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© Roos Aldershoff

Nach dem Halleluja: Profanisierte Kirchen

Architektur
Trend
Upcycling

Schwimmbad statt Sakrament, Bibliothek statt Beichte, Gym statt Gottesfurcht: Immer mehr Kirchen werden profanisiert und finden neue Nutzungen. Dabei herrscht an originellen Ideen und ungewöhnlichen Kombinationen kein Mangel.

Dass man in Innsbruck gerne an Wänden hinaufklettert, ist keine brandneue Nachricht. Ab Herbst dürfen die Tiroler:innen jedoch an ungewöhnlicher Stelle in die Höhe turnen: in der Petrus-Canisius-Kirche. Der kubische Betonbau von 1972 ist heute zu groß für die schwindende Gemeinde, also machte sich Diözesanbischof Hermann Glettler auf Ideensuche. Man fand einen Boulderhallen-Spezialisten aus Vorarlberg, im Wettbewerb setzte sich der Entwurf von ATP Architekten durch.

Offenbarung in Glas

Die Holy Trinity German Church in Boston wurde zu »The Lucas« und bekam 33 Luxuswohnungen ins alte Gemäuer implantiert.

faainc.com

© Finegold Alexander Architects

Sehnen nach Transzendenz

Irdische Lasten werden gestemmt im Fitnessstudio »Holy Fit« in der Sint Jozefskerk in Arnheim.

holy-fit.eu

© Holy Fit

Käufer gesucht

Ganz dem Heiligen abgeschworen hat man jedoch nicht, denn »spirituelle Angebote« und  Gottesdienste soll es weiterhin geben, nur eben in Wohngemeinschaft mit dem Klettersport. Es ist nicht der einzige Fall einer Umnutzung, denn immer mehr Kirchenbauten fehlen die Gläubigen. 2024 traten in Österreich 71.531 Personen aus der katholischen Kirche aus, gleichzeitig ist der Erhalt der Substanz kostspielig: 20 Millionen Euro gibt allein die Erzdiözese Wien jedes Jahr für Instandhaltung und Renovierung aus. In Steyr sucht man derzeit neue Eigen­tümer:innen für die denkmalgeschützte Betonkirche von Johann Georg Gsteu, eine Ikone der österreichischen Moderne. Beim Bundesdenkmalamt zeigt man sich offen, sagt Landeskonservator Daniel Resch. »Wenn das Seelsorgezentrum veräußert wird, werden wir uns mit den neuen Eigentümern zusammensetzen und schauen, wie sich deren
Vorstellungen umsetzen lassen, ohne die Denkmaleigenschaften maßgeblich zu beeinträchtigen.«

Neue Kapitel schreiben

Eine Kirche in Newark, USA, wurde als »Innovation Cathedral« Teil des Firmencampus des Digitalkonzerns Audible.

audible.com

© Audible

Aus der Taufe gehoben

Die Kirche St.Elisabeth im deutschen Aachen wurde zur »Digital Church« und ist heute Coworking-Space für Start-ups, Mittelstand und Industrie. Der Verein digitalHUB Aachen setzt sich hier für die Digitalisierung der Wirtschaft und der öffentlichen Hand der Region Aachen ein.

aachen.digital

© Christian Huhn

Während der Abschied vom Heiligtum im katholischen Österreich eine relativ neue Entwicklung ist, sind die Niederlande schon weiter. Hier, wo bis 2030 rund ein Drittel aller Kirchen entweiht sein wird, geht man ein­fallsreicher und wenig ehrfürchtig an die Substanz heran. Bereits zur Sehenswürdigkeit geworden ist der prachtvolle Buchladen in der Dominikanerkirche Maastricht, der 2006 eröffnete und sich elegant in die sakrale Substanz einfügt. Auch die öffentliche Bücherei De Petrus in der ehemaligen katholischen Kirche von Vught führt als Treffpunkt für die Bewohner:innen den Spirit weiter, nur eben mit Billardtisch im Eck.

Deutlich kommerzieller ist das, was man sich in Heerlen ausgedacht hat: ein Schwimmbad namens (Achtung: originelles Wortspiel) Holy Water. Dafür gewann man eines der berühmtesten Architektenteams der Niederlande, die nie um pointierte Ideen verlegenen MVRDV. Nicht nur wird man hier schwimmen können, sondern dank des höhenverstellbaren Bodens auch ganz biblisch auf dem Wasser gehen. »Der Leerstand in Kirchen nimmt zu, also brauchen wir neue Ideen«, sagt Architekt Winy Maas von MVRDV. »Warum also nicht den Kirchen wieder eine soziale Funktion geben, so wie ein öffentliches Schwimmbad?«

Lesung aus dem Buch Design

Die Dominikanerkirche im niederländischen Maastricht beherbergt heute einen der wohl
spektakulärsten Buchläden Europas.

visitmaastricht.com

© Roos Aldershoff

Schöpferischer Akt

Das Studio Klaarchitectuur restaurierte eine baufällige Kirche in Belgien, die heute als Adresse für die Architekt:innen selbst dient.

klaarchitectuur.be

© Toon Grobet/Lumecore,

Kreuzweg und Zirkel

Vom Kreuzweg zum Zirkeltraining mutiert ist die Sint Jozefskerk in Arnheim, denn in dieser ist das Gym namens (Achtung: schon wieder lustiges Wortspiel) Holy Fit zu Hause. Ein Kuriosum? Nicht das einzige. Auch in der Sint Gertrudiskerk in Utrecht stehen heute – ganz dem protestantischen Leistungsgedanken entsprechend – die Gewichte und Laufbänder eines Gyms. Die häufigste Nutzung ehemaliger Kirchen ist jedoch eine ganz naheliegende: das Wohnen. Hier ist die Einzigartigkeit der baulichen Vorgeschichte natürlich ein perfektes USP. So bekam die Holy Trinity German Church von 1874 in Boston von Finegold Alexander Architects ein achtgeschossiges Wohngebäude hineinimplantiert, eine erstaunlich harmonische 2-in-1-Lösung. Und wer weiß, vielleicht konvertiert ja der oder die eine oder andere Bewohner:in.


Erschienen in
Falstaff Residences 01/2026

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Maik Novotny
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