Bernd Kreis: Ein Sommelier durch und durch

Ulrich Sautter, 18.04.2019

Mit Bernd Kreis hat die Falstaff-Jury einen Weinhändler zum »Sommelier des Jahres« gewählt. Doch Kreis ist kein Weinhändler wie jeder andere.

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Darf man jemanden als »Sommelier des Jahres« nominieren, wenn er schon seit 15 Jahren nicht mehr im gastronomischen Tagesgeschäft tätig ist? Das Falstaff-Team war sich anfangs unsicher bei der Beantwortung dieser Frage, entschied sich dann aber doch für die Nominierung. Und siehe da: Die Jury stimmte in geheimer, notariell beglaubigter Wahl für Kreis. So ist der Stuttgarter Weinhändler 27 Jahre nach seiner Auszeichnung als Meilleur Sommelier d’Europe nun auch Falstaff-»Sommelier des Jahres« 2019. Vermutlich hat am Kandidaten Kreis gerade überzeugt, dass er der Berufung zur Sommelerie einen so weit gefassten Ausdruck verleiht. Kreis steht nicht mehr im Restaurant, um Gäste zu beraten. Aber die Art, wie der 55-Jährige Weinhandel lebt, ist Sommelerie mit anderen Mitteln: Sein Sortiment ist geradezu ein kulinarisches Statement. Strunzweine sucht man in diesem Angebot vergeblich. Der rote Faden der Weinauswahl ist stilistischer Anstand: Gefragt sind Winzer, die handwerkliches Können mit einem akzeptablen Verständnis der Naturbedingungen verbinden. Und dadurch Weine erzeugen, die sich auf natürliche Weise als Speisenbegleiter eignen. Wollte man das typische Kreis-Weingut charakterisieren, könnte man sagen: Es genießt in Fachkreisen höchste Anerkennung, ist nur selten ein großer Star in der Öffentlichkeit, sondern eher die Art von Betrieb, den andere Winzer nennen, wenn sie nach einem beispielhaften Kollegen gefragt werden. So führt Kreis nicht etwa die La La’s von Guigal, sondern die Côte Rôties von Jean-Paul Jamet, die die Wucht der Appellation mit unglaublicher Finesse paaren. Sein Bordeaux-Sortiment kommt völlig ohne klassifizierte Namen aus, stattdessen verkauft Kreis mit Überzeugung Weine wie Le Tertre Rôteboeuf, Clos Puy Arnaud oder den völlig ohne Holzkontakt ausgebauten Margaux Bel Air Marquis d’Aligre. Bei den Herkünften leuchtet Kreis mit Vorliebe auch die blinden Flecken der Wein-Landkarte aus: Cahors und Arlanza, Bairrada und das Traisental. In Württemberg, wo der gebürtige Hesse seit seinen Jahren bei Vincent Klink in der Wielandshöhe fest verwurzelt ist, ist Kreis nicht nur stiller Betrachter geblieben. Legendär ist eine Stellungnahme Kreis’ im Stuttgarter Landtag, in der er 1996 brandmarkte, dass der Trollinger die besten Lagen Württembergs blockiere. Darauf titelte die Bildzeitung »Sommelier will Trollinger verbieten«, und Kreis bekam sogar Prügel angedroht. Doch der Entrüstung folgte die Einsicht, dass die Diagnose komplett richtig war: Mit dem enormen Arbeitsaufwand, den die Pflege des Trollingers erfordert, lassen sich auch Lemberger und Spätburgunder erzeugen oder andere Sorten mit größerem Potenzial. Wenn heute gerade der Großraum Stuttgart mit erstaunlichen Cabernet-Merlot-Blends aufhorchen lässt, dann ist das auch eine Folge der damaligen Kreis’schen Provokation.

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