Warum kleine Portionen besser schmecken

Marlies Gruber, 28.04.2026

Ein halbes Glas Wein, ein Bissen Stockfischcreme auf knusprigem Brot, eine Sardine, kaum zwei Finger breit – und doch breitet sich im Mund ein ganzes Meer aus. Wer in einem Bàcaro in Venedig vor einer Auslage voller Cicchetti steht, ahnt intuitiv, was die Forschung erst nach und nach belegt: Kleine Portionen können erstaunlich groß schmecken.

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Heute gelten »Small Plates« – vom spanischen Tapas-Boom bis zu modernen Sharing-Konzepten – als Inbegriff zeitgemäßer Gastronomie, doch Venedig praktiziert dieses Prinzip seit Jahrhunderten. In der Lagunenstadt waren kleine Bissen, die sogenannten »Cicchetti«, schon früh eine pragmatische Antwort auf den Alltag: Wer zwischen Handel, Schifffahrt und Verhandlungen unterwegs war, brauchte schnellen, konzentrierten Genuss statt ausladender Menüs. In der aktuellen Ernährungs- und Genussdiskussion lässt sich diese Tradition nun neu lesen: Kleine Portionen, vielfältige Aromen und geteilte Teller ermöglichen es, mehr Geschmäcker zu probieren, ohne zwangsläufig mehr zu essen – vorausgesetzt, die Vielfalt wird nicht zur Einladung zum Übermaß. Cicchetti zeigen, wie ein historisches »to go«-Format zu einem Modell für bewussten, ­intensiven Genuss werden kann: viele erste Bissen statt eines Wegs in die geschmackliche Ermüdung. Warum ist das so?

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