New Designers 2026: Ein Blick auf die nächste britische Designgeneration
Von Keramik über Möbel bis zu inklusivem Produktdesign: Diese jungen Gestalter:innen zeigen, wohin sich britisches Design bewegt.
Die neue Generation denkt anders
Manchmal zeigt sich die Zukunft des Designs nicht auf den großen Bühnen, sondern in Abschlussprojekten, Materialexperimenten und ersten eigenständigen Entwürfen.New Designers 2026 versammelt in London Arbeiten von mehr als 2.500 Absolvent:innen aus über 100 britischen Studiengängen. Interessant ist dabei weniger der Messecharakter als die Frage, welche Themen eine neue Generation von Designer:innen tatsächlich beschäftigen.
Auffällig viele Projekte reagieren auf eine Gegenwart, in der Gestaltung mehr leisten muss als schöne Formen zu liefern. Es geht um nachvollziehbare Materialien, unterstützende Objekte und kulturelle Erinnerung sowie um Entwürfe, die den Alltag nicht dekorieren, sondern zugänglicher und bewusster gestalten. Design wird hier als Werkzeug verstanden, mit dem sich Lebensräume, Routinen und soziale Bedürfnisse neu betrachten lassen.
Hattie Taviner: Keramik als erzählte Forschung
Wissenschaftliche Beobachtung und handwerkliche Form treffen bei Hattie Taviner von der University of Brighton aufeinander. Ihre keramischen Arbeiten greifen die Bildsprache viktorianischer Naturforschung auf und richten den Blick auf Frauen, deren Beiträge zur Wissenschaft lange übersehen wurden. Statt dekorativer Einzelobjekte entstehen kleine Archive aus Keramik und Holz. Botanische Zeichnungen, Laborglas und museale Referenzen werden bei Taviner zu einer Arbeit über Wissen, Sichtbarkeit und die Frage, wer Geschichte erzählen darf.
Iris Reed: Ein Stuhl aus Erinnerungen und Restmaterial
Traditionelle Handwerkstechniken aus der Alpujarra-Region in Südspanien bilden den Ausgangspunkt für Iris Reed von der London Metropolitan University. Ihr Jarapa Chair verbindet recycelte Textilien mit einer zeitgenössischen Möbelform und fragt, wie kulturelles Wissen in neue Objekte überführt werden kann. Wiederverwertung erscheint hier nicht als nüchterne Pflichtübung, sondern als gestalterische Ressource. Reed verbindet Herkunft, Farbe und handwerkliche Intelligenz zu einem Möbel, das zwischen Alltagsobjekt und kultureller Erzählung steht.
Evan Daggert: Material aus der eigenen Landschaft
Aus Tonerde der eigenen Umgebung entwickelt Evan Daggert von Gray’s School of Art eine keramische Arbeit