Nik Weis: Von Zinnsoldaten und ewigem Weinbau

Ulrich Sautter, 02.04.2019

Der namhafte Moselwinzer Nik Weis und sein Mitarbeiter Hermann Jostock haben sich die Bewahrung alter Riesling-Klone zur Aufgabe gemacht. Ein flammendes Plädoyer für den Wert genetischer Vielfalt.

Werbung

Derzeit reden alle über das Terroir als Haupteinfluss für den Wein, und die Herkunft ist ja auch wichtig, aber oft wird dann die Rebe an sich völlig außer Acht gelassen. Selbst unter Winzern hört man da sehr wenig. Wenn es ein Thema ist, dann hört man was über alte Reben, und der weininteressierte Kunde fragt: »Ja wie alt sind die denn, und was zeichnet die aus?« Dann kommt vom Winzer meist: »Alte Reben wurzeln tief.« Und das ist ja auch erst mal richtig. Wenn man das, was man über der Oberfläche vom Rebstock sieht, ins Verhältnis setzt zum Wurzelbaum unter der Erde, dann ist das Verhältnis bei einem zehnjährigen Stock eins zu eins, bei einem 40-jährigen Stock ist die Wurzelfläche um ein Vielfaches größer als der Stock mitsamt dem Laub über der Erde. Trotzdem wird das alte Reben-Thema oft falsch verkauft – indem man nämlich sagt: Der Weinberg wurde um 1900 gepflanzt. Ich spreche viel lieber vom »ewigen Weinbau«. Denn in diesem alten Weinberg ist natürlich im Laufe der Zeit immer mal eine Rebe gestorben. Ist ja kein Wunder, das ist wie bei allen Lebewesen. Manche sterben durch Krankheiten, andere durch Hitze oder Frost oder tierische Schädlinge. Oder auch, wie man früher sagte, am »Eisenwurm«, wenn man einen Stock mit dem eisernen Pflug erwischt hatte. Und wenn man in einem solchen alten Weinberg die ausgefallenen Stöcke nachgepflanzt hat, dann passierte das natürlich nicht mit demselben Pflanzgut wie ursprünglich. Da kommt über die Jahre eine große genetische Varianz zusammen! Wenn jemand 1930 nachgepflanzt hat, dann kamen die Reiser von einer anderen Rebschule und von einem anderen Klon als nach dem Zweiten Weltkrieg oder in den Siebzigerjahren. Jetzt müssen wir in unserer Betrachtung an die Mosel zoomen. Bei uns war das erste einschneidende Erlebnis das Edikt von Clemens Wenzeslaus 1787: »Ihr habt jetzt zehn Jahre Zeit und müsst dann alles auf Riesling umgepflanzt haben.« Das war ein absoluter Game-Changer – die letzten 200 Jahre hat man sich hier fast nur noch um Riesling gekümmert, wenn man davon absieht, dass im 19. Jahrhundert hier und dort auch etwas Pinot Noir wuchs. Und dann kam mit dem Amerikahandel auf einmal der falsche Mehltau. Peronospora kannte man ja vorher gar nicht. Anschließend kam gleich der nächste Hammer, die Reblaus. Eine Totalkatastrophe.

Weiterlesen

Werbung