Essay: Esslust und Liebeshunger

Michael Dangl, 28.07.2019

Vielen wurde beim Film »Das große Fressen« übel. Ich rief vor dem Kino: »Wo ist der nächste Würstelstand?!« Und erlebte danach eine grandiose Liebesnacht.

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»Keine Sauce passt besser zu Austern als der Speichel einer Geliebten.« Alfons Schuhbeck? Falsch. Giacomo Casanova. Der Abenteurer, Dichter, Spion und notorische Liebhaber liebte auch gutes Essen, mehr noch: Die kulinarische Sinnlichkeit war für ihn untrennbar von der erotischen. Viele Dutzend Speisen und Weine aus ganz Europa nennt der rastlos Reisende in seinen Memoiren, und die Erregung, die ihm das »möglichst kräftige Schwitzen« einer »duftenden Schönen« bereitete, in einem lüsternen Atemzug mit dem Genuss von Käse »im höchsten Stadium seiner Reife, wenn die kleinen Tierchen in ihm sichtbar werden«. Eine Liebesnacht begann mit einem Liebesmahl, und Austern als sexuell aufgeladene Leckerei (im wahrsten Sinn) hat meines Wissens er erfunden, indem er ausführlich deren Weg von seinem Mund in ihren, von seiner auf ihre Zunge beschreibt, von dort in ihr Dekol­leté, auf seinen schlürfenden Lippen tiefer, und tiefer, zwischen ihre bebenden Schenkel (vom Kleid hatte er sie schon zuvor – »Der Hitze wegen!« – befreit). Da war der Übergang von Ernährung zu Begattung (wieder im wahrsten Sinn) gleitend. Ein anderes Rendezvous eröffnete er mit der Warnung, »vor Leidenschaft zu explodieren«, weil er eben Trinkschokolade und das Weiß von sechs Eiern genossen habe, was ebenso viele Höhepunkte in Aussicht stelle. Casanova ist in der letzten Blüte der großen venezianischen Kochkunst groß geworden, am Drehpunkt der Handels­wege und Gewürzrouten. Seine Pasta bestreute er mit Zimt und Zucker, ein Gruß aus dem Mittelalter und den exotischen Weltregionen, deren Produkte und Gebräuche den Weg in die einstmals mächtigste Seemetropole gefunden hatten. Asien war in der Verbindung von Essen und Erotik schon immer ein Lehrmeister.

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