Stille vor Anker: Autofreie Inseln
Kein Verkehrslärm, keine Parkplatzsuche, keine Eile. Während anderswo Motoren den Alltag zudröhnen, geben auf Inseln wie Hydra, Hiddensee oder Sark Wellen, Wind und Schritte das Tempo vor. Eine Reise zu einem selten gewordenen Luxus.
Kennen Sie den britischen Kult-Science-Fiction-Roman »Per Anhalter durch die Galaxis« von Douglas Adams? Um nicht aufzufallen, wählt die außerirdische Hauptfigur für ihr Leben auf der Erde den Namen »Ford Prefect«, benannt nach einem damals populären britischen Automodell. Der kosmische Scherz dahinter: Der Alien hatte bei seiner ersten Recherche fälschlicherweise geglaubt, Autos seien die dominierende Lebensform auf der Erde und die Menschen deren zweibeinige Bedienstete.
Wer im Urlaubsverkehr feststeckt, kann dieser Theorie durchaus etwas abgewinnen. Wir bauen Straßen und Kreisverkehre, suchen Parkplätze, umfahren Baustellen und messen Entfernungen in Fahrminuten. Außer an einigen wenigen Orten, die sich dieser Entwicklung bis heute verweigern. Auf autofreien Inseln gilt noch eine andere Ordnung: Der Mensch geht, das Auto existiert nicht. Hier wird spürbar, wie außergewöhnlich das geworden ist und welchen enormen Entspannungseffekt es hat. Hydra gehört zu jenen Inseln, auf denen man das schon wenige Minuten nach der Ankunft spürt. Nur knapp zwei Fährstunden von Athen entfernt, scheint die Zeit im malerischen Hafenbecken langsamer zu vergehen. Fischerboote schaukeln neben Segelyachten, auf den Pflastersteinen klappern Hufe statt Motoren. Esel und Maultiere transportieren Gepäck durch die Gassen. Künstler:innen, Schrift-steller:innen und Individualreisende kommen seit Jahrzehnten hierher, nicht trotz der fehlenden Autos, sondern gerade deswegen.
Im Erholungsmodus
Was viele Besucher als unmittelbares Gefühl der Erleichterung erleben, lässt sich heute sogar wissenschaftlich erklären. Studien zeigen, dass natürliche, verkehrsfreie Um-gebungen das Gehirn rasch in einen Erholungsmodus versetzen. Die permanente gerichtete Auf-merksamkeit, die Straßenverkehr, Ampeln und visuelle Reize erfordern, fällt weg. Die mentalen Batterien laden sich schneller auf, Stressreaktionen nehmen ab, die Konzentrationsfähigkeit steigt wieder. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen, dass bereits kurze Aufenthalte in naturnahen, verkehrsfreien Räumen die Aktivität der Amygdala reduzieren – jenes Hirnareal, das für Stress- und Alarmreaktionen zuständig ist. »Der Wegfall von Verkehrslärm lässt uns alle Sinne wieder stärker wahrnehmen: den Geruch von Salzwasser, das Geräusch von Wellen, die sich am Strand brechen, oder das Ansingen der Vögel am Morgen«, erklärt Susanne Strobach, Leiterin der Achtsamkeits-Akademie Wien. »Durch den Wegfall von Autoverkehr berichten viele Menschen bereits kurz nach ihrer Ankunft auf autofreien Inseln von einem stärkeren Gefühl von Ruhe und Entspannung.«
Charmante Anomalien
Wer erleben möchte, wie konsequent eine Insel dieses Prinzip lebt, landet früher oder später auf Sark. Die kleine Kanalinsel im Ärmelkanal wirkt wie eine charmante Anomalie in Europa. Autos sind hier tabu, stattdessen prägen Fahrräder, Traktoren, Pferdekutschen und Fußgänger das Bild. Die Hauptstraße ist nicht asphaltiert, ja, sogar der Sanitätswagen kommt als Anhänger an einem Traktor daher. Besonders spektakulär ist »La Coupée«, jener schmale natürliche Grat, der Greater Sark mit Little Sark verbindet. Links und rechts fällt die Landschaft steil zum Meer ab. Wer hier zu Fuß unterwegs ist, erlebt eine der eindrucksvollsten Wegstrecken Europas. Doch Sark bietet neben beein-druckender Landschaft und unfassbar entspannten Menschen noch eine weitere Besonderheit: Als erste offiziell anerkannte Dark Sky Island der Welt schützt sie ihre natürliche Dunkelheit konsequent. Sobald die Sonne untergeht, übernehmen Sterne die Regie. Während andernorts die Lichtverschmutzung den Nachthimmel verschluckt, spannt sich hier ein funkelndes Firmament über die Insel, das selbst geübte Reisende sprachlos macht.
Ganz anders, aber ebenso entschleunigt präsentiert sich Porquerolles vor der französischen Mittelmeerküste. Die größte der Goldenen Inseln verbindet mediterrane Leichtigkeit mit beeindruckender Natur. Weiß leuchtende Sandstrände, Pinienwälder, Weinberge und Wanderwege prägen das Bild. Dazwischen überrascht die Fondation Carmignac mit zeitgenössischer Kunst mitten in der Landschaft. Es ist eine jener seltenen Destinationen, die Kultur, Natur und Gelassenheit mühelos miteinander verbinden.
Im Norden Europas übernimmt Hiddensee die Rolle der großen Verführerin. Die autofreie Schwesterinsel Rügens zog schon vor hundert Jahren Intellektuelle an. Zu ihnen gehörte auch der Satiriker und Schriftsteller Kurt Tucholsky, der hier einen Gegenpol zum hektischen Berlin seiner Zeit fand. Noch heute prägen reetgedeckte Häuser, Sanddornhecken, weite Strände und der Leuchtturm Dornbusch die Insel. Vieles wirkt, als hätte jemand die Lautstärke des Alltags einfach heruntergedreht. Dass autofreie Inseln auch soziale Auswirkungen haben, beobachtet Susanne Strobach: »Da Menschen sich stärker zu Fuß oder mit dem Fahrrad fortbewegen, nehmen sie die Natur und die Umgebung bewusster wahr, erleben mehr Blickkontakt mit anderen und mehr Möglichkeiten sozialer Begegnungen.«
Das reduziere nachhaltig Einsamkeitsgefühle und stärke die Verbindung zum jeweiligen Ort. Manche Inseln treiben die Idee der Entschleunigung sogar noch weiter. Auf Alicudi, der abgelegensten der Liparischen Inseln nördlich von Sizilien, gibt es nicht einmal Straßen. So auch auf Lamu vor der kenianischen Küste, wo über 6.000 Esel, traditionelle Dhows (historische Holzsegelboote) und die schmalen Gassen der UNESCO-geschützten Altstadt das Leben prägen. Auf Helgoland schließlich sind selbst Fahrräder für Erwachsene verboten. Dort rollt man höchstens mit dem Tretroller dem Meer entgegen.
Autofreie Inseln bieten in unserer schnelllebigen Zeit jedenfalls einen besonderen Luxus, den man sich für Geld nicht kaufen kann: Gelassenheit und Entschleunigung. »Der Wegfall von Autos führt von der äußeren
zur inneren Entschleunigung und damit zu einem höheren Erholungswert«, sagt Strobach. Was zunächst wie Verzicht wirkt, entpuppt sich als Gewinn. Und was anderswo als Fortschritt gilt, verliert überraschend schnell an Bedeutung.