Fertigung von Goldschmuck? Auch wenn der erste Impuls zur Handwerkskunst tendiert, muss diese Nachhaltigkeits­facette ebenfalls differenzierter betrachtet ­werden. Maschinelle Kettenerzeugung, sofern die simplen Gliederketten als Trägermedium für einen Anhänger oder Ähnliches dienen, sind ein gutes Beispiel für die Vorzüge industrieller Produktion gegenüber Handwerk. Sie ist nicht nur wesentlich schneller sowie ressourcenschonender, sondern auch viel günstiger und qualitativ zumindest gleichwertig im Vergleich zur Handarbeit. Das gilt auch für etliche Ring-Rohlinge. Handarbeit – ausgenommen manuelle Produktionsschritte – ist vor allem dann gut und wichtig, wenn es sich um kunsthandwerkliche, hochwertige und/oder individuelle Schmuckstücke handelt.

SCHÖNER SCHEIN

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Inwieweit vergoldeter Silberschmuck wirklich nachhaltig sein kann, ist eine weitere Frage. Silber ist zwar in der Ökobilanz viel besser als Gold, aber langlebig ist vergoldeter Silberschmuck zumeist nicht – und er wird nur in seltenen Fällen bei Abnützung neuerlich vergoldet oder zum »Urban Mining« gebracht. Dennoch ­finden sich in diesem Produktsegment die meisten Marken, die Nachhaltigkeit propagieren. Seit Neuestem auch mit sogenannten »Manufaktur«-Diamanten. Darunter versteht man unter künstlichem Druck maschinell gefertigte Diamanten. Zwar ist ihre Ökobilanz besser als bei der Schürfung von Naturdiamanten, aber die Herstellung der sündteuren Maschinen und die damit einhergehende Umweltbelastung sowie schlechte Arbeitsbedingungen im Rahmen der zumeist in China gefertigten Waren relativieren dies wiederum.

TRAUM & WIRKLICHKEIT

Inwieweit unterscheiden sich die Vorstellungen der Kunden, was das Image einer Marke betrifft, von der tatsächlichen Produktions­realität? Insbesondere, wenn es um junge Zielgruppen geht, vermitteln viele Marken das Bild eines glücklichen Goldschmieds in einem exotischen Land, der unter fairen Bedingungen angeblich nachhaltig hergestelltes Edel­metall zu feinen Schmuckstücken verarbeitet. Tatsächlich ist allerdings nur ein Bruchteil der Tätigkeiten an dem Werkstück Handarbeit und die Transparenz punkto nachhaltiger Materialgewinnung zumeist nicht gegeben. Der Schmuck kann theoretisch natürlich trotzdem wie behauptet fair und nachhaltig produziert worden sein, aber bei der Darstellung wird dennoch nur ein kleiner Teil der Produktionskette, eben jener, der genau dieses idealisierte Bild vermittelt, gezeigt. Wer sich wirklich dafür interessiert, wie nachhaltig sein Schmuck produziert wurde, muss selbst nachfragen.

VERTRAUENSSACHE

Verantwortungsvoller Schmuck ist ein komplexes Thema. Es beinhaltet nicht nur Hard Facts wie Materialauswahl und -gewinnung, Produktionsprozess und -bedingungen, Transport und Verkauf, sondern auch Soft Facts wie ethische Verpflichtungen, konfliktfreie Lieferketten sowie Achtsamkeit und Transparenz – auch bei der Kommunikation mit den Kunden. Letztlich liegt es am Konsumenten, zu entscheiden, welchen Informationen er vertraut und ­welchen Kriterien ihm wichtig sind – um sich lange und uneingeschränkt an einem Schmuckstück zu erfreuen.

Schön & gut Faire Gewinnung von Rohstoffen sowie eine ebensolche Produktion erfüllen bereits diverse Hersteller, das Zertifikat bürgt dafür.

Nachhaltiger Luxus. Ökologisch achtsam sowie fair produziert: diamantbesetzte Weißgold-Ohrringe der »Green Carpet Collection« von Chopard, Mitglied des Responsible Jewelry Council.

(c) Chopard

Astrid Fialka-Herics: »Wenn genügend Schmuckkäufer Nachhaltigkeit verlangen, wird der Weltmarkt darauf reagieren müssen.«

(c) beigestellt

Vintage Love Pre-owned Weißgold-Parure mit Saphiren, Rubinen und Diamanten besetzt, bestehend aus einem Collier mit Armband, von Dorotheum Auktion.

(c) Dorotheum

Astrid Fialka-Herics im Interview

LIVING: Wie sehen Sie als Leiterin der Dorotheum Auktion Juwelen- und Uhrenabteilung das Thema Nachhaltigkeit?

Astrid Fialka-Herics: Der Kauf von altem beziehungsweise getragenem Schmuck ist immer nachhaltig. Einerseits, da es keine umweltbelastenden Prozesse, ethisch fragwürdigen Schürfmethoden sowie ökologische Ressourcen für die Herstellung mehr benötigt, andererseits können das ­Edelmetall sowie Steine und Perlen für die ­Entstehung eines neuen Schmuckstückes ­wiederverwertet werden.

Unterscheiden sich alte Edelsteine von neu geschürften Farbsteinen?

Farbedelsteine in Vintage-Schmuckstücken sind, falls sie nicht im Nachhinein behandelt, wurden, unbehandelt und somit zumeist natür­licher und damit rarer als neue Steine. Erst letztens haben wir bei einer Begutachtung einen wahren Schatz entdeckt. Die natürliche Schönheit des Farbedelsteins hat den Wert des Schmuckstücks enorm gesteigert.

Sind Perlen im Vergleich zu Diamanten und Farbsteinen besonders nachhaltig?

Ja, Perlen werden in keinen politisch prekären Gebieten kultiviert und es gibt keine umweltbedenklichen Prozesse – insbesondere bei sogenannten Orient- oder Naturperlen. Sie gedeihen ohne menschliches Zutun im Meer und entfalten ihre maximale Schönheit nur bei optimalen Umweltbedingungen. Gleiches gilt für Korallen. Da die Wasserqualität der Riffe immer schlechter wird, ist zu befürchten, dass Korallen immer rarer werden und sie bald nur noch in Pre-owned-Schmuckstücken erhältlich sein werden.

Naturnah »Wild Rose«-Ohrclip in Blütenform aus Gelbgold und mit Diamanten besetzt, von Ole Lynggaard Copenhagen.

(c) beigestellt

Umweltfreundlich Die Kollektion »Bouquando« aus der Linie »Flowertimes von Bernd Wolf wird ausschließlich mit Gold aus zertifizierten, ethisch einwandfreien Quellen hergestellt.

Erschienen in:

Falstaff THE JEWELRY EDITION 01/23

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