© Gehl People

Meister:innen der Architektur: Helle Søholt

Die dänische Stadtplanerin Helle Søholt leitet das Büro Gehl People und entwickelt lebenswerte Orte in aller Welt – ob das nun in Kopenhagen, Schanghai oder Angkor Wat ist. Uns hat sie verraten, welche Städte sie liebt und wie man mit digitalen Tools Spielplätze plant.

14.10.2022 - By Wojciech Czaja

LIVINGHaben Sie eine Lieblingsstadt?

Helle Søholt Ohne jeden Zweifel Kopenhagen. Hier lebe ich, hier arbeite ich, hier fühle ich mich zu Hause.

Wie nehmen Sie Kopenhagen wahr?

Kopenhagen ist eine Stadt mit einer lebendigen Architektur- und Kulturszene, mit einem quirligen Leben, mit viel Grünraum und mit einer generell hohen Lebensqualität. Und es ist auch ein Ort, der Diversität zulässt und Gender-Equality fordert: Ich bin Geschäftsführerin eines grossen Architekturbüros, ich arbeite in aller Welt, und zugleich bin ich Mutter zweier Teenager im Alter von 16 und 19 Jahren. All das kann man in Kopenhagen gut unter einen Hut bringen.

Und welche Städte schaffen es nach Kopenhagen sonst noch unter Ihre Favoriten?

Ich gebe zu: Ich habe eine Schwäche für richtig grosse Megastädte. Da funktioniert zwar nicht immer alles so, wie es sollte, aber auch diese Städte üben eine ungemeine Faszination auf mich aus – etwa New York, São Paulo, Buenos Aires. Es ist unglaublich, wie viel Energie diese Städte bergen und wie sie einen selbst mit Energy boosten, sobald man sich durch ihre Strassen bewegt.

Und eine Stadt, in der Sie sich überhaupt nicht wohlfühlen?

Das ist schwer zu beantworten, denn in jeder Stadt gibt es etwas Interessantes, etwas Faszinierendes, das zumindest auf einer professionellen Ebene meine Begeisterung wecken kann. Persönliche Schwierigkeiten allerdings habe ich mit Hongkong.

Inwiefern?

Ich mag die Menschen, ich mag die Energie dieser Stadt, aber wenn ich mir anschaue, wie sich die Stadt in den letzten Jahren und Jahrzehnten entwickelt hat und welche unmenschlichen Wohn- und Siedlungsstrukturen sie hervorgebracht hat, dann frustriert und schockiert mich das. Hongkong ist irgendwie eine Stadt ohne Herz

Grünes Stadtkonzept für Angkor Wat Für die kambodschanische Stadt Siem Reap entwickelt Helle Søholt derzeit ein Konzept für eine grüne Wohn- und Tourismusstadt. Aufgrund der benachbarten Tempelanlage Angkor Wat müssen die klimaadaptiven Massnahmen sehr sensibel gesetzt werden und sich gut ins historische Ortsbild fügen.

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Wollten Sie immer schon Architektin werden?

Oh ja! Schon als kleines Mädchen wollte ich unbedingt Architektin werden. Ich bin am Land aufgewachsen, und meinen ersten Ferialjob hatte ich mit 14 Jahren, bin damals jeden Tag nach Kopenhagen in die Stadt hineingependelt. Sehr aufregend!

Die meisten Architekt:innen entwerfen Gebäude und planen Innenräume zum Wohnen und Arbeiten, für Freizeit, Sport und Kultur. Sie konzentrieren sich vor allem auf den städtischen Raum dazwischen. Wie kam es dazu?

Ich habe in London studiert und gearbeitet und habe auch an der Planung des welt­berühmten Lloyd’s Building von Richard Rogers mitgewirkt. Einerseits eine tolle ­Erfahrung, andererseits aber auch ein sehr konservatives Milieu. Als Frau war es mir verboten, Hosen zu tragen. Rock und weisse Bluse waren Pflicht. Dieser permanente Fokus auf Technik, Wirtschaft und soziale Spielregeln und Verbote hat mich zermürbt. Ich wollte nicht mehr.

Und dann?

Einer meiner Professoren auf der Uni hat mich unterstützt und gesagt: «Helle, du ­vergeudest dein Talent, wenn du die ganze Zeit Schnitte zeichnest und Toiletten planst. Geh weg von hier! Du hast einen politischen Geist, du musst gesellschaftlich arbeiten!» Also bin ich zurück nach Kopenhagen, habe Jan Gehl angerufen, ­damals schon ein weltberühmter Guru auf dem Gebiet von Stadtplanung und urbaner Entwicklung, und ihm gesagt: «Ich will für Sie arbeiten!» So hat alles angefangen.

