Salgesch positionierte 1988 seinen Pinot Noir mit einem strengen Reglement erfolgreich als ersten Schweizer Grand Cru.

Jenseits des Grand Cru

Martin Kilchmann, 20.03.2018

Die Bezeichnung des Pinot Noir wird im Wallis heute inflationär verwendet. Daher kehren ihr viele Winzer des Dorfs den Rücken zu und setzen auf Spezialitäten und Autorenweine.

Werbung

Oben schneit, unten regnet es. Während Zermatt im Schnee versinkt, hat der Regen in Salgesch auch die letzten weissen Flecken weggespült. Weltuntergangsstimmung herrscht im 1450 Seelen zählenden Winzerdorf deshalb keine: In vielen der rund vierzig Winzer- und Weinhandelsbetrieben, die auf 192 Hektaren und auf kalkreichen Böden in einer vielstufigen, imposanten Arena Rebbau betreiben, ist trotz eines mengenmässig desaströs ausgefallenen Jahrgangs 2017 (Frost!) eine Aufbruchstimmung zu spüren. Den meisten Kellereien geht es gut. Die Weine verkaufen sich zufriedenstellend. Den Grundstein zu dieser erfreulichen Gegenwart legte vor dreissig Jahren die Einführung eines für die damalige Zeit rigorosen Grand-Cru-Reglements für den Pinot Noir, der dominanten Sorte in den Salgescher Rebbergen. Die Parzellen mussten vorgängig deklariert werde. Der Ertrag wurde auf 800 Gramm pro Quadratmeter beschränkt. Es galt, die Hürde von 92 Grad Öchsle zu nehmen. Und um die salgesch-typische, würzige Pinot-Frucht möglichst unverfälscht in die Flasche zu bringen, durfte der Wein nicht im Holz ausgebaut werden. Schliesslich musste sich der Pinot Noir nach der Abfüllung dem Urteil einer externen Degustationsjury stellen. Erst wenn dieses positiv ausfiel, erhielt er die einheitliche Grand-Cru-Etikette – das Malteserkreuz des Gemeindewappens. Der Name des Produzenten verschwand derweil auf die Rücketikette. 12 bis 14 Betriebe waren das jeweils, während ein bis zwei Betriebe pro Jahrgang abgelehnt wurden. Die Einführung (noch vor der Etablierung einer kantonalen AOC) war eine Pionierleistung. Sie schweisste die Winzer des Dorfes zusammen und verschaffte dem Salgescher Pinot Noir einen Qualitätsschub, was sich wiederum heilsam auf das damals etwas ramponierte Image des Salgescher Weins auswirkte. Heute freilich scheint der Salgescher Grand Cru ein Auslaufmodell zu sein – oder wie es der Winzer Olivier Mounir (Cave du Rhodan) in Anlehnung an eine Studie etwas gestelzt ausdrückt: Er scheint «am Ende seines Produktelebenszyklus» angelangt zu sein.

Weiterlesen

Werbung