»Casa Gruta«: Mexikos grüne Grotte für modernes Wohnen
Gewölbte Räume, Wasser und üppiges Grün prägen ein Wohnhaus in Valladolid, das die Landschaft Yucatáns ins Innere holt.
Von außen gibt die »Casa Gruta« nur wenig von ihrem Inneren preis. Massive, grünlich gefasste Wände schirmen das 254 Quadratmeter große Wohnhaus im Viertel Sisal von Valladolid von seiner Umgebung ab. Erst beim Betreten zeigt sich, wie eng Salvador Román und Adela Mortera die Architektur mit dem vorhandenen Baumbestand verbunden haben. Schmale Wege führen durch den Baukörper, Höfe öffnen sich unerwartet und immer wieder fällt der Blick auf Wasser oder Baumkronen. Als räumliches Vorbild dienten die Cenoten Yucatáns mit ihren geschützten Kammern und Öffnungen zum Himmel.
Die Bewegung durch das Haus folgt keiner geraden Raumfolge. Eine massive Treppe führt entlang grünlicher Wände nach oben, bevor sich der Weg zu kleinen Höfen und überdachten Passagen erweitert. Baumstämme wachsen durch Aussparungen in den Decken und bestimmen den Verlauf der Architektur. Manche Öffnungen geben nur einen schmalen Ausschnitt der Vegetation frei, andere lassen ganze Kronen in den Bau hineinragen. Auch die Oberflächen tragen zur höhlenartigen Wirkung bei. Ihre unregelmäßige Struktur erinnert weniger an makellosen Sichtbeton als an Gestein, das über Jahre gealtert ist. Die wechselnden Grüntöne reagieren auf das einfallende Licht und lassen die Räume je nach Tageszeit heller oder tiefer erscheinen.
Die Schlafzimmer grenzen direkt an geschützte Gartenbereiche. Große Schiebetüren rahmen Bäume und kleine Wasserbecken, ohne den zurückgezogenen Charakter der Räume aufzulösen. In einem der Höfe steht eine längliche Wanne zwischen hohen Wänden, während ein anderer von einem runden Becken und mehreren gewachsenen Baumstämmen geprägt wird. Im Inneren sind Betten, Ablagen und Waschtische teilweise aus der Architektur heraus entwickelt. Helle Bettwäsche setzt sich von den dunkleren Flächen ab, sandfarbene Stoffe bringen wärmere Nuancen in die Räume. Holzrahmen an Fenstern und Türen bilden einen gezielten Kontrast zum grünlichen Grundton.
Den großzügigsten Bereich bildet ein langgestreckter Wohnraum mit Pool. Eine gewölbte Decke überspannt die Sitzlandschaft und erinnert an einen geschützten Höhlenraum. Seitlich bleibt die Architektur geöffnet, sodass Blätter und Äste sichtbar werden und Sonnenstrahlen über die Wände wandern. Der Pool folgt der gebogenen Raumlinie und wird zum festen Bestandteil des Wohnens. Eine Hängematte schwebt über dem Wasser, daneben stehen ein helles Sofa und wenige niedrige Möbel. Ein kräftiger Orangeton setzt einen einzelnen farblichen Akzent. Die Einrichtung bleibt bewusst reduziert und überlässt der Architektur sowie dem wechselnden Tageslicht die Hauptrolle.
In der Küche setzt sich die Farbwelt nahezu ohne Unterbrechung fort. Arbeitsflächen und Wände gehen optisch ineinander über, während eine große Insel auf grob gearbeiteten Holzbeinen den Raum strukturiert. Schwarze Fronten und schlichte Hocker bleiben im Hintergrund. Das breite Fenster richtet den Blick nicht in die Ferne, sondern auf einen kleinen Innenhof. Äste und Blätter zeichnen ihre Schatten auf die gegenüberliegende Wand. Der Garten wird dadurch auch dann Teil des Raumes, wenn die Fenster geschlossen bleiben. Der angrenzende Essbereich greift die dunkleren Holztöne auf und wirkt wie eine konzentrierte Erweiterung der Küche.
Rückzug zwischen Wasser und Bäumen
Rückzug und Abschirmung prägen die Architektur bis in ihre räumliche Struktur. Hohe Mauern schützen die offenen Bereiche, während gezielte Ausschnitte den Himmel oder einzelne Baumgruppen sichtbar machen. Wasser erscheint dabei nicht als dekoratives Element, sondern als ruhiger Mittelpunkt verschiedener Räume. Die Hängematten verstärken diesen Gedanken. Sie hängen zwischen Baumstämmen oder über dem Pool und markieren Orte, die nicht durch klassische Möblierung definiert werden. Das Haus wird dadurch weniger als Abfolge fertiger Zimmer erfahrbar, sondern als Landschaft aus geschützten Nischen und offenen Höfen.
Am Ende führt die Treppe hinauf auf eine weitgehend leere Dachterrasse. Zwei Klappstühle, ein niedriger Holztisch und ein kleiner Hocker genügen für den offenen Bereich. Die geschwungene Brüstung folgt dem Verlauf der Architektur und lenkt den Blick auf die umliegenden Bäume.
Hier löst sich die zuvor stark gefasste Raumwirkung. Nach den dunkleren Passagen und geschützten Höfen öffnet sich die »Casa Gruta« nach oben. Der Weg durch das Haus endet damit nicht in einem weiteren Zimmer, sondern unter freiem Himmel. Die Dachterrasse wird zum letzten, offenen Moment einer Architektur, die Rückzug immer wieder mit der Landschaft verbindet.