Atemberaubend: der Blick von Tournon-sur-Rhône auf die Amphitheater des Hermitage-Felsens, der berühmtesten Lage des Rhônetals.

Wasserweg nach Süden: Die Rhône und der Wein

Benjamin Herzog, Ulrich Sautter, 19.08.2019

»Sur le pont d’Avignon on y danse, on y danse …« So lautet das bekannte Volkslied aus dem 15. Jahrhundert. La douce France belebt unsere Fantasie kaum sonst wo so stimmungsvoll wie im Rhônetal.

Werbung

Ob das am Wein liegt? Kaum ein Fluss hat Mittel- und Südeuropa kulturell so zusammengeschweißt wie die Rhône. Schon in der Bronzezeit existierte eine Hochkultur, deren Einfluss entlang der Rhône von den Alpen bis zum Mittelmeer reichte. Im vierten Jahrhundert vor Christus brachten die Griechen den Weinbau nach Marseille. Von der südlichen Rhône aus verbreiteten sich die Reben im ganzen heutigen Frankreich. Doch auch ganz im Norden des Rhônetals liegt eine Keimzelle des europäischen Weinbaus: Die Kelten bauten schon im achten Jahrhundert vor Christus Wein im Wallis an. Hier, am nördlichsten Flussabschnitt der Rhône und in seinen alpinen Nachbargebieten, liegt zudem einer der bedeutendsten Gen-Pools der europäischen Weinrebe. Sorten wie Mondeuse und Syrah stammen aus dem benachbarten Savoyen, und das Wallis ist berühmt für Lokalsorten wie Petit Arvine, Cornalin oder Humagne. Der »Rotten«, wie die Oberwalliser die Rhône nennen, hat seinen Ursprung im äußersten Nordosten des größten Schweizer Weinbaukantons. Hier liegt der beeindruckende Rhônegletscher, an dessen Rückgang sich die Folgen des Klimawandels unmissverständlich erkennen lassen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts schmilzt er kontinuierlich, fast 10 Zentimeter pro Tag. Sein Schmelzwasser sammelt sich derzeit in einem See auf 2208 Metern Seehöhe. Von dort aus fließt die Rhône hinab ins Tal, von Visp aus auf 72 Kilometern überwiegend westwärts, bis sie bei Martigny, am Rhôneknie, einen markanten 90-Grad-Bogen nimmt, um Richtung Norden in den Genfersee zu fließen. Oberhalb von Visp in Visperterminen liegt der höchste Weinberg Europas und das Epizentrum des Heida, wie die französische Sorte Savagnin im Wallis genannt wird. Die dichten, konzentrierten Weißweine sind von den hohen Temperaturen der Sommermonate geprägt. Hier in der Region gedeihen aber auch fast vergessene Sorten wie der Eyholzer Rote oder Lafnetscha, die trotz der Hitze federleichte Weine hervorbringen. Die für das Rhônetal so typische Sorte Syrah gelangte im Jahr 1926 ins Wallis und führt trotz perfekter klimatischer Bedingungen noch immer ein Schattendasein. Wie überall in der Schweiz dominiert beim Rotwein der Pinot Noir, der im Walliser Klima jedoch wenig von seiner eigentlichen Finesse ausspielen kann. Syrah wie der Cayas von Jean-René Germanier verdeutlichen auf eindrucksvolle Weise, zu welcher Strahlkraft diese Sorte in der Schweiz fähig ist.

Weiterlesen

Werbung