Poesie in Ton: Die Keramik-Kunst von Onofrio Acone
Zwischen archaischem Handwerk und zeitgenössischer Formensprache schafft Onofrio Acone keramische Objekte von stiller Intensität. Seine Arbeiten erzählen von Zeit, Landschaft und innerer Bewegung – und davon, wie Ton zu einem Medium für Emotion, Erinnerung und Präsenz wird.
Der italienische Keramikkünstler Onofrio Acone stammt aus Kampanien und lebt und arbeitet an der Amalfiküste – einer Region, in der Landschaft, Handwerk und Geschichte seit Jahrhunderten eng miteinander verwoben sind. Seine künstlerische Laufbahn führte ihn von frühen Studien der Bildhauerei und Kunstgeschichte zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Keramik als archaischem, zugleich hochaktuellen Medium.
Acone versteht Ton nicht als formbares Material im klassischen Sinn, sondern als lebendigen Partner im kreativen Prozess. Seine Arbeiten entstehen aus einem tiefen Interesse an antiken Techniken, mediterranen Kulturräumen und inneren Zuständen. In seinem Atelier formt er Gefäße, Skulpturen und Sitzobjekte, die weniger gestaltet als gewachsen wirken – geprägt von Zeit, Feuer und bewusster Langsamkeit.
Acone arbeitet ausschließlich von Hand und ohne Töpferscheibe. Die antike Coiling-Technik, bei der der Ton schichtweise in dünnen Rollen aufgebaut wird, bildet die Grundlage seiner Formen. Diese langsame, meditative Arbeitsweise erlaubt keine Wiederholung im industriellen Sinn. Jedes Objekt bleibt einzigartig, bewusst unregelmäßig und organisch. Oberfläche, Volumen und Proportion entstehen im Dialog mit dem Material – nicht gegen es. Kleine Abweichungen, Spannungen und Spuren des Feuers sind kein Makel, sondern integraler Bestandteil der Form. Handwerk wird bei Acone zur Haltung: ein bewusster Gegenentwurf zur schnellen Produktion und zur Perfektion ohne Geschichte.
Mediterrane DNA
Die Farbwelt seiner Keramik ist tief in der Landschaft Süditaliens verwurzelt. Kalkige Weißtöne, intensive Blaunuancen, erdige Terrakotta-Farben und leuchtende Akzente in Gelb oder Grün erinnern an Küsten, Gestein, Vegetation und Licht. Acone mischt seine Glasuren selbst aus Sanden, Oxiden und mineralischen Pulvern. Oft hinterlassen auch gefundene Materialien wie Jutegewebe, Holz oder Metall Spuren auf der Oberfläche. So entstehen Gefäße, die an Landschaften erinnern – rau, poetisch und von Zeit gezeichnet. Die Keramik wird zur stillen Topografie.
Mit der Kollektion »Locus«, präsentiert auf der Maison & Objet Paris 2026, erweitert Acone sein keramisches Vokabular um Sitzobjekte. Die keramischen Poufs sind nicht bloß Möbel, sondern skulpturale Präsenzen im Raum – Orte der Sammlung, der Ruhe, der Kontemplation. Jede Form entsteht in einem intuitiven, langsamen Prozess, ohne festes Schema. Die Glasuren der Serie – etwa in tiefem Ultramarin, erdigem Terrakotta oder grün-gelben Bögen – erzählen visuelle Geschichten des Mittelmeers. Die Objekte bewegen sich bewusst zwischen Funktion und Skulptur und definieren den Raum ebenso sehr, wie sie ihn bewohnen.
»Aurorae«: Gefäße des Anfangs
Die großformatige Vasen-Kollektion »Aurorae« ist eine poetische Auseinandersetzung mit Übergängen – mit dem ersten Licht des Tages, der Schwelle zwischen Nacht und Morgen. Der lateinische Titel verweist auf Neubeginn, Offenheit und das Unfertige. Alle Vasen entstehen ebenfalls in der Coiling-Technik und bleiben bewusst »im Werden«. Ihre Formen wirken, als hätten sie sich noch nicht endgültig entschieden – offen, atmend, in Bewegung. Es sind Gefäße, die weniger bewahren als andeuten.
Für Onofrio Acone ist Keramik nie reine Form. Sie ist Träger von Erinnerung, Gefühl und innerer Bewegung. Ton, Feuer und Zeit werden zu gleichwertigen Akteuren im kreativen Prozess.