Zum Inhalt springen
© Iwan Baan, Presence Architecture, Hufton+Crow

Treppen: Landschaften für Auge und Füße

Design
Architektur

Treppen sind nicht nur eine Verbindung zwischen oben und unten, sondern visuelle und motorische Skulpturen, die Räume inszenieren und glücklich machen. Mit der Scalalogie gibt es sogar eine eigene Treppenwissenschaft, die sich dem architektonischen Element widmet.

Eine Doppelhelix, zwei ineinander verkeilte, ineinander verschlungene Wendeltreppen, beginnend im Foyer im Erdgeschoß, sich dramatisch hochschraubend, bis sie im zweiten Stock schließlich das Dach der 300 Meter langen, denkmalgeschützten Stahlbetonhalle durchbricht und sich dann im Freien zu einer wilden Skulptur mit Aussicht und Wow-Faktor quasi verselbstständigt: Der sogenannte »Tornado«, hineingesetzt in eine 1923 errichtete Lagerhalle von Architekt Cornelis Nicolaas van Goor, ist das sprichwörtliche wie auch buchstäbliche Highlight des neuen Fenix Museums für Migration, das letztes Jahr in Rotterdam eröffnet wurde. Die 24 Meter hohe, hochglanzpolierte, stark reflektierende Edelstahlskulptur an der Nieuwe Maas ist schon von Weitem zu sehen.

Hinoki Louvres, Chikujo

Der japanische Architekt Kengo Kuma, ein Meister des Materials, verwandelt diese Bibliothek in einen einladenden Raumfluss mit sich scheinbar öffnenden Deckenbalken, die die Besucher:innen förmlich nach oben saugen.

kkaa.co.jp

© Masaki Hamada

»Migration hat immer auch mit Bewegung zu tun«, sagt Ma Yansong, Gründer und CEO des Pekinger Büros MAD Architects. »Daher wollte ich diese Bewegung im neuen Fenix Museum innen wie auch außen bewusst in Szene setzen. Der Tornado ist so gesehen eine Metapher für das Reisen. Und sobald wir erkennen, dass wir alle durch ein Netzwerk miteinander verbunden sind, werden wir in der Lage sein, die vielen verschiedenen Wege und Reisen, die uns ausmachen, anzunehmen und zu gehen.« Hinter den poetischen Worten verbirgt sich eine insgesamt 550 Meter lange Holzkonstruktion mit 336 Stufen und 297 individuell geformten, dreidimensional gewölbten Edelstahlpaneelen, die in Groningen gefertigt wurden und die dem Museum ein dynamisches Spiel aus Licht, Schatten und Bewegung verleihen.

Youli Zhima Health Store, Peking

Flakons, Essenzen und Teeaufgüsse bilden die Shopping-DNA in diesem nur 30 Quadratmeter großen Geschäftslokal, geplant von WUUX Architecture & Design.

wuux.net

© Zheng Yan

Yanlord Arcadia, Shanghai

Aufgrund der kleinen Grundstücksgröße hat TROP Terrain eine weiße, stählerne Treppenskulptur in den Innenhof gesetzt. Daneben und darunter wuchert die subtropische Vegetation.

trop.land

© Chill Shine

Seit der Mensch Behausungen baut, erst treppab in mit Stämmen, Ästen und Blättern zugedeckten Bodengruben, später dann treppauf, hinauf in Höhlensysteme und mehrgeschoßige Häuser, sind Stiegen zentrale architektonische Elemente. Und mehr als bloß eine Verbindung zwischen oben und unten werden diese Treppenanlagen immer wieder als räumliches Erlebnis, als Eroberung und Siegeszug des Menschen in diese dritte Dimension zelebriert – nicht nur in Schlössern, Palästen und Tempelanlagen wie anno dazumal, sondern immer häufiger auch in profanen Bauten zum Wohnen, Arbeiten, Lesen, Shoppen und Genießen.

Booking Amsterdam

Booking.com Campus, Amsterdam: Umlaufende Galerien, jede Menge Tageslicht und windschief in den Raum hineingehängte Treppenläufe laden dazu ein, auf Aufzüge zu verzichten.

unstudio.com

© Hufton+Crow

Privatvilla, Tschechien

»Wir lassen die außergewöhnlichsten Träume aus Stein Realität werden«, sagt Georg Leeb, CEO von stone4you, und das sieht man dieser Treppe auch an: Diese
wurde erst kürzlich mit dem Designpreis Naturstein 2026 ausgezeichnet.

stone4you.at

© Stone4You

»Was wissen wir von den chinesischen Treppen, von den südvietnamesischen, von Angkor Wat? Nichts, wenig, fast gar nichts«, sagte der deutsche Architekt Friedrich Mielke, der wohl berühmteste Treppenforscher der Welt. Und schlussfolgerte daraus: »Man müsste eine ganze Universität beauftragen, die Treppen der Welt zu studieren.« Und das hat er dann auch gemacht. Seit den 1960er-Jahren beschäftigte sich der Architekt und Denkmalpfleger, der aufgrund eines Unfalls damals schon im Rollstuhl saß, mit der Erforschung von Treppen und legte ein Archiv mit 35.000 Treppenfotos und mehr als 10.000 unterschiedlichen Treppendossiers aus aller Herren Länder an. An der Technischen Hochschule Regensburg gründete er sogar ein eigenes Institut für Scalalogie – so der lateinisch-griechische Fachausdruck für Treppenkunde.

»Die Scalalogie ist die Wissenschaft von den Wechselwirkungen zwischen Mensch und Treppe, von Fuß und Stufe«, erklärt Mielke. »Da niemand eine Treppe steigen kann, ohne die Stufen zu berühren, ergibt sich eine Interdependenz von lebendigem Anspruch und materieller Widerspiegelung.« In seinen mehr als 30 Büchern beschäftigte er sich mit Komfort, Ergonomie, Geländerhöhen, Steigungsverhältnissen, baulichen Vorschriften und Handwerkskunst, aber auch mit der architektonischen Wirkung sowie mit Geschlechterrollen und sozialen Ständen, die sich im Erklimmen manifestieren. Denn: Treppen sind nicht nur Landschaften für die Füße, sondern vor allem auch fürs Auge und für die seelische Freude.


Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 4/2026

Zum Magazin

Wojciech Czaja
Mehr zum Thema
1 / 11