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Matteo Thun: Drei Zeros für die Nachhaltigkeit

In einem neuen Tourismusprojekt am Gardasee übernimmt die Natur die Hauptrolle. Geplant wurde es von Stararchitekt Matteo Thun. LIVING traf den Kreativen in Mailand und fragte nach, warum es so oft zu einem architektonischen Einheitsbrei kommt und welche Alternative es im Bereich Nachhaltigkeits-Greenwashing gibt.

14.09.2023 - By Heimo Rollett

Holistisch Futuristische Grafiken, polyedres Holzparkett, klare Linien und doch eine pulsierende Stimmung – kaum ein anderer schafft es, so holistisch zu arbeiten.

© Bar Campari

Italien in Wien Die einzigartige Atmosphäre der Wiener Campari Bar ist dem Geschick Matteo Thuns zu verdanken.

© Bar Campari

Header: Zurückhaltender Alleskönner: Von Möbeln und Uhren über neuartige Gesundheitszentren bis zum Biomasse-Kraftwerk: Matteo Thun ist trotz seines Ouvres ein intelligenter Gentleman geblieben. matteothun.com

LIVING  Welche Rolle hat Design in einer wohlstandsverwöhnten Gesellschaft? Und ist nicht alles schon zum Design und zur Marke geworden?

Matteo Thun  Wir brauchen keine neuen Stühle. Wir in Europa haben eine Überdosis von allem, ob das Kleider, Nahrung oder Designobjekte sind. Die Jungen wollen zum Beispiel auch kein Auto mehr besitzen, sie mieten eines, wenn’s gar nicht anders geht. Das ist eines der Symptome, die mich positiv stimmen. Der Gewinner ist das Fahrrad. Wir sind rund hundert Leute im Büro, davon sind mit Sicherheit heute 90 mit dem Fahrrad angeradelt.

Ordnen Sie alles ihrer eigenen Idee unter oder plant man ausschließlich für die Nutzer:innen?

Es ist davon abhängig, für wen man was plant. Ist es ein Hospitality-Projekt, steht oft eine große Hotelkette mit entsprechenden Budgets dahinter. Als Architekt steht hier oft die Schönheit der Ökonomie im Vordergrund. Architekten sind eingekesselt zwischen gesetzlichen und ökonomischen Vorgaben, der Raum dazwischen ist unser Geschäft. Bei privaten Projekten ist es oft die Vision, die die Kunden auch direkt umgesetzt haben möchten. Das Beste ist natürlich, wenn man Vision und Kundenwunsch verknüpfen kann. Jedes Projekt ist so gut wie der enge Dialog mit den Bauherren. 

Sie nehmen normalerweise an Wettbewerben nicht teil. Bei dem neuen Projekt Salò am Gardasee machten Sie eine Ausnahme. Warum?

Wir hatten zum Kunden eine Vertrauensbeziehung von über zehn Jahren und wussten genau, was er will.

Und was macht das Projekt einzigartig? Warum wollten Sie es planen?

Das Spezielle ist, dass es eine Naturoase mit sehr viel Wasser ist. Nach wie vor wird das Mineralwasser, das von dort kommt, direkt am Gelände hochgepumpt und dann woanders abgefüllt. Wasser ist heute mehr denn je ein Kapital, und in Verbindung mit fantastischen Bäumen und einer Natur, die sensationell ist, hat das seinen Reiz.

… dabei liegt das Ressort gar nicht direkt am See …

Die Anlage liegt 100 Meter vom Ufer entfernt und ist ein introspektives und kein extrovertiertes, seeorientiertes Resort. Das ist sehr wichtig, die Leute wollen heute Ruhe, Ruhe, Ruhe und Privatheit. Eltern wollen ihren Kindern Ruhe und Sicherheit schenken. Diese Gedanken haben auch Auswirkungen auf die Planung. Kinder kann man nicht mit Erwachsenen mischen, sie wollen unter Kindern sein. Sie machen Lärm und wollen Freiheit. Demzufolge haben wir über zehn verschiedene Pools geschaffen, von denen zwei ausschließlich für Kinder sind. Dasselbe gilt natürlich auch für Restaurants. Es gibt Adults-only-, aber auch Kinder-Restaurants. Und ganz wichtig sind auch Spielflächen für Kinder, wenn es regnet. Es handelt sich ja um eine Ganzjahresdestination. Und ich glaube, dass Salò aufgrund seiner klimatischen Situation wahrscheinlich der geeignetste Ort am ganzen Gardasee ist. Der berühmte Mittagswind kommt nicht in die Bucht hinein.

Wird das Projekt ein Nachhaltigkeitszertifikat haben?

Wir werden in diesem Projekt LEED Gold als Zertifizierung bringen müssen. Grundsätzlich unterstützen wir Zertifizierungen nicht, da sie zu teuer und zu komplex sind. 

Die Alternative?

Wir verfolgen die Philosophie der drei Zeros. Zero CO2 (CO2-neutrale Energieerzeugung und Konstruktion), Zero Kilometers (reduzierte Transportwege durch Vorfertigung und lokale Materialien), Zero Waste (Wiederverwertung von gebrauchten Materialien). Da komme ich zu unserem wichtigsten Thema: Wir sind keine Freunde von Beton. Holz ist der Zement der 21. Jahrhunderts.

Warum schauen alle Chalets gleich aus? Auch Luxuswohnungen unterscheiden sich kaum im Interior …

Das liegt an Auftraggeber und Architekt: Die fehlende Innovationslust generiert die Gleichförmigkeit der Architektur. Es gibt sehr gute Architekten, bei denen jede Location eine neue Herausforderung darstellt. Es gibt Kollegen, die jedes Projekt neu machen. Jeder Kunde ist neu, jede Industrie ist neu und jede Örtlichkeit hat andere Winde, andere klimatische, andere kulturelle Situationen – dem muss man Rechnung tragen. Wir hatten letzte Woche einen sehr hochkarätigen Industriellen, der ein Gebäude entworfen haben wollte, das er zehn Tage im Jahr verwendet. Er hat uns gefragt, was unser Stil sei. Meine Antwort war: »Wir haben keinen Stil. Der ergibt sich aus der Location und aus Ihnen.«

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Zur Person Matteo Thun Der Architekt und Designer Matteo Thun, geboren 1952 in Bozen, schloss nach seinen Studien bei Oskar Kokoschka und Emilio Vedova an der Salzburger Akademie sein Architekturstudium an der Universität in Florenz mit Auszeichnung ab. Er war 1981 gemeinsam mit Ettore Sottsass Mitbegründer der Memphis-Gruppe in Mailand und eröffnete 1984 dort sein eigenes Studio. Das Unternehmen ist international in den Bereichen Gastgewerbe, Gesundheitswesen, Wohnen, Büro und Einzelhandel sowie Produktdesign tätig. In Österreich entwarf Thun das Konzept und auch das Interior Design für die Campari Bar.

Erschienen in:

Falstaff LIVING Nr. 06/2023

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