Zum Inhalt springen
© Francesco Dolfo/LIVING inside

Indien trifft auf Italien: zu Hause bei Architektin Shonan Purie Trehan

Interior Design
Design
LIVING Interview
Architektur

Abseits der Stadt Florenz, eingebettet in toskanische Hügel, hat die indische Architektin Shonan Purie Trehan ein historisches Haus aus dem 17. Jahrhundert in ein leises Manifest für zeitgenössisches Wohnen verwandelt. In Nuancen aus Korallenrot, Türkis, Salbei und Lachs – eine einladende Farbpalette, die sowohl für Indien als auch für Italien steht.

Florenz ist eine Stadt, die nichts vergisst. Ihre Mauern tragen Jahrhunderte von Kunst, Macht und Handwerk in sich. Wer hier baut – oder umbaut – tritt zwangsläufig in einen Dialog mit der Vergangenheit. Genau diesen Dialog hat Shonan Purie Trehan, Architektin und Gründerin des Studios Language. Architecture. Body, gesucht, als sie ein jahrhundertealtes Anwesen in den Hügeln von Florenz zu ihrem neuen Zuhause machte. Das Haus, eine Villa aus dem 17. Jahrhundert, ist kein protziges Schloss im klassischen Sinn, sondern ein stilles Zeugnis florentinischer Baugeschichte: dicke Steinwände, verschachtelte Räume, enge Durchgänge, ein Turm mit Blick über die Landschaft der Toskana. Ein Gebäude, das nicht designed wurde, um zu gefallen – sondern um zu bestehen.

Zwischen Historie und Ruhe

Als Trehan das Anwesen übernahm, war schnell klar: Es sollte keine glatte Restaurierung werden, kein nostalgisches Museum. Stattdessen entschied sie sich für eine bewusste Koexistenz von Alt und Neu. Gemeinsam mit lokalen Handwerker:innen – Steinmetz:innen, Maler:innen, Restaurator:innen – ließ sie die historischen Schichten des Hauses sichtbar, reparierte, wo nötig, und ergänzte nur dort, wo es dem heutigen Leben diente. Der Entwurf folgt keinem strengen Masterplan. Räume entwickeln sich organisch, so wie das Haus selbst über Jahrhunderte gewachsen ist. Ein ehemaliges Studierzimmer wird zur Küche. Ein Spiegel über dem Kamin reflektiert eine alte Freskendecke und macht Geschichte zum alltäglichen Begleiter. Nichts ist laut, nichts will dominieren. Dieses Ergebnis, diese Verbindung von Funktionalität, europäischem Charme und exotischem Geist, ist auch das Resultat der professionellen Zusammenarbeit zwischen der Besitzerin und dem italienischen Architekten Luigi Fragola. Der hatte im Laufe der Jahre zahlreiche außergewöhnliche Häuser und Villen entworfen – oft mit sehr geringem Energieverbrauch – und zählt heute zu den gefragtesten italienischen Architekten für Projekte mit einzigartigem, zeitgenössischem Charakter. »Mein Mann sah beim Durchblättern einer AD-Ausgabe Luigis privates Haus und war sofort begeistert. Also nahmen wir Kontakt auf. Ich brauchte einen ›Kollegen‹ vor Ort – und dieses Treffen war eines der glücklichsten überhaupt«, erzählt die Designerin aus Mumbai heute, die mit ihrem Studio L.A.B seit 2010 internationale Projekte realisiert.

Kulinarischer Treffpunkt
Die maßgefertigte Küche in einem Blauton bewahrt historische Wandfresken, die durch Spiegelungen und Reflexionen hervorgehoben werden. Zementfliesen von Popham Design.

© Francesco Dolfo/LIVING inside

Einladend
Die Tür aus graviertem Glas trennt Küche und Essbereich und schafft visuelle Kontinuität sowie natürlichen Lichteinfall. Esstisch von Dirk van der Kooij. Stühle von Cassina. Kronleuchter von Lekha Washington.

© Francesco Dolfo/LIVING inside

Farblich bewegt sich die Villa in einer ungewöhnlichen, aber harmonischen Palette: Koralle, Salbei, Lachs. Töne, die an florentinische Fassaden und zugleich an indische Textilien erinnern – eine subtile Übersetzung von Herkunft und Gegenwart. »Wir wollten die Farben der Villa respektieren – sie sollten ›toskanisch‹ sein, als Hommage an diese Landschaft, aber zugleich frisch, lebendig und elegant«, erählt Trehan weiter.

Wir wollten ein Zuhause, in dem wir unser Leben sammeln können. Ein Ort, an dem wir uns dem Leben
öffnen und es umarmen.

