Design, das Geschichte schreibt: Das »Meisterstück« von Montblanc wird 100
Die ikonische Füllfeder ist mehr als ein edles Schreibinstrument. Sie hat Geschichte begleitet und wurde bei bedeutenden Momenten eingesetzt – und hat große Bewunder:innen.
Wenn man am Hamburger Firmensitz des Luxusunternehmens Montblanc von Einschreiben spricht, ist nicht die Rede von Briefen. Vielmehr geht es um die Qualitätskontrolle des Umsatzbringers der Marke: der Füllfeder. In einem schallgedämpften Raum kritzeln dann Mitarbeiterinnen mehrere Minuten lang mit farbloser Tinte »Achter« aufs Papier. Die Zahl, erfordert nämlich beim Schreiben jeden üblichen Neigungswinkel. Was die Damen machen, ist einer der letzten von weit über 100, meist manuell ausgeführten Arbeitsschritten, die so eine Montblanc-Füllfeder durchläuft, bevor es dann zur Endmontage geht. Und es ist auch eine Art Sound-Test. Denn nur Federn, die nicht kratzen und lautlos übers Papier gleiten, bestehen die harte Prüfung. Am öftesten wird hier die Feder des »Meisterstücks« getestet. Warum? Die Füllfeder-Serie ist Kult, ein Bestseller und feiert heuer ihren 100. Geburtstag.
Die Ikone
»Meisterstück«-Füllfedern sind also die Seele des Luxuslabels, das u. a. auch Uhren, Lederwaren und Parfüms herstellt. Um diese Seele perfekt zu inszenieren, wird gekonnt mit Symbolen gespielt – und dabei tief in die Storytelling-Kiste gegriffen. Das beginnt schon beim Logo des 1906 gegründeten Unternehmens. Der weiße Stern, der seit den 1910er-Jahren jede Füllfederkappe des Hauses ziert, stilisiert den Gipfel des Montblancs. Seine sechs abgerundeten Zacken repräsentieren die sechs Gletscherzungen. Zudem ist auf der Feder aus 18-karätigem Gold die Zahl 4810 eingraviert. Es ist die Höhe des höchsten europäischen Bergs.
Es sollte aber noch ein wenig dauern, bis die Füllfeder endgültig ihr unverwechselbares zigarrenförmiges Design, einen Clip und drei Zierringe erhielt und so zu jenem archetypischen Schreibgerät wurde, das sie heute ist und als das sie es sogar ins New Yorker Museum of Modern Art geschafft hat.
Glamfaktor
Die »Meisterstück« hatte jedenfalls schon sehr bald sehr einflussreiche Fans. Ernest Hemingway und Thomas Mann, Bill Clinton und Barack Obama, Winston Churchill und Queen Elizabeth II. zum Beispiel. Yoko Ono hat sich ebenfalls zur Füllfeder bekannt, Nelson Mandela soll gar seine Memoiren mit einer »Meisterstück« verfasst haben. Montblanc liefert mit der »Meisterstück« das Schreibinstrument der Dichter:innen, Denker:innen und Lenker:innen. Folglich taucht die Feder auch immer wieder auf, wenn Geschichte geschrieben und Verträge unterfertigt werden.
Als 1990 die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR unterschrieben wurde, war die »Meisterstück« dabei.
Als John F. Kennedy 1963 sich als Berliner deklarierte, hatte er seine »Meisterstück« eingesteckt und verewigte sich damit im Goldenen Buch der Stadt. Und eine goldgelbe »Meisterstück« schaffte es auch ins James-Bond-Universum. Sie erwies Roger Moore als 007 in »Octopussy« gute Dienste. Als Mini-Abhörstation für Wanzen. Und statt mit Tinte war sie mit einem Salpeter-Salzsäure-Gemisch befüllt. Roger Moore war übrigens privat ebenfalls ein großer Montblanc-Fan. Der »Sunday Times« antwortete er einmal auf die Frage, für welches Faible er sinnlos Geld verbrät: »Kugelschreiber. Ich habe Hunderte, alle von Montblanc. Ich sitze jetzt immer an meinem Schreibtisch und schaue sie mir an, aber die meisten funktionieren nicht.«
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
Sammlerstücke
Funktionsuntauglichkeit bei Füllfedern von Montblanc ist dank strenger Qualitätskontrolle unwahrscheinlich. Ein Ruf steht auf dem Spiel. Mit einem Jahresumsatz von 348,2 Millionen Euro (2022) hält das Unternehmen bei exklusiven Schreibgeräten ab 1.200 Euro einen weltweiten Marktanteil von 90 Prozent. Dieser Nischenmarkt zieht Sammler:innen an, die für limitierte Sondereditionen in Kleinstserien bereit sind, Bestpreise zu zahlen. Kürzlich erwarb jemand in Asien eine »Charlie-Chaplin«-Edition für 250.000 Euro. Zwischen Exklusivität, Handwerkskunst und dem Streben nach Achtsamkeit zeigt Montblanc, dass die Handschrift in der digitalen Welt nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat.