Essay: Asiatisch genug?

Karl Markus Gauss, 08.09.2019

Viele Speisen waren immer schon Migranten. Da wollen unsere Gaumen und Mägen keine Nationalisten sein. Über Erfahrungen beim Essen in Japan und Österreich.

Werbung

Die erste chinesische Gaststätte Österreichs wurde im 19. Jahrhundert in einem kleinen Ort im Pinzgau eröffnet. Es war das Werk eines verachteten Sonderlings und grandiosen Träumers, der in Piesendorf der Enge und den Zwängen der Heimat sein eigenes kleines China entgegensetzte. Sebastian Perfeller scheiterte in seinem Leben mit allem, was er anfing, sein Schmiedeunternehmen führte er in den Konkurs, mit seiner Familie überwarf er sich, von den Nachbarn wurde er verspottet. Aber mit über fünfzig Jahren begann er 1867 auf einem steilen Grundstück Häuser, Pagoden, Türmchen, Treppen, Galerien, Pavillons zu bauen, alles aus Holz, alles mit eigener Hand gefertigt: eine anmutige Welt für sich, die er, der nie in China war, alten Büchern und Bildern nachgebildet hatte. Und mitten hinein in sein privates Kleinchina setzte Perfeller ein Rast- und Gasthaus in chinesischem Stil, das Speisen anbot, die er für chinesisch hielt.

Weiterlesen

Werbung