Modern und stylisch: die Bodegas Marqués de Riscal in Elciego, erbaut vom Architekten des Guggenheim Museums in Bilbao, Frank O. Gehry.

Rioja Reloaded

Ulrich Sautter, 13.06.2016

Tradition und Moderne, Burgund und Bordeaux – Spaniens Rotwein-Eldorado Rioja steht wie kaum eine andere Weinbauregion im Spannungsfeld gegensätzlicher Einflüsse. Nun kommt noch eine andere Richtung hinzu: Die Weine einer neuen Generation passen in keine Schublade – und sind vielleicht deshalb typischer Rioja denn je.

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Über Nacht ist Schnee gefallen in der Sierra Cantabria. Weiß leuchtet das Bergmassiv unter dem blauen Himmel fast bis auf die Höhe der Weinberge hinab, die sich als Flickenteppich von Terrassen und Hängen in alle Himmelsrichtungen ausdehnen. Es ist Ende Februar, die Morgenluft ist kühl, doch schon die ers­ten Sonnenstrahlen haben den Frost vertrieben. Friedlich liegt das Dorf El Villar auf einer Erhebung in der Vorbergzone des Gebirges, mit Macht überragt von einer trutzigen Steinkirche mit Turm und auffällig hohem Kirchenschiff. David Sampedro Gil tritt aus der Türe seines Hauses vis-à-vis des Gotteshauses und hält zwei Flaschen Wein in seiner Rechten, wendet seinen Schritt, geht über eine Rampe abwärts, um unten vom Hof den Keller aufzuschließen. Das Licht fällt auf Fässer und rudimentäres Werkzeug zum Weinmachen. »Hier keltere ich seit 2003 meinen eigenen Wein«, sagt der 38-Jährige. »Irgendwann möchte ich auch mal größere Fässer als diese 500-Liter-Halbstücke anschaffen, richtige ­Fuder – aber momentan reicht das Geld ­dafür nicht.« Sampedro Gil ist ein Exot in Rioja: Fünf Hektar Reben bewirtschaftet er. Fast nichts aus der Perspektive einer Region, in der manche Betriebe vierstellige Hektargröße erreichen. Diese Seite seiner Heimat kennt der junge Önologe ebenfalls: Nach dem Studium arbeitete er einige Zeit für eine große Bodega, ehe er sich selbstständig machte – und der Biodynamik zuwandte. Der Start in die Selbstständigkeit war gut vorbereitet: Schon 1999 legte Sampedro Gil in einer Südlage 35 Ar mit der Rebsorte Graciano an. Graciano, das ist im Spektrum der vier roten Rioja-Sorten die Nummer vier: eigentlich unentbehrlich als Säurereserve, aber im Anbau eine Diva. Und in vielen Betrieben verschwunden. »›Der wird doch nie reif!‹, sagten mir die Nachbarn. Und sie haben natürlich recht mit ihrer Behauptung, wenn man ­einen Riesenertrag erwartet.« Dann zieht Sampedro Gil den Korken aus einer Flasche »Phinca Abajera«, Jahrgang 2010: eine Kelterung, in der der Ertrag genau dieses Graciano-Weinbergs enthalten ist, zusammen mit demjenigen einer hal­ben Hektare Mischsatz, den Sampedro Gils Großvater 1929 angelegt hatte, bestockt mit etwa zwei Dritteln Tempranillo, etwas Garnacha und rund 15 Prozent weißen Trauben. Die kühle Frische dieses Weins und die Präg­nanz, mit der er die Mineralität der Kalkböden ins Glas bringt, fügen dem gewohnten Bild des Rioja einen neuen, bisher unbekannten Aspekt hinzu.

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