Auf weitere 1001 Nächte: neue Hotels in alten Mauern
Ob alter Kolonialbau, brutalistische Bettenburg oder heruntergekommenes Strandhotel auf Mallorca: Alt muss nicht altbacken bleiben, sondern kann mit Charme, Sternen und guten Refurbishment-Skills zu neuen, glamourösen In-Hotels ausgebaut werden.
Tom Cruise, Jane Fonda, Richard Nixon, Elton John, Michael Jackson, Luciano Pavarotti und sogar Meryl Streep – noch lange, bevor sie ins teuflische Prada-Kostüm schlüpfte – hatten einst im berühmten InterContinental Prag genächtigt, einer brutalistischen Architekturikone aus der Zeit des Kalten Krieges. Errichtet wurde der neungeschossige Bau mit Blick auf die Moldau 1974 von Karel Filsak im Auftrag der US-amerikanischen Fluggesellschaft Pan Am, als eine Art American Way of Life im sozialistischen Osten, ganz im Stile der damals hoch im Kurs stehenden Betoneuphorie – mit texturierten Fassadenelementen und einer atemberaubenden Kassettendecke, die sich mit quadratischen, in den Ecken abgerundeten Ausnehmungen über den einst dicht gebuchten Ball- und Veranstaltungssaal spannte.
Hotel Sevilla, Mérida
Der Kolonialbau im Herzen von Mérida, Mexiko, wurde nach Plänen von Zeller & Moye saniert und mit einem subtropischen Garten samt Pools aufgewertet. In den insgesamt 21 Zimmern gibt es Steinwände und lehmverputzte Holzbalkendecken.
© Simon Menges
Rosewood Chancery, London
1960 wurde die US-amerikanische Botschaft von Eero Saarinen errichtet. Der Londoner Architekt David Chipperfield hat das Gebäude im Sinne der ursprünglichen Intention eines »Palasts im Park« geöffnet und mit einem luftigen Rauten-Vordach erweitert.
Die InterContinental-Buchstaben über dem Haupteingang sind längst abmontiert, die
verstaubten Schichten von damals wegpoliert. Stattdessen erstrahlt das Fairmont Golden Prague nach fast sechsjähriger Sanierung nun in neuem Fünf-Sterne-Glanz. Beton, Stein, Messing, Keramik und die charakteristische Relieffassade blieben erhalten, am Seventies-Charme scheint das Hotel nichts eingebüßt zu haben, und dennoch ist es dem Prager Büro TaK Architects gelungen, dem Haus im Sinne der Kreislaufwirtschaft einen frischen, modernen, luxuriösen Geist einzuhauchen, der sich im direkten Vergleich mit anderen Luxusetablissements der Moldaumetropole nicht zu verstecken braucht.
John & Will, Bremen
Ein ehemaliger Getreidesilo in der Überseestadt in Bremen, einst errichtet von Kellogg’s, wurde von DMAA Delugan Meissl Associated Architects nun zu neuem Leben erweckt – mit insgesamt 117 postindustriellen Zimmern und Suiten.
© Piet NiemannHybrid mit reichem Erbe
»Wir wollten, dass das neue Fairmont Golden ein lebendiger Teil Prags wird, mit Respekt vor dem Ort, vor der Geschichte und vor der großartigen Kunst am Bau, die wir hier vorgefunden haben«, sagt Marek Tichý, CEO von TaK Architects. »Doch leider war das Gebäude heruntergekommen, vieles war zerstört und mehrere Male überbaut und überformt. Also haben wir uns entschieden, das Haus weiterzudenken, stellenweise zu rekonstruieren und mit neuen Mitteln zu erweitern. Das Endergebnis ist eine Art Hybrid zwischen modernem Refurbishment und brutalistischem Erbe.« Insgesamt fasst das Hotel nach dem Umbau 297 Zimmer und Suiten, 23 Serviced Residences sowie einen großzügigen Spa-Bereich im Innen- und Außenraum.
Das Wachküssen alter, im Dornröschenschlaf verfallener Hotelburgen ist kein Einzelphänomen. Wie auch in den Assetklassen Wohnen, Bürobau und Gastronomie erlebt das Refurbishment historischer Hotelbauten mit Patina und Charakter eine neue Wertschätzung, für die die Klientel mitunter bereit ist, viel Geld auszugeben und von weither anzureisen. Zum Beispiel auch nach London. In einem ähnlichen Betonbrutalismus wie in Prag – wenn auch etwas eleganter und filigraner – erhebt sich die ehemalige US-amerikanische Botschaft am Grosvenor Square über die Dachsilhouette von Mayfair, mit einer großen, vergoldeten Adlerskulptur, die zu neuen Ufern anhebt.
Fairmont Golden, Prag
Die brutalistische Betonburg aus dem Jahr 1974 wurde von TaK Architects behutsam saniert und um neue, glamouröse Elemente ergänzt. Der ehemalige Ballsaal erstrahlt dank gläserner Luster nun in neuem Glanz, die Patina von damals ist aber nach wie vor sicht- und spürbar.
© Fairmont Golden Prague
Palais Chotek, Wien
Einst Wohnort für Otto Graf Chotek, dann Möbelmanufaktur Friedrich Schmidt und nun ein elegantes Stadthotel mit 160 Zimmern und grüner Oase. Das historische Palais in Wien-Währing wurde von AC Architects Collective umgebaut und mit Steinarbeiten von Stone4you revitalisiert.
© Palais Chotek1960 vom Mid-Century-Meister Eero Saarinen errichtet, wurde das ehemalige Botschaftsgebäude vom Londoner Pritzker-Preisträger David Chipperfield zu einem Hotel umgebaut. Für die Inneneinrichtung von Zimmern, Suiten und Lobby zeichnet der Pariser Architekt Joseph Dirand verantwortlich, die drei Restaurants stammen vom New Yorker Studio AvroKO Design. Nachdem die Sicherheitsvorkehrungen wie Zäune, Kameras Vergitterungen und Verkleidungen entfernt wurden, zeigt sich der skulpturale Bau mit seinen stufenweise versetzten Bay-Windows aus Portland-Stein nun in einer nie dagewesenen Pracht, mit schimmernden Messingapplikationen in den Fenstern und einer neuen Suiten-Etage im sechsten Stock.
Ein Hotelpalast ganz anderer Art findet sich in der Überseestadt im Hafengebiet
von Bremen, wo ein ehemaliger Kellogg’s-Getreidesilo aus den 1970er-Jahren nach Plänen des Wiener Büros DMAA Delugan Meissl Associated Architects in ein Post-Industrial-Hotel mit 117 Zimmern umgebaut wurde. Die kreisrunden und halbkreisförmigen Zimmer und Suiten folgen dem Grundriss der einstigen Silotürme und
machen die Geschichte des Ortes nächtens auch heute noch spürbar.