Cooles Büro, fesche Fabrik: Die neuen Industriebauten
Industriebauten treten aus der zweiten Reihe: Ob Müllverbrennungsanlage oder Verteilerzentrum – was lange nur funktionieren musste, wird heute gestaltet. Und zwar präzise, sichtbar und mit einer eigenen, ästhetischen Logik.
Industriearchitektur hatte lange die Rolle des Statisten. Nebenbei, statt mittendrin, hatten Fabriken, Gewerbebauten, Logistikzentren und die großen, fetten Büro-Tanker den Hauptauftrag zu funktionieren. Man stellte sie an die Peripherie und war froh, wenn sie niemanden groß störten. Inzwischen hat sich der Blick verschoben. Was und wo produziert oder verteilt wird, tritt wieder ins Bild. Es geht nicht mehr darum, das Nützliche zu verstecken, sondern zu zeigen, wie es funktioniert. Zudem zwingen die Ressourcenknappheit und Nachhaltigkeit dazu, das Zweckmäßige ernst zu nehmen und darin eine eigene Ästhetik zu entdecken.
Wie das renommierte polnische Architekturbüro Robert Konieczny KWK Promes. Für das auf Rohrleitungen spezialisierte Unternehmen Gambit plante man ein neues Büro- und Lagergebäude in Gliwice. »Es sollte unverwechselbar sein und gleichzeitig auch kostengünstig«, so das Büro. Warum also nicht Material verwenden, mit dem das Unternehmen handelt und das es zum Selbstkostenpreis beziehen kann? »Wir entwarfen ein Gebäude als gestapelte Rohrformation. Ein Baukörper, der auf den ersten Blick zeigt, womit sich das Unternehmen beschäftigt.« Clever. Zugleich sollten Büro- und Lagerbereich als eine Einheit wirken. Genau diese Nüchternheit mit Hang zum Pragmatismus macht den Entwurf stark. Er zeigt von außen an, was innen passiert, ohne es zu überhöhen.
Lass dich anschauen
Ein ähnlicher Perspektivwechsel vollzieht sich auch in Wuhan. Die Waste-to-Energy-Anlage von United Units Architects (UUA) behandelt die hochtechnischen Prozesse, die in den Maschinenräumen innerhalb von Müllverbrennungsanlagen passieren, nicht als etwas, das man verstecken muss. Im Gegenteil: Man verpasst der Fabrik und der Technik dahinter ein selbstbewusstes, attraktives Äußeres. »Perspektive bestimmt unsere Wahrnehmung – ob Maschinen als Werkzeuge oder als Kunst erscheinen, hängt von einer veränderten Haltung ab«, so UUA Design Director Yongzheng Li. »Bei diesem Projekt betrachten wir Maschinen als Kunstwerke, die menschlichen Erfindergeist verkörpern, und schaffen für sie würdige Betriebsräume.«
High-Energy-Performance
In Wuhan wird Müllverbrennung zum architektonischen Statement.
© Archi TranslatorWürde tritt dabei in vielerlei Gestalt auf den Plan, wie das portugiesische Architekturbüro OODA zeigt. In der Hafen- und Industriestadt Matosinhos hat man den Bestand einer alten Konservenfabrik als Ausgangsmaterial genommen, um ein Mixed-Use-Areal aufzubauen und dort revitalisiert, restauriert, weitergebaut und verdichtet. Industrie verschwindet dabei nicht, sie wird umgeschrieben. Jetzt finden sich dort neben einem medizinischen Labor eine Gesundheitsklinik, Büros, Geschäftsräume, aber auch Wohnbereiche.
Alles logo!
Am deutlichsten wird der Wandel übrigens dort, wo Produktion in Verteilung übergeht:
in Logistikzentren. Die spanische Kinderbekleidungsmarke Mayoral hat nach einem Entwurf von System Arquitectura ein neues Logistiklager in Málaga gebaut. Eine hochgradig energieeffiziente Halle, die mehr ist als Infrastruktur. Ihre geschwungene Fassade, die sorgfältige Materialität und die Einbindung ins Areal verleihen ihr eine überraschende Präsenz. Noch weiter geht das Bestseller Logistics Center West in Lelystad, in der Nähe von Amsterdam, von Henning Larsen.
Eco fresh
Der dänische Kleiderhersteller Bestseller hat für seine Marken ein Logistikzentrum in den Niederlanden geplant.
Hier wird das Logistikzentrum Teil eines ökologischen Systems: mit biogenen Materialien, Landschaftsbezug und einem erweiterten Verständnis von Funktion. »Unser Engagement für den Erhalt und die Aufwertung der natürlichen Umwelt geht über die Ästhetik hinaus«, so Sonja Stockmarr, Global Design Director of Landscape, die festhält, dass 40 Prozent des Geländes der Landschaft gewidmet sind. »Wir bauen nicht einfach ein Logistikzentrum, wir schaffen einen Lebensraum, der auf Natur und Artenvielfalt Rücksicht nimmt.«
Was sich aktuell also abzeichnet, ist mehr Paradigmen- denn Stilwechsel. Vom Rohrstapel in Gliwice bis zu den Logistiklandschaften in Málaga und Lelystad entsteht eine neue Selbstverständlichkeit. Industrie- und Infrastrukturbauten wollen nicht länger nur abwickeln. Sie wollen zeigen, was in ihnen passiert und sich dabei präsentieren.