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Urban Living: Kreislaufwirtschaft

An ihr kommen wir nicht vorbei, wenn wir nachhaltig sein wollen, und sie krempelt alles um: die Kreislaufwirtschaft. Was aber heißt das konkret für Projekte und Bauträger? Und woran scheitert es derzeit noch?

19.08.2023 - By Heimo Rollett

Header Bild: Recyclinghaus Hannover Praktisch alle Fassadenelemente und die Gläser des Recyclinghauses Hannover wurden von woanders wiederverwendet. Viele Holzelemente waren zuvor Saunabänke. cityfoerster.net

Etwa 25 bis 30 Prozent der in der EU erzeugten Abfälle stammen aus der Produktion und dem Bauwesen, zehn Prozent der weltweiten CO2-Emissionen stammen aus der Stahl- und Zementproduktion. Christine Lemaitre, Vorständin der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, findet klare Worte: »Die Transformation zu einer nachhaltigen Baubranche gelingt uns nur, wenn unser Wirtschaften auf die Prinzipien der Kreislaufführung umgestellt wird.« In der Kreislaufwirtschaft geht es um die Gewinnung, die Nutzung und die letztendliche Ent-sorgung von Ressourcen. Bislang waren der Bau und die Immobilienbewirtschaftung ein linearer Prozess. In der Kreislaufwirtschaft aber werden Baustoffe, Komponenten und Teile von Immobilien verwaltet, indem sie in einem Kreislauf gehalten werden.

Wichtig: Transparenz

Damit Bauteile und einzelne Baustoffe und Materialien wiederverwendet werden können, müssen sie für jene, die sie brauchen, auch auffindbar sein. Wie funktioniert das? Leider noch nicht so gut. Hier ist alles erst im Aufbau. »Diese Informationen können, wenn dies bei Planungsstart festgelegt wird, beispielsweise in einem BIM-Tool hinterlegt werden und durch Produkt- und Materialinformationen der Hersteller ergänzt -werden«, weiß Georg Stadlhofer, ­Geschäftsführer Drees & Sommer ­Österreich. Außerdem gebe es schon neuartige Plattformen (in Europa etwa Madaster), bei denen die Daten über verbaute Materialien zusammenkommen. Weiters gibt der »­Building Circularity Passport« detaillierte Auskunft darüber, welche verwendeten ­Materialien sich wieder einfach trennen ­lassen, um sie wiederzuverwerten. Verbundstoffe sind für eine Kreislaufwirtschaft ­nämlich gar nicht geeignet, weswegen Immobilienentwickler:innen jetzt darauf ­achten müssen, dass alles, was eingesetzt wird, wieder sauber auseinanderdividiert werden kann. Auch die Materialgesundheit, der Materiallebenszyklus und sein CO2-Fußabdruck müssen transparent sein. »Die größte Aufgabe, die noch bevorsteht, ist die digitale Erfassung der einzelnen ­Gebäude, um Materialien für Nachnutzungen zu dokumentieren. Im Bereich Neubau gibt es dafür bereits gute und sinnvolle Ansätze. Anders ist es beim Bestand, wo man oft nicht weiß, was eingebaut wurde und was noch sinnvoll verwertet werden kann«, weiß ­Gerald Beck, Geschäftsführer UBM ­Development Österreich. Um die Immobilien- und Bauwirtschaft in eine echte Kreislaufwirtschaft zu transformieren, müsse laut Beck entlang der Denkansätze »Reduce«, »Long Use«, ­Reuse« und »Recycle« jede Immobilie gedacht und bewertet werden. Hier setzt auch Anna-Vera Deinhammer an, bei der ÖGNI (Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft) für das Thema ­zuständig. Sie kritisiert ein »noch zu kurzfristiges Mindset«. Recycling sei nicht alles, es ist nur der letzte Schritt in der Pyramide (siehe Grafik). »Entscheidend ist, wie viel Material im Kreislauf ist, mit welchem Tempo und damit welche/wie viel Energie für die Zirkulation aufgewendet wird. Zusätzlich muss auch der soziale Mehrwert stimmen.« Gerald Beck: »Zum gesamten Themenkomplex hat die ÖGNI übrigens eine sehr interessante und informative Broschüre herausgegeben, die ich allen an Kreislaufwirtschaft ­Interessierten empfehlen kann.«

Am Kreislauf führt kein Weg vorbei

Klingt alles abstrakt? Ist es auch noch. Die Kreislaufwirtschaft ist aber keine lustige Idee von Freaks, sie ist Teil der EU-Taxonomie, die regelt, welche Immobilien nachhaltig sind und welche nicht. Jene, die es nicht sind, ­haben viel höhere Finanzierungskosten ­vorgeschrieben – quasi wie eine Strafzahlung. »Die EU-Taxonomie kann zu einem wichtigen Stellhebel auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft werden«, meint Matthias Moosbrugger, bei Rhomberg Bau für Nachhaltigkeit zuständig. Rhomberg hat bereits spezielle Produkte entwickelt, bei denen die tatsächliche ­CO2- bzw. Energiebilanz transparent gemacht wurde. »Alle arbeiten mit skalierbaren, ­industriell vorgefertigten Elementen aus Holz, für die jedes verbaute Material im ­Idealfall hinterlegt und so der ökologische Fußabdruck nachvollziehbar ist. Für Gewerbe ist das ›Cree‹, für Bürogebäude ›office Zero‹, für den Wohnbau ›WoodRocks‹.« Und auch andere Unternehmen haben sich auf die Kreislaufwirtschaft eingestellt. Beim Start-up namens Nornorm kann man kreislauffähige Büromöbel abonnieren. Man zahlt pro Quadratmeter (drei Euro), egal welche Möbel man nimmt. Wenn man etwas zurückgibt bzw. austauscht, wird es geprüft, gegebenenfalls hergerichtet und woanders wiederverwendet. 

DIESER ARTIKEL ERSCHIEN IM RESIDENCES 2301.

Moringa Das erste Wohnhochhaus Deutschlands nach dem Kreislaufprinzip wird gerade
in Hamburg gebaut. 94 Prozent der verbauten Materialien sind rezyklierbar, Upcycling- oder Downcycling-fähig. moringa.eco

© O. Mahlstedt, Moringa GmbH

Clever, flexibel, nachhaltig Kreislauffähige Büromöbel können abonniert werden. Bei geändertem Bedarf werden sie ausgetauscht und in den Kreislauf gebracht. nornorm.com

© Nornorm

Prototyp Beim Recyclinghaus Hannover handelt es sich um ein experimentelles Wohnhaus. Es setzt auf recyclingfähige Bauprodukte, wie beispielsweise den Rohbau aus leimfrei zusammengesetzten Massivholzelementen, und verwendet zugleich alte Bauteile wieder. cityfoerster.net

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