Shonan Purie Trehan, Architektin

»Luigi hat ein unglaubliches Gespür für Farbe. Er war entschlossen, wo es nötig war, und offen dort, wo es Raum für Freiheit gab. Er verstand sofort: Dies ist ein Haus für eine echte Familie.«

Ästhetik ist großgeschrieben

Auch im Interior-Bereich tobte sich das Kreativ-Team aus: Möbel und Kunstobjekte stammen aus verschiedenen Kulturen und Zeiten, ohne je dekorativ zu wirken. Sie erzählen von Reisen, von Erinnerungen, von Übergängen. »Alle Werke haben wir selbst ausgewählt. Das erste stammt von der indischen Konzeptkünstlerin Mithu Sen: ›Twist Your Pelvis, Scratch Where It Itches‹ – sinnlich, intensiv, sehr intim. Jedes Objekt erzählt eine Geschichte unseres Lebens vor Florenz. Früher hatten wir mehr Kunst als Wände – jetzt haben wir endlich die Wände.«

Die originalen Steinböden bleiben unangetastet, ihre Unregelmäßigkeiten lassen eine Nutzung von Jahrhunderten erahnen. Darauf platziert die Expertin Möbel wie Objekte mit Gewicht: Niedrige Sofas mit skulpturaler Präsenz, maßgefertigte Holztische, deren Maserung wichtiger ist als ihre Form. Nichts glänzt, nichts schreit. Oberflächen altern würdevoll – Leder, Kalkputz, massives Holz.

Charmante Hausherrin
Shonan Purie Trehan, Architektin und Innenarchitektin, Gründerin von L.A.B Studio.

© Francesco Dolfo/LIVING inside

Trehan: »Wir wollten ein Zuhause, in dem wir unser Leben sammeln können. Ein Ort, an dem wir uns dem Leben öffnen, es umarmen und das Kommende feiern.« Besonders eindrucksvoll ist die Küche, ein, wie erwähnt, ehemaliges Studierzimmer. Sie wirkt eher wie ein Salon: reduziert, fast meditativ, in ansprechenden Türkis-Nuancen. Ein Spiegel über dem Kamin fängt die fantastische Freskendecke ein und verdoppelt die Geschichte des Raums. Funktion wird hier nicht versteckt, sondern ästhetisch diszipliniert. Selbst Gebrauchsgegenstände wirken kuratiert. Auch Textilien spielen eine subtile Hauptrolle. Leinen, handgewebte Stoffe, Teppiche mit leichtem Abrieb – Reminiszenzen an indisches Handwerk, übersetzt in eine europäische Zurückhaltung. Das Ergebnis ist kein kultureller Mix, sondern eine feine Überlagerung. Herkunft wird spürbar, ohne benannt zu werden.

Die Beleuchtung folgt keinem dekorativen Konzept. Licht ist weich, punktuell, oft indirekt. Keramiklampen, Wandleuchten mit warmer Temperatur, kaum Deckenlicht. Abends scheint das Haus von innen zu glühen – ein stiller Kontrast zur massiven Architektur. Der Turm der Villa, einst Aussichtspunkt, ist heute ein Rückzugsort. Wenige Möbel, eine fast klösterliche Atmosphäre, Blick über Olivenhaine und Dächer. Hier wird klar: Dieses Haus will nicht beeindrucken. Es will getragen werden.

Für Trehan selbst ist das Anwesen weniger ein Statement als ein Experiment: Wie lebt man in einem Gebäude, das älter ist als jede moderne Idee von Wohnen? Und warum der Wechsel vom Treiben in Indien auf ein ruhiges italienisches Landgut? Die freundliche Kreative klärt schnell auf: »Mumbai war zwölf Jahre lang unser Lebensmittelpunkt als Familie. Dort lebten wir in einem Haus in den Hügeln außerhalb des Stadtzentrums, ein Ort, der einen Ausgleich zwischen dem intensiven, chaotischen Stadtleben und ländlicher Ruhe bot. Dieses Haus war fast wie ein Bauernhof und die Hügel waren unser Rückzugsort. Ich habe mich als Erwachsene immer zu Gegensätzen hingezogen gefühlt: Städtische Hektik und ländliche Stille hielten mich im Gleichgewicht. Doch die Kinder erinnerten sich später mit großer Zärtlichkeit an ›die Zeit in den Hügeln‹ – an dieses gemeinsame Leben in der Natur.

Treppen-Design
Diese führt zu Shonans privatem Arbeitszimmer – ihrem Lieblingsraum. Dominierende Pfirsichrosa-Töne. Sessel: »Āyama Lounge Chair« von SĀR Studio.

© Francesco Dolfo/LIVING inside

Facettenreich
Der Wintergartenraum verfügt über einen antiken Holztisch vor einem dominanten Wandbehang, der von der portugiesischen Künstlerin Vanessa Barragão maßgefertigt wurde. Von der Decke hängt eine Leuchte aus Karton von Martand Khosla.