Partitur für die Seestadt Aspern, Wien Die vier Kilometer lange Ringstrasse in der Seestadt Aspern ist ein 30 Meter breiter Spielplatz und Freizeitraum für Jung und Alt – mit Hügeln, Mulden, Gräsern, Weiden, Boccia-Feldern und Picknickflächen. -Realisiert wurde das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Wiener Büro 3:0 Landschaftsarchitektur. 3zu0.com, aspern-seestadt.at

© Hertha Humaus
«Jede Transformation ist immer auch eine Challenge, denn eine Stadt ist ein chaotischer, komplexer Kosmos. Und damit ist jedes Projekt ein Experiment mit ziemlich grossem Risiko.» – Helle Søholt über Stadtentwicklung

Als Sie 2000 – damals noch mit Jan Gehl – das Büro Gehl People gegründet haben, hatte das Auto fast überall auf der Welt noch eine städtische Vormachtstellung. Doch dann gab es einen Paradigmenwechsel.

Ja, und plötzlich wurde eine ganze Reihe an Pionierprojekten realisiert. 2009 beispielsweise wurde der Times Square in New York vom Autoverkehr befreit. Das muss man sich einmal vorstellen! Zehn Jahre zuvor wäre so etwas unvorstellbar gewesen! Aber mit der Klimakrise, mit der zunehmenden gesellschaftlichen Debatte darüber, aber auch mit einer sozialen und politischen Sensibilisierung im Bereich Verkehr, Umgang mit Müll, Wasser und Energie, Leistbarkeit, Diversität und auch Inklusion von Randgruppen und einkommensschwächeren Menschen entstand plötzlich ein sehr grosses Interesse für Stadt und für öffentliche Räume. Plötzlich wurde allen klar, dass die Stadt nicht allein den Autofahrer:innen ­gehört. Mich hat das sehr berührt.

Es waren doch Büros wie auch Gehl People, die diesen Wandel überhaupt erst herbeigeführt haben!

Ja, wir waren Teil dieser Entwicklung, wir haben gewiss unseren Beitrag geleistet. Aber wir können nur Anregungen geben. Letztendlich war es eine soziale, gesellschaftspolitische Evolution.

Wo stehen wir heute?

Die Menschen wollen in der Lage sein, ihre Stadt zu benützen, sie sich anzueignen und die Freiheit zu haben, selbst zu entscheiden, wie sie sich durch die Stadt bewegen, ob das nun zu Fuss, mit dem Rad, mit dem E-Roller, mit dem Auto oder mit den öffentlichen Verkehrsmittel ist, sie wollen auf einer Parkbank sitzen, Menschen beobachten und einen Ort der Gemütlichkeit und Intimität finden.

Ganz einfache, selbstverständlich Dinge eigentlich, oder?

Ja, aber jede Transformation ist immer auch eine Challenge, denn eine Stadt ist ein chaotischer, komplexer Kosmos. Und damit ist jedes Projekt am Ende ein Experiment mit ziemlich grossem Risiko. Aber ganz ehrlich? Ich liebe Experimente!

Shanghai Riverfront Auf einer Gesamtlänge von 42 Kilometern wurden seit 2014 Tausende Bäume gepflanzt, 22 Brücken errichtet, beleuchtete Rad- und Spazierwege angelegt sowie alte Schuppen und Lagerhallen aus dem Dornröschenschlaf gerissen und mit Lokalen, Geschäften und Radverleihshops bestückt. Das Projekt wurde mit dem Shanghai Magnolia Award ausgezeichnet.

© Gehl People

Die meisten Ihrer Auftraggeber:innen sind ­Gemeinden, Institutionen und diverse ­Stiftungen. Was sind die häufigsten Wünsche?

Manche kontaktieren uns, weil sie eine ­gewisse Hardware benötigen und auf unsere Planungskompetenz zurückgreifen. Das können Plätze, Radwege oder Grünraum­gestaltungen sein. Andere wiederum – vor allem grössere Städte und Verbände – sind sehr breit und professionell aufgestellt und verfügen über so viel Know-how und Datenmaterial, dass sie oft nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen und wie sie aus der Menge an Daten die nützlichen, relevanten herausfiltern. Wir helfen ihnen bei den Prozessen und begleitet sie auf einem oft jahrelangen Transformationsweg.

Gibt es einen Unterschied zwischen westlichen und östlichen Gesellschaften, zwischen dem Global North und dem Global South?

