Blattsprossen, Blüten, Knollen, Wurzeln: Im Kräuterdorf Irschen findet der Naturfreund feinste Aromen.

Wilde Würze

Julia Kospach, 31.05.2019

Ohne ihre besonderen Kräuter, Wildpflanzen und Gemüsespezialitäten wäre die Küche der Alpe-Adria-Region nicht, was sie ist. Ein Streifzug durch Lavendelfelder und Karstkräuter.

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Wenn im italienischen Friaul die hoch gelegenen Talhänge der Berge im Frühjahr noch nass sind vom gerade geschmolzenen Schnee, dann sind das genau die Bedingungen, unter denen der Alpen-Milchlattich (Cicerbita alpina) Jahr für Jahr seine dicken, violett-grünen Jungsprossen austreibt. Dort, wo man ihn besonders schätzt, in der Region Karnien im Nordwesten Friauls, hört der Alpen-Milchlattich auf den schönen Namen Radìc di Mont oder Radìc dal Glaz und blickt auf eine lange kulinarische Tradition zurück: Nach der Schneeschmelze auf den Berghängen abgeschnitten, kommen die dicken Blattsprossen dieses wilden Bergradicchios, die durch die Temperaturen ihrer alpinen Wuchsorte besonders zart geworden sind, in Salate oder Frittatas. Gegessen – oder dem Vieh verfüttert – wird und wurde der feine Lattich zwar auch in anderen Alpenregionen. Typisch karnisch ist es allerdings, den Radìc di Mont in Öl einzulegen und so fürs ganze Jahr haltbar zu machen. Nicht weit entfernt hat eine andere Gemüserarität der Alpe-Adria-Region zu einer ganz neuen Hochblüte gefunden. Im Résiatal, jenem slawisch geprägten friulanischen Gebirgstal am Fuße des Kanin, das so liegt, als wäre es buchstäblich eingezwickt zwischen den Grenzen zu Österreich und Slowenien, feiert der Rozajanski strok oder Résianer Knoblauch fröhliche Urständ: Süß und mild, dabei besonders intensiv im Geschmack ist dieser kleinknollige, rot-lila Knoblauch, den die Bergbauern des isolierten Tals über Jahrhunderte nur für den Eigenbedarf zogen. Seit den 1980er-Jahren wird der Strok allerdings verstärkt angebaut. Inzwischen hat der feine Alpen-Knoblauch das entlegene Tal in ganz Italien bekannt gemacht und der örtlichen Wirtschaft einen kräftigen Impuls gegeben. Essen kann man übrigens längst nicht nur die Knollen des Strok, die im Juli geerntet und mitsamt Laub zu Zöpfen geflochten und luftgetrocknet werden, sondern auch die jungen Blattaustriebe des Frühjahrs. Wie Schnittlauch gehackt, passen sie in jeden Salat oder Aufstrich. Überhaupt sind Wild-, Heil- und Küchenkräuter, Wildgemüse sowie alteingesessene, schon über Generationen gepflegte bäuerliche Gemüsespezialitäten ein ganz wesentlicher Bestandteil der Küchen des Alpe-Adria-Raums. Dass man sie für die Intensität und den Nuancenreichtum ihres Geschmacks so lobt, hat auch damit zu tun, dass sie auf den besonderen Böden dieser Gegend zwischen Bergen und Meer, Karst und Hügeln, fruchtbaren Ebenen und Bergwiesen gedeihen. So wie die »erbe del Carso«, die Wildkräuter des Karsts, zu denen neben Salbei und Bohnenkraut vor allem auch die feinen Blüten und -pollen des Wildfenchels gehören, die einen Hauch von Anis in Salate, Saucen oder Omelette bringen.

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