© Francesco Dolfo/LIVING inside

Daraus entstand der Wunsch nach einem grüneren Lebensstil.« Und nach den Hügeln von Florenz. Dafür akzeptiert sie sogar die Unvollkommenheit des Bestands, die Enge mancher Räume, die Umwege. Denn das Haus gibt den Rhythmus vor – nicht umgekehrt. Warum gerade Florenz wollen wir hartnäckig wissen. »Ich kann es nicht genau sagen – es war ein Gefühl, ein Instinkt. Mein Mann und ich haben weltweit gearbeitet und gelebt: Montreal, London, Amsterdam, New York, außerdem China und Singapur. Aber mit den Kindern lebten wir nur in Mumbai. Also fragten wir uns: Gibt es einen Ort, der für uns alle eine neue Lebenserfahrung sein könnte? Und wir wollten den Kindern unbedingt dieses ›Leben in den Hügeln‹ ermöglichen, aber in Stadtnähe.«

Auch wenn die Erwachsenen kaum Italienisch sprachen (die Kinder lernten es wunderbar) war sie als Architektin schon immer eine große Bewunderin italienischer Design- und Handwerkskultur. »Florenz bedeutete für uns außergewöhnliches Kunsthandwerk, exzellentes Essen und eine überwältigende Kunstszene. Und dann ist man in 15 Minuten vom Zentrum in der schönsten Landschaft.«

Für Trehan ist Handwerk auch ein Akt des Respekts: gegenüber dem Ort, seiner Geschichte und den Menschen, die ihn über Generationen geprägt haben. Die Villa in Florenz wurde nicht »neu gedacht«, sondern weitergeführt. Jede Intervention bleibt lesbar, jede Ergänzung bewusst zurückhaltend. Dafür arbeitete sie intensiv mit lokalen Kunsthandwerker:innen zusammen, nicht als Auftraggeberin, sondern als Zuhörende. Viele Lösungen entstanden im Dialog, oft vor Ort, oft ohne Zeichnung – geführt von Erfahrung, nicht von Renderings. Diese Haltung prägt auch ihr Verständnis von Luxus. Luxus ist nicht das Makellose, sondern das Erlebte. Ein Boden, der Spuren zeigt. Eine Wand, deren Farbe sich mit dem Licht verändert.

Schlafbereich
Bett von Meridiani. Nachttische, Leuchten und Kunstwerke aus früheren Wohnhäusern.

© Francesco Dolfo/LIVING inside

Haus mit Aussicht
Außenansicht der Renaissance-Villa, renoviert von Luigi Fragola Architects. Outdoor-Möbel von Tectona.

© Francesco Dolfo/LIVING inside

Ein Möbelstück, das sich dem Körper anpasst, nicht umgekehrt. Dinge dürfen altern, dürfen Geschichte sammeln – genau wie das Haus selbst. Kaum zu glauben, dass man erst nach einem Mietshaus suchte. »Oh ja, in der Tat«, lacht sie, »wir wollten erst gar kein Haus im Eigentum erwerben – bis uns eine liebe Freundin, Caroline Budini Gattai, diese Villa zeigte. Wie hätten wir uns nicht verlieben können? Es war unmöglich. Es war eine radikale Entscheidung, ja – aber eine voller Natur, Kultur und Staunen. Ich kehre jeden Monat nach Mumbai zurück; meine Arbeit erlaubt mir diese Flexibilität. Ich lebe die Intensität meines Berufs – und zugleich die Schönheit dieses Lebens in Florenz.«

Wenn das Glück Farben hat

Zwischen Fresken und Stein wird klar: Für die Architektin und Mutter ist dieses Haus kein Rückzugsort im klassischen Sinn. Es ist ein Ort der Begegnung.

Dieses Haus hat uns mit den Menschen verbunden, die wir lieben. Es ist wirklich ein Ort voller Freude.

Shonan Purie Trehan

Räume wurden nicht nur für Stille entworfen, sondern für Stimmen, gemeinsames Kochen, lange Abende am Tisch. Und gerade diese historischen Gemäuer verstärken diese Haltung. Die Besitzerin bringt es charmant auf den Punkt: »Dies ist ein offenes Haus. Es hat uns etwas völlig Unerwartetes gebracht: Gemeinschaft. Wir empfangen ständig Gäste aus aller Welt – Freunde, Familie, alte und neue Bekanntschaften. Wir leben mit einer internationalen Community, die sich bewusst für Florenz entschieden hat. Denn Florenz liegt auf so vielen Wegen. Dieses Haus hält uns mit den Menschen verbunden, die wir lieben. Es ist wirklich ein Ort voller Freude.«

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 1/2026

Zum Magazin

Angelika Rosam
Angelika Rosam
Falstaff LIVING Herausgeberin
Mehr zum Thema
1 / 12