Haute Couture trifft Museum: Die spannendsten Ausstellungen 2026
Mode ist kulturelles Gedächtnis, künstlerische Haltung und Spiegel gesellschaftlicher Umbrüche. 2026 verdichtet sich diese Erkenntnis in einer Reihe von Ausstellungen. LIVING zeigt die Highlights.
Einblicke in das »Atelier Tailleur« oder »Atelier Flou« sind selbst in Paris rar. Wer jedoch ins toskanische Museo del Tessuto reist, erlebt beide Welten zugleich. Noch bis Mai treten dort Azzedine Alaïa und Cristóbal Balenciaga in leise Korrespondenz. Das Ergebnis ist eine Schau aus Form, Volumen und präziser Sinnlichkeit, vereint durch zwei Visionäre. Olivier Saillard kuratierte die fünfzig Kreationen und erweiterte die Präsentation um zwölf originale Zeichnungen Balenciagas aus den 50er- und 60er-Jahren. Carey Mulligan trug zur 96. Oscarverleihung übrigens ein Archivkleid von Balenciaga aus dem Jahr 1951, das das französische Modehaus neu aufgelegt hat.
Die Idee der Couture als Königsdisziplin setzt sich dieses Jahr, wie sollte es anders sein, in Paris fort. In der Fondation Azzedine Alaïa tritt Alaïa erneut in einen Austausch, diesmal mit Christian Dior. Im Fokus stehen florale Opulenz des »New Look« und konzentrierte »Stoffbildhauerei«, geeint in der Suche nach Weiblichkeit und dem Sinn für Eleganz.
Die Avantgarde
Wo das Schneiderhandwerk zur Vollendung gelangt, setzt anderswo die radikale Neuerfindung ein – in diesem Fall verkörpert durch Rei Kawakubos Dekonstruktion und Vivienne Westwoods Punk-Mode. Korsetts werden zu politischen Statements, deformierte Jacken zu Fragen von Ästhetik und Körperpolitik. Das NGV International vereint dazu mehr als 140 Kleidungsstücke aus vier Jahrzehnten, darunter Westwoods Hochzeitskleid aus dem Film Sex and the City sowie Kawakubos skulpturales Petal-Ensemble, getragen von Rihanna bei der Met Gala 2017.
Rebellion ist jedoch nicht immer ein singulärer Akt. Eine kollektive Spur führt nach Antwerpen, wo das ModeMuseum den legendären Antwerp Six eine Ausstellung zum 40. Jahrestag widmet. In den 1980er-Jahren revolutionierten Dries Van Noten, Ann Demeulemeester, Walter Van Beirendonck, Dirk Bikkembergs, Dirk Van Saene und Marina Yee mit kühnen Entwürfen und intellektueller Schärfe das internationale Modeverständnis – aus einer regionalen Bewegung wurde ein global prägender Stil. »Sie haben die jüngere Modegeschichte entscheidend mitgestaltet«, weiß Kaat Debo, Direktorin des MoMu.
Schiaparelli: Fashion Becomes Art. Die Ausstellung wurde für das V&A von Sonnet Stanfill, Lydia Caston und Rosalind McKever kuratiert und entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Haus Schiaparelli.
Bild: Look aus der Haute-Couture-
Kollektion, H/W 2024/25.
Surrealismus und Grenzgänger
Wie sehr Mode zur Kunst werden kann und ein Panorama schafft, in dem Kleidung zwischen tragbar und untragbar oszilliert, zeigt das Victoria & Albert Museum mit Elsa Schiaparelli. Tristram Hunt, Direktor des V&A, sagt stolz: »Die Ausstellung würdigt eine der genialsten und mutigsten Designerinnen der Modegeschichte.« Freuen darf man sich unter anderem auf das berühmte »Skeleton Dress« und das »Tears Dress«, die beide in Zusammenarbeit mit Salvador Dalí entstanden sind. Auch ihr Einfluss auf Film und Theater wird durch Archivmaterialien und Entwürfe deutlich. Heute ist Schiaparelli Haute Couture, unter Kreativdirektor Daniel Roseberry, ein fester Bestandteil auf dem roten Teppich in Paris und der Oscars.
Apropos Film! Im Herbst wird im Petit Trianon in Versailles das zwanzigjährige Jubiläum von Sofia Coppolas Rokoko-Popkultur-Kinoadaption über Marie Antoinette gefeiert, ein vielschichtiges Potpourri aus Geschichte, Opulenz und Pastellästhetik. Zu sehen sind Originalkostüme von Milena Canonero, die 2007 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, ergänzt durch Requisiten, Storyboards und Entwurfsskizzen.
Zuvor rollt man den Red Carpet jedoch in New York aus, wenn im Mai das Metropolitan Museum of Art zur Met Gala unter dem Motto »Fashion is Art« lädt und zeitgleich die Frühjahrsausstellung unter dem Titel »Costume Art« eröffnet. Kunstgeschichte und Glamour verschmelzen diesmal zu einem Ereignis mit dem Fazit: Mode als kulturelle Matrix und Spiegel gesellschaftlicher Umbrüche – oder eine (Moden-)Schau mit Mehrwert.
Neue Zeiten. Heute führt Kreativdirektor Daniel Roseberry das traditionsreiche Maison vom Atelier an der 21 Place Vendôme in ein neues Kapitel. Model Awar Odhiang in Schiaparelli, Haute Couture H/W 2024/25.
© Kuba Dabrowski / Photo courtesy Patrimoine Schiaparelli, ParisRadikale Reduktion
»Die Vergangenheit ist nie einfacher als die Gegenwart; die Gegenwart ist immer die Möglichkeit«, sagte einst Helmut Lang, der sinngemäß in seine Heimatstadt zurückkehrte. Das MAK würdigt den Designer und Künstler mit einer umfassenden Retrospektive, die nicht nur Kollektionen rekonstruiert, sondern auch offenlegt, wie Reduktion zur Provokation werden kann. Prädikat: sehenswert! Gesellschaften, Körper und Imaginationen verbinden sich in diesem Modejahr zu einem vielstimmigen Parcours. Und die Frage, ob Kunst oder Handwerk, stellt sich kaum noch, denn Kleidung kann längst beides sein.
Haute Couture in Ausstellungen
- The Antwerp Six
ModeMuseum (MoMu)
Antwerpen, Belgien
28. März 2026–17. Jänner 2027
- Schiaparelli:
Fashion Becomes Art
Victoria & Albert Museum
London, Großbritannien
28. März 2026–8. November 2026
- Westwood x Kawakubo
National Gallery of Victoria
Melbourne, Australien
bis 19. April 2026
- Alaïa und Balenciaga
Museo del Tessuto
Prato, Italien
bis 3. Mai 2026
- Helmut Lang:
Séance de Travail 1986–2005
MAK – Museum für angewandte Kunst
Wien, Österreich
bis 3. Mai 2026
- Costume Art
Metropolitan Museum of Art
New York, USA
10. Mai 2026–10. Jänner 2027
- Azzedine Alaïa and Christian Dior. Two Masters of Haute Couture
Fondation Azzedine Alaïa
Paris, Frankreich
bis 24. Mai 2026
- Marie Antoinette by Sofia Coppola
Petit Trianon, Schloss Versailles
Versailles, Frankreich
22. September 2026–24. Jänner 2027