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© Gregor Graf

Wohnen, zweite Auflage: Upcycling von Häusern

Upcycling
Architektur
Bauwesen

Wer sagt, dass man alte Häuser immer nur abreißen muss? Mit Reuse, Upcycling und Kreislaufwirtschaft – ob in Ziegel, Beton oder gebrauchten Baustoffen – können Bestandsbauten einer neuen Wohnnutzung zugeführt werden. Und schön ist das Wohnen auch noch!

Oberösterreich ist das Land der Vierkanthöfe. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts, haben Forschungen ergeben, sollen hier rund 10.000 Höfe entstanden sein, die meisten davon mit Vieh-, Land- und Forstwirtschaft, viele davon mit stattlichen Ausmaßen von bis zu 60 Metern Länge. »Das ist ein wertvolles materielles und auch baukulturelles Erbe«, sagt Architektin Anna Moser, »und bevor noch mehr dieser Häuser abgerissen werden und aus der Landschaft und dem kollektiven Gedächtnis verschwinden, haben wir uns zum Ziel gesetzt, sie zu retten und damit weiterzuarbeiten. Das Potenzial jedenfalls ist enorm, denn wenn sie einst für Wohnen, Arbeiten und Bewirtschaftung nützlich waren, dann eignen sie sich mit Sicherheit auch für heutige Anforderungen, die in der Regel weitaus weniger intensiv sind als damals.«

DreiGang, Golling

Beim Wohnhaus DreiGang, Resultat des Forschungsprojekts »CICO«, wurden dem Beton 38 Prozent Recycling-Beton aus dem Vorgängerbau beigemischt. Auf diese Weise konnte der Bauträger Salzburg Wohnbau rund 13 Tonnen Kohlendioxid einsparen.

dreigang.salzburg-wohnbau.at, salzburg-wohnbau.at

© Paul Ott

Ein solcher Vierkanter, der in Stein- und Ziegelbauweise in mehreren Bauphasen entstanden ist, bedeckt von einem riesigen, auslandenden Holzdachstuhl, findet sich im Bezirk Perg im Mühlviertel. Während im historischen Bauteil einst Wohn- und Gasthaus untergebracht waren, wurde der Zubau aus den 1970er-Jahren zunächst als Schweinestall genutzt. »Unsere Aufgabe«, sagt Moser, die mit ihrem Partner Michael Hager ein Architekturbüro in Neuhofen an der Krems leitet, das selbst in einem ehemaligen Landgasthof untergebracht ist, »bestand darin, die beiden Haushälften in drei gleichwertige Wohneinheiten für mehrere Generationen zu transformieren. Die historische Struktur und die alte Atmosphäre wollten wir dabei bewusst ins Konzept integrieren.«

Coop-Weinlager, Basel

Für den Schweizer Bauträger Stiftung Habitat schufen Esch Sintzel Architekten dieses Wohnhaus mit 64 Wohnungen. Zwischen den mächtigen Pilzstützen breitet sich heute ein exotisches Flair aus.

eschsintzel.ch, stiftung-habitat.ch

© Philip Heckhausen

Gesagt, getan. Heute präsentiert sich das sogenannte Dirnbergergut, das vor knapp zwei Jahren revitalisiert wurde, als dreidimensionale Collage aus Alt und Neu, aus Rough und Edel, aus patinierter Hülle mit witterungsgeschützten Outdoor-Bereichen und hineinimplantierter Holzbox, in der sich auf 200 Quadratmetern Fläche das Indoor-Wohnen abspielt. Aus den drei Wohneinheiten blickt man immer wieder auf die unverputzten Stein- und Ziegeloberflächen im Freien. »Unsere Projekte sind getragen vom Gedanken, Baugeschichte weiterzuschreiben«, sagen Moser und Hager. »In Zeiten von hohem Bodenverbrauch und knappen materiellen Ressourcen ist diese Form von Reuse und Upcycling aus unserer Sicht der grundlegendste Zugang zur Nachhaltigkeit.«

D10K House, Barcelona

Das K steht für Kilo und verrät, dass der gesamte Wohnungsumbau von TAKK Architecture gerade mal 10.000 Euro gekostet hat. Das radikale Reuse-Projekt aus zum Teil gebrauchten Baustoffen war für den EU Mies van der Rohe Award 2026 nominiert.

takksarchive.cargo.site, eumiesawards.com

© José Hevia Blach

Die deutliche Ablesbarkeit von Geschichte und längst vergangenen Nutzungen ist auch im ehemaligen Weinlager in Basel gegeben. Wo die Schweizer Supermarktkette Coop einst edle Tropfen gelagert hat, befindet sich heute ein ungewöhnliches Refurbishment mit 64 Wohnungen, geplant von Esch Sintzel Architekten. Die mächtigen Pilzstützen, überaus prägnante Elemente des Bestandsgebäudes, stehen mal am Gang, mal in der Küche, mal mitten im Schlafzimmer und verleihen dem Wohnen einen Hauch industrieller Patina. Mit der Transformation zum Wohnhaus erlebt der ehemalige Gewerbebau nicht nur eine funktionale Aufwertung, sondern schlägt auch mit einer rekordverdächtig niedrigen CO2-Bilanz zu Buche.

Gartensiedlung, Kortrijk

Die veraltete Siedlung aus dem Jahr 1925 wurde zum Teil abgetragen, die alten Ziegel wurden gereinigt und kamen beim Neubau wieder zum Einsatz. Dank des rustikalen Bastardmörtels bleibt das Upcycling visuell ablesbar.

makerarchitecten.com, kortrijk.be

© Stijn Bollaert

So wie auch beim Wohnprojekt DreiGang in Golling. Das Wohnhaus des Bauträgers Salzburg Wohnbau wurde an Ort und Stelle eines kurz zuvor abgerissenen Seniorenwohnheims errichtet, wobei der Beton des Vorgängerbaus zerkleinert, geschreddert und der neuen Betonmischung als Recycling-Baustoff beigemischt wurde. »Wir leben heute in einer Zeit, wo wir Altstoffe nicht einfach wegschmeißen und deponieren dürfen, sondern die Verantwortung haben, sie so lange wie möglich im Kreislauf zu halten«, sagt Thomas Maierhofer, Geschäftsführer von Salzburg Wohnbau. »Insgesamt konnten wir auf diese Weise 900 Tonnen Recycling-Beton einsetzen und dabei 13 Tonnen CO2 einsparen.«

Weiterbauen mit alten Baustoffen – das ist auch in Ziegel möglich. In Kortrijk, Belgien, wiederum haben die MAKER Architecten eine veraltete Gartensiedlung aus dem Jahr 1925 behutsam abgetragen, die Ziegel gereinigt, nach Zustandsklassen sortiert, Belastungstests gemacht und mit dem gewonnenen Abbruchmaterial für den Bauträger Wonen Regio Kortrijk 31 neue Wohnungen errichtet. Um das Upcycling sichtbar zu machen, entschieden sich die Architekten, den Fugenmörtel nicht abzubürsten, sondern als sogenannten Bastardmörtel zwischen den Ziegeln plastisch hervorquellen zu lassen.


Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 4/2026

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Wojciech Czaja
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