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© Mark Cocksedge

Design in Bewegung: Auf der Suche nach dem perfekten Stuhl

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Was bedeutet es, richtig zu sitzen? Die Lösungen der letzten fünf Jahrzehnte zeigen, dass der perfekte Stuhl kein starres, technisches Konstrukt ist, sondern Design, das uns bewegt.

Fünf Stunden pro Tag. Das sind 35 Stunden pro Woche, 76 Tage pro Jahr, die wir, so eine Erhebung der MedUni Wien aus dem Jahr 2021, in der Sitzposition verbringen. Das »richtige Sitzen« ist daher essenziell – und somit auch das Design unserer Stühle. »Es ist ein Irrglaube, dass man ›aufrecht sitzen‹ sollte, besser sind stützende, leicht zurückgelehnte Haltungen«, weiß Jonathan Puleio, Global Vice President bei Humanscale. Die Hauptaufgabe moderner Stühle sei es, so der Experte, Bewegungen und Haltungswechsel intuitiv zu fördern sowie die Wirbelsäule über den gesamten Rücken zu stützen, entlasten und mobilisieren. Die Umsetzung dieser Anforderungen in Sitzmobiliar entsteht seit Jahrzehnten – gestützt auf anthropometrische Daten, Studien und Kreativität – im Zusammenspiel von Design und Ergonomie.

Neu positioniert
Peter Opsviks Sattelstuhl »HÅG Capisco« (1983) wurde 2010 als »Puls« weiterentwickelt; er fördert aktives Sitzen und Positionswechsel.
opsvik.no

Sitzrevolution
Peter Opsviks Kniestuhl »Variable Balans« lädt zum aktiven Sitzen ein und fördert Bewegung und eine natürliche Haltung.
opsvik.no

Sitzdesign, das bewegt

Die ersten ergonomischen Stühle, viele davon bis heute ikonisch, entstanden ab den 1970ern. Ausschlaggebend für diese Entwicklung war eine Vielzahl an Faktoren, vom Anstieg der Büroarbeit und der Notwendigkeit von mehr Sitzkomfort bis hin zu Erkenntnissen der Biomechanik. So konnte der schwedische Mediziner Alf Nachemson in den 1960ern zeigen, dass sich der Bandscheibendruck je nach Haltung ändert und vor allem im Sitzen ohne Stütze erhöht ist. Darauf aufbauend
erlebte die Ergonomie in Skandinavien einen Aufschwung, auch Kreative setzten sich verstärkt mit menschenzentriertem Design auseinander. Viele der prägenden Modelle stammen daher aus dem Norden, von Vertreter:innen wie Peter Opsvik. Er entwickelte im Rahmen der Studie »Balanced Sitting« von Hans C. Mengshoel den Kniestuhl »Variable Balans«, ein frühes Beispiel dynamischen Sitzens, das bereits Druckverteilung, Bewegungsfreiheit und Haltungswechsel förderte, sich jedoch kaum anpassen ließ. Anders sein Sattelstuhl »HÅG Capisco« (1983), der dank Aussparungen in Sitz und Rückenlehne die Anzahl der Sitzposen sowie die Mobilität erhöhte. Auch Bill Stumpf und Don Chadwick setzten mit ihrem »Aeron« (1994) für Herman Miller neue Maßstäbe, dessen innovatives Pellicle-Gewebe Druckpunkte noch gleich-mäßiger verteilte. 1999 erweiterte Humanscale den Markt mit dem selbst regulierenden Neigemechanismus des »Freedom« von Niels Diffrient, ergänzt Jonathan Puleio: »Die:der Nutzer:in kann sich frei bewegen, ohne manuelle Einstellungen vornehmen zu müssen. Knöpfe und Hebel sind somit überflüssig.« Der »Generation Chair« (2009) von Knoll verfolgt mit dem hochflexiblen Rückenrahmen schließlich einen »Elastic Design« Ansatz.

Dynamischer Dreh
Der patentierte Mechanismus des eleganten Allrounders »Mynt« von Vitra passt sich dynamisch an die Sitzbewegungen an.
vitra.com

Zeitloser Klassiker
Fritz Hansens »Series 7« (1955, Arne Jacobsen) mit seiner anthropometrischen Formgebung wird als formaler Vorläufer späterer Ergonomiestühle eingeordnet.
fritzhansen.com

Stoff der Sitzträume
Der »Aeron Chair« von Herman Miller gilt mit seiner flexiblen, atmungsaktiven Pellicle-Netzstruktur als revolutionär.
hermanmiller.com

Intuitives Design
Der perfekte Bürostuhl: Der höhenverstellbare »Generation Chair« (2009) von Knoll bietet intuitive Bewegungsfreiheit.
knoll.com

All diese Entwicklungsstufen haben die Welt des Sitzens nachhaltig geprägt. Gelungene Modelle vereinen heute flexible Materialien mit intuitivem Design, das Mobilität fördert. »Bewegung nährt die Wirbelsäule und kompensiert Beschwerden, die mit statischen Muskelkontraktionen verbunden sind«, erklärt es der Global Vice President. Neue Designs wie Erwan Bouroullecs »Mynt« für Vitra, ein Allrounder, dessen Lehne und Sitz sich dynamisch an die Körperhaltung anpassen, oder Don Chadwicks Thekenstuhl »Sedeo« für Humanscale mit sakralem Support zeigen, dass Ergonomie auch 2025 weitergedacht wird. Form und Funktion gehen dabei, wie schon vor fast 50 Jahren, Hand in Hand. »Kompromisse bei der Ästhetik sind nicht nötig – denn Ergonomie ist und bleibt eine designbasierte Disziplin«, bringt es Jonathan Puleio auf den Punkt.

Lean on Me
Für Mara hat AMDL CIRCLE 2024 den »Typo« mit dynamischer Silhouette sowie Sitz und Lehne aus Holz entwickelt.
marasrl.it

Lehnenlose Freiheit
Die ergonomische Sitzschale des »Sedeo« unterstützt das Kreuzbein und sorgt so für eine bessere Haltung – auch an Theken.
humanscale.com

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 8/2025

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Christina Horn
Autor
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