Der Rheingau (im Bild: Rüdesheim mit Blick auf Bingen am anderen Rheinufer) war im ausgehenden Mittelalter das natürliche Habitat des Orleans.

Die zweite Chance des Orleans

Ulrich Sautter, 26.11.2019

Bevor der Riesling seinen Siegeszug antrat, wuchs in Deutschlands Weinbergen eine eigenwillige Sorte namens Gelber Orleans. Jetzt beginnen Spitzenwinzer, sie wiederzuentdecken.

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Dies muss der stillste Flecken in ganz Rüdesheim sein. Dutzende Meter entfernt in der Tiefe strömt geräuschlos der Rhein, dazwischen und links und rechts und oberhalb sieht man nichts als Reben ihr Laub der Sonne entgegenrecken – einem endlos blauen Himmel entgegen. Weit, sehr weit entfernt sind hier das Gewusel der Touristen und ihr Stimmengewirr in den Gassen des Ortskerns. Auf verschlungenen Wegen ist Theresa Breuer an diesen Punkt ganz im Westen des Rüdes­heimer Bergs gefahren. Steigt man aus dem Wagen, fühlt es sich an, als gelange man mitten hinein in eine Wildnis, die nur notdürftig gezähmt ist mit Mauern, Feldwegen und den Drahtan­lagen der Reben. Theresa Breuer breitet die Arme aus: »Hier steht er – unser Orleans. Das Flurstück trägt den alten Namen Or­leansberg. Das war für meinen Vater der Anstoß, zusammen mit Professor Becker aus Geisenheim nach dieser praktisch ausgestorbenen Sorte zu fahnden.« Und tatsächlich fanden sich in auf­gelassenen, verbuschten Terrassen in der Nähe noch Orleans-Stöcke. Deren Reiser wurden geduldig vermehrt, bis Bernhard Breuer schließlich im Jahr 1994 eine kleine Parzelle anlegen konnte, fünf Ar in einem optimal gelegenen Stück in Hangmitte auf kargem Boden. Ganz so, wie es noch die Weinbauliteratur des 19. Jahrhunderts empfiehlt.

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