Natürlich. Die Wünsche und Bedürfnisse sind sehr stark von politischen, klimatischen und auch kulturellen Rahmenbedingungen abhängig. Damit muss man arbeiten. Was mir aber besonders imponiert, ist die Kraft und Energie, die vor allem von Menschen in sogenannten Entwicklungsländern – also im globalen Süden – ausgeht. Die Expert:innen in Kairo, Lagos, Istanbul und Neu-Delhi sind sehr ambitioniert und werfen sich extrem stark ins Zeug, um diese Städte lebenswerter zu machen. Das gibt mir Hoffnung.

Inwiefern hat die Coronapandemie die Entwicklung von städtischer Lebensqualität vorangetrieben?

Extrem stark! In der Pandemie haben wir alle erfahren, wie wertvoll eine schöne, respektvolle, funktionierende Stadt ist. Doch eine besonders grosse Auswirkung betrifft die Shoppingcenter in den USA. Aufgrund der Covidpandemie, aber auch der drama­tischen Entwicklung des Onlinehandels stehen viele Shoppingcenter vor dem Aus. Wir sprechen hier von riesigen Anlagen, der quer über das gesamte Land verstreut sind. Aktuell arbeiten wir an einem Konzept, wie diese Gebäude umgenutzt oder abgerissen und wie die bereits versiegelten Flächen anderweitig sinnvoll genutzt werden können. Eine grosse Aufgabe für die Architektur! Eines verspreche ich Ihnen: Das Stadt- und Landschaftsbild in den USA wird sich in den kommenden zehn Jahren radikal verändern.

Shared Space Vesterbro, Kopenhagen Wo heute noch Tausende Autos im Stau stehen, soll im berühmten Ausgehviertel Vesterbro schon bald eine Begegnungszone für Fussgänger:innen, Radfahrer:innen und Stadtgeniesser:innen entstehen. Zu den wichtigsten Bausteinen des Projekts zählen Bäume und Wasserflächen.

© Gehl People
«Die Menschen wollen in der Lage sein, ihre Stadt zu benützen, sie sich anzueignen und die Freiheit zu haben, selbst zu entscheiden, wie sie sich durch die Stadt bewegen.» – Helle Søholt über Mobilität im urbanen Raum

Und welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die Stadt von morgen?

Als Stadtplanerin profitiere ich ganz stark von der Digitalisierung. Ich gebe Ihnen als Stichwort Digitalisierung und Kinderspielplatz. Haben Sie eine Idee, wie diese beiden Sachen zusammenhängen könnten?

Erzählen Sie es uns!

In Kopenhagen untersuchen wir gerade, wo wir in Zukunft sinnvollerweise Kinderspielplätze errichten wollen. Und das machen wir auf zweierlei Art: Erstens haben wir eine Kooperation mit Google, das nun seine Google-Streetcars zusätzlich mit CO2-Sensoren ausstattet. Damit messen wir die Luftqualität und die Schadstoffe. Und zweitens tracken wir die Wege und das Verhalten von Kindern und Jugendlichen auf Strassen und Plätzen. So erfahren wir, an welchen Orten sie sich am meisten und am liebsten aufhalten. Aus der Schnittmenge dieser Daten können wir die idealen Standorte für Spielplätze bestimmen. Eigentlich genial, oder?

Sie leiten ein Unternehmen mit 75 Mitarbei­tenden und haben Büros in Kopenhagen, New York und San Francisco. Kommen Sie jemals zur Ruhe?

Ich bin an sich eine ruhige und, wie ich glaube, stark reflektierte Person. Das kommt mir zugute. Sonst wüsste ich nicht, wie ich den Laden schupfen soll. Ausserdem: Die Energie aus all den Städten, in denen wir arbeiten, gibt auch mir Energie!

Haben Sie einen Wunsch für die Zukunft?

Ich leite mein Unternehmen nun seit fast 25 Jahren. Und in all dieser Zeit habe ich meine Mitarbeitenden zu Change-Agents ausgebildet. Ich wünsche mir, dass sie meine Arbeit fortsetzen und die Welt zum Positiven verändern. Zum Beispiel auch in Indien und Afrika. Dort braucht es positive Impulse. Dort wird unsere Expertise dringend benötigt.

Die Stadt als sozialer Raum für alle Seit fast 25 Jahren setzt sich Helle Søholt dafür ein, die Lebensqualität in unseren Städten zu steigern – mit Wasser, Pflanzen, Radwegen, Fussgängerzonen und demokratischen Aufenthaltsbereichen für alle Bevölkerungsgruppen. gehlpeople.com

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