In Deutschland konnten die Trauben bis zum idealen Reifezustand am Stock bleiben.

Top & Flop: Der Weinjahrgang 2015

Martin Kilchmann, Othmar Kiem, Peter Moser, Ulrich Sautter, 14.04.2016

Euphorisch blicken Europas Winzer dem Jahrgang 2015 entgegen – trotz minderer Menge hoffen viele auf Potenzial in den Trauben. Andernorts gilt 2015 als Albtraumjahr.

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Ein milder und trockener Winter, ein warmes Frühjahr und ein heißer, trockener Sommer weckten bei den deutschen Winzern quer durch alle Anbaugebiete Erinnerungen an den Hitzejahrgang 2003. Zu Beginn des Herbstes wurden die Nerven der Winzer jedoch auf die Probe gestellt: Je nach Anbaugebiet begann es Anfang oder Mitte September zu regnen. Damit waren die Parallelen zum Jahrgang 2003 dahin – und die Produzenten stellten sich die bange Frage, ob der 2015er-Jahrgang stattdessen ein zweiter 2006er werden würde: Würden die Beeren durch das von den Stöcken aufgenommene Wasser aufplatzen und faulen? Glücklicherweise schloss sich jedoch weitgehend trockenes, windiges und eher kühles Wetter an. Dadurch konnten die Trauben fast überall bis zum idealen Reifezustand am Stock bleiben. Wer Botrytis für edelsüße Weine suchte, musste oft bis Ende Oktober warten. Dabei ist es eine Besonderheit des Jahrgangs 2015, dass vor allem in südlichen Anbaugebieten wie der Pfalz und in Baden die hochwertigsten trockenen Weine oft ganz zu Beginn der Leseperiode eingekellert werden konnten, bei guter Reife und einem idealen Verhältnis von Alkohol und Säure. Generell brachte der Jahrgang 2015 Weine mit hohen Mostgewichten. Alkoholexzesse scheinen dennoch die Ausnahme zu sein: Denn zum einen haben die Winzer seit 2003 sehr viel besser gelernt, mit heißen und trockenen Jahren umzugehen. Zum anderen ermöglichte der Jahrgang 2015, vermutlich mitbedingt durch den relativ kühlen Herbst, sehr gute Säurewerte: Dadurch sind Kraft und Dichte von Nerv und Frische balanciert. Nicht zuletzt die Rotweinregionen melden Weine mit großem Potenzial. Quantitativ ist 2015 ein durchschnittlicher Jahrgang. Trotz der relativ kleinen Beeren haben nur wenige Anbaugebiete einen Ertrag unter dem langjährigen Mittel – ein Zeichen für den guten Gesundheitszustand der Trauben. Nicht zuletzt blieb ein Faktor, der den Winzern im vergangenen Jahr Sorgenfalten auf die Stirn getrieben hatte, 2015 praktisch bedeutungslos: Die aus Asien zugewanderte Kirschessigfliege hielt sich von den Weinbergen fern – möglicherweise bekommt ihr trockene Hitze nicht.

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