Gemeinsam allein: Co-Living
Wie wir wohnen (wollen) verändert sich. Aktuell rückt Co-Living immer mehr in den Fokus. Es verdichtet das Private und erweitert das Gemeinsame. Zwischen Apartment, Hotel und Nachbarschaft entsteht so ein Modell, das auf Wohnungsdruck und veränderte Lebensentwürfe reagiert.
Huningue ist ein beschauliches Städtchen am Rhein. Ein bisschen mehr als 7.000 Menschen leben hier, im Dreiländereck Frankreich, Schweiz und Deutschland. Seit Kurzem hat die Stadt ein neues, architektonisch sehr auffälliges Gebäude. Den Apartmentblock »Vatea«. Das neunstöckige, schmale Hochhaus wurde vom renommierten Pariser Architekturstudio Nicolas Laisné Architectes umgesetzt und liegt direkt am Rheinufer. Es erinnert in seiner Form an ein überdimensioniertes Kreuzfahrtschiff. Kein Zufall, aber entscheidender ist die Idee, die sich dahinter verbirgt. »Vatea« richtet sich nämlich an Wissenschafter:innen, Expats, Studierende und Grenzgänger:innen, die hier im Dreiländereck ihrem Tagwerk nachgehen. Flexible, mobile und international bestens vernetzte Menschen sollen hier für gewisse Zeit ihre Zelte aufschlagen und wohnen. Ein- und Auschecken wie auf einem Schiff und dabei Gemeinschaft zelebrieren, ohne dabei auf Privatsphäre zu verzichten: Co-Living heißt das Zauberwort.
Flächennutzungspläne
Was sich genau hinter diesem Zauberwort verbirgt, zeigt sich im größeren Maßstab. Zum Beispiel am Berliner Start-up Habyt, das Co-Living europaweit professionalisiert und hochskaliert hat. Das Unternehmen wurde 2017 von Luca Bovone gegründet, der sich über eine simple Alltagserfahrung wunderte, wie er einmal erzählte: »Warum war es so einfach, ein Uber zu bestellen, aber so verdammt kompliziert, ein Zimmer oder eine Wohnung zu mieten?« Was vor nicht einmal zehn Jahren mit einem Sieben-Zimmer-Apartment in Berlin startete, ist heute ein Co-Living-Betreiber mit Zehntausenden Einheiten in weltweit mehr als 50 Städten. Seit Kurzem betreibt Habyt im »Habyt Vienna«, einem Projekt von Strabag Real Estate am Nordbahnhof, auch in Wien 319 Apartments. »Hier wird Geschäftsreisenden, die für eine Nacht einchecken, aber auch Expats, die Wien für Monate zu ihrem Lebensmittelpunkt machen, ein perfekter Aufenthalt ermöglicht«, frohlockt Bovone und macht so noch einmal deutlich, dass sich Co-Living zu einer ernst zu nehmenden Wohnform entwickelt hat.
»Co-Living wird in den nächsten zehn Jahren vom Nischenkonzept zur Mainstream-Immobilienstrategie heranreifen.«
Städte wie Berlin, Amsterdam, Barcelona oder Kopenhagen gelten längst als Co-Living-Hotspots, weil – man hat es schon oft gehört – Wohnraum immer knapper wird, die Mieten wie irre steigen und parallel dazu die Menschen immer mobiler werden, wenn sie ihre Karriereziele verfolgen. Sie wechseln häufiger den Wohnort, arbeiten projektbezogen einmal in dieser, dann wieder in jener Stadt und suchen dabei nach Wohnformen, die zu dieser Flexibilität passen.
Co-Living versteht sich als Antwort auf diese Veränderungen. Private Wohnbereiche werden kompakter gedacht, dafür entstehen großzügige Gemeinschaftszonen. Küchen, Lounges, Dachterrassen, Co-Working-Bereiche oder Fitnessräume und Multimediaräume werden geteilt und raus kommt dabei ein Mix aus Wohnung, Hotel und Nachbarschaft.
Go West
»The Collective Old Oak« im Westen von London gilt als Parade-Co-Living-Projekt. Bar, Kino, Restaurant, Dachterrasse, Fitnessraum, Co-Working-Spaces, etc. kosten aber was. Bei ca. 1.500 Euro liegt der Einstiegspreis.
© Felix Steck
Big in Berlin und Wien
Das deutsche Co-Living-Start-up Habyt ist eine Marktgröße. Mit dem Habyt Waterfront in Berlin betreibt man u. a. ein Apartmenthaus direkt an der Spree. Seit Mai ist man auch am Wiener Nordbahnhof vertreten und sorgt dafür, dass sich nicht nur Expats im »Habyt Vienna« wohlfühlen.
Foto beigestelltNäher weg
Ein Student:innenheim für Erwachsene also? »Co-Living ist längst nicht mehr nur für junge, urbane Generationen gedacht«, nimmt Fisnik Mehmedi Spöttern den Wind aus den Segeln. Der Architekt ist Mitglied der Geschäftsführung von Viridis Real Estate Services und Lumya Living und setzt Community-Living-Konzepte in mehreren europäischen Ländern um. »Von Studierenden über Young Professionals bis hin zu Senioren teilen alle dieselben Bedürfnisse: den Wunsch nach Zugehörigkeit, Unterstützung und Inspiration durch andere.«
Genau darin liegt auch die Stärke des Konzepts, erzählt Mehmedi. Während klassische Wohnmodelle oft auf maximale Individualisierung setzen, versucht Co-Living das vielerorts verlorengegangene Bedürfnis nach sozialer Nähe zu erfüllen. »Co-Living bietet eine echte Antwort auf zwei gesellschaftliche Herausforderungen: die Wohnungsknappheit und die wachsende Einsamkeit in urbanen Räumen.«
Auch Nachhaltigkeit spielt dabei eine gewichtige Rolle. Geteilte Infrastruktur reduziert nämlich auch den Flächenverbrauch, bestehende Gebäude lassen sich effizienter nutzen und gemeinschaftliche Angebote vermeiden doppelte Strukturen. »Die Zukunft des Wohnens ist flexibel, serviceorientiert und menschenzentriert«, so Mehmedi, der in seiner Prognose noch einen Schritt weitergeht: »Co-Living wird durch Serviced Apartments als zusätzliches Angebot ergänzt werden. Große Hotelketten wie Marriott, Accor und IHG führen bereits Serviced-Apartment-Brands ein, weil sie darin die Zukunft sehen.«