© Kollektiv Fischka/Kramer

Wien Museum neu: Das schwebende Wunder

Mit dem nun abgeschlossenen Umbau des Wien Museums hat die Bundeshauptstadt ein weiteres Kulturgebäude von Weltformat. Statt sich exzentrisch in Szene zu setzen, bildet es einen hochfunktionalen Rahmen für Ausstellungen und Veranstaltungen sowie eine städtebauliche Klammer zwischen Karlskirche und Musikverein.

11.05.2023 - By Heimo Rollett

»Eine weitere Ebene des Karlsplatzes« – so beschreiben die beiden Architekten Ferdinand Certov und Roland Winkler die neu entstandene Aussichtsterrasse des Wien Museums. Das Architekturbüro Certov, Winkler + Ruck ging 2015 aus dem anonymen Architekturwettbewerb, bei dem 274 Büros aus 26 Ländern teilnahmen, als Sieger hervor. Tatsächlich: Von diesem Punkt aus – über dem Bestandsgebäude und unter dem neu aufgesetzten Kubus – bieten sich neue Perspektiven auf den Park, das Künstlerhaus, die Technische Universität, den Musikverein, und die Karlskirche kann endlich ihre pompöse Schönheit adäquat ausspielen. Fast könnte man meinen, dieser zwischenstädtische Zufall namens Karlsplatz wäre nun endlich ein moderner öffentlicher Raum, wäre da nicht das vom Verkehr durchschnittene andere Ende beim Girardipark. Die Terrasse des neuen Wien Museums wird der Öffentlichkeit jedenfalls kostenfrei offen stehen. Wer dabei das Museum mit seinen Ausstellungen auslässt, ist selbst schuld. Denn allein das Gebäude, dessen Umbau nun fertiggestellt ist, ist bemerkenswert.

Raue Schraffur in Handarbeit

Der ursprüngliche Altbau, von Oswald Haerdtl gar nicht so glücklich geplant und in den 1950er-Jahren umgesetzt, wurde saniert und mit Neubauelementen erweitert. Wobei sich die beiden Baukörper niemals berühren. Die beiden Gebäude sind baulich komplett getrennt, eine zehn Zentimeter breite Fuge stellt sicher, dass die Gebäude »unabhängig voneinander schwingen können«, wie die Architekten mit dem Hinweis auf den Denkmalschutz und die Sicherheit bei Erdbeben bei einer Presseführung erklären. Für die Gäste des Museums, das offiziell am 6. Dezember 2023 eröffnet, wird im Inneren nicht immer klar sein, in welchem Baukörper sie sich gerade befinden, Alt und Neu greifen trotz der baulichen Trennung perfekt ineinander und lassen so ein hoch- und multifunktionales Museum entstehen, das ganz vorne mitspielt. 

Aber bleiben wir kurz noch draußen, bei der Hülle. Die ursprüngliche Idee Haerdtls aufgreifend, wurde die Bestandsfassade mit Dolit aus Kroatien, einem reinen Kalkstein mit Muscheleinschlüssen, bestückt, dazu gesellen sich Jura-Kalkstein und Wachauer Marmor rund um die Fenster. Darüber schwebt der Kubus aus Sichtbeton, der 1.200 Quadratmeter Raum für Sonderausstellungen schafft. Die Kanten der vertikalen Rillen wurden alle händisch abgeschlagen (insgesamt zehn Kilometer), um ein natürliches Licht-Schatten-Spiel und die Optik einer rauen Schraffur zu erzeugen.

Die Verschränkung des Bestands mit dem Neubau verdoppelt nun die gesamte Nutzfläche des Museums auf 12.000 Quadrat-meter, die Räume sind so angeordnet, dass jetzt ein chronologischer Rundgang die Besucher:innen auf eine Reise durch Wien mitnimmt. Der imposante Prater-Walfisch hängt bereits in der zentralen Halle, die dank ihrer Höhe solchen ikonischen Exponaten auch den richtigen Rahmen schenkt. Auch die Originalfiguren des Donnerbrunnens, ein Stephansdom-Modell und eine luxuriös ausgestattete Bürgermeisterkutsche aus dem 19. Jahrhundert werden hier zu sehen sein.

Vorbildlich ist das neue Museum – durchaus zur allgemeinen Stadtplanung passend – auch bei der Nachhaltigkeit. Das Gebäude funktioniert energietechnisch beinahe autark. Geothermie mit 30 Erdwärmesonden in 150 Meter Tiefe, autarke Wärme- und Kälteenergie mittels hocheffizienter Hybrid-Kälte-Wärmepumpen und Photovoltaik versorgen das Haus mit Energie. Nachhaltig wurde auch mit ästhetischen Aspekten umgegangen, so versuchte man möglichst viele Fundstücke und Materialien vom alten Haerdtl-Bau zu übernehmen und wieder zu integrieren.

Statische Meisterleistung

Und jetzt kommt’s: Wie erwähnt, berührt die Aufstockung den Altbau nicht und kommt auch ohne sichtbare Stützen aus. Aber wie zum Kuckuck hält das Ding dann da oben? Wie bei einem Y leiten vier im Innenraum auch sichtbare Stahlbänder die komplette Last des Obergeschoßes über die zentrale Betonstütze im ehemaligen Innenhof in ein eigenes Fundament bestehend aus rund 40 Bohrpfählen ab. Bis 40 Meter in die Tiefe gehen diese, sie werden von einer bis zu vier Meter dicken Betonbodenplatte gedeckt. Warum so viele Pfeiler? Weil das Museum eigentlich auf dem unterirdischen Wienfluss steht. Was hier gelang, ist eine statische Meisterleistung. Erst dadurch ergibt sich auch das Café- und Terrassengeschoß, von dem aus Einheimische und Tourist:innen ihren Blick auf den neuen Karlsplatz fleißig auf Instagram und Co. teilen werden.

Neu und alt
Ein zugebauter Pavillon bildet die Eingangshalle ins Museum. Die Fassade des Bestands erstrahlt in nachhaltigem Glanz, darüber das Schwebegeschoß.

© Kollektiv Fischka/Kramer

Innenhof
Der ehemalige Innenhof dient nun als hohe Ausstellungsfläche. Hier werden unter anderem der Walfisch aus dem Prater und eine Bürgermeisterkutsche Platz finden.

© Fischka/Kramer

Tragfähig
Über Stahlbänder (schwarz, schräg durch den Raum laufend) wird das komplette Oberschoß getragen. Es liegt nicht auf dem Altbau auf.

© Kollektiv Fischka/Kramer

Fakten zum neuen Wien Museum

Bauherr: Wien Museum
Architekten: ARGE Certov, Winkler + Ruck
Generalplaner Bau: ARGE PORR, Ortner, Elin
Baubeginn: 10. Juli 2020
Nettonutzfläche: ca. 12.000 m2 statt bislang rund 6.900 m2
Kosten: 108 Millionen Euro (finanziert von der Stadt Wien)
Energieversorgung: durch Erdwärme-sonden, Hybrid-Kälte-Wärmepumpen und Photovoltaik 
Konsumfreie, öffentliche Flächen: Vorplatz und Terrasse

Erschienen in:

Falstaff LIVING Nr. 03/2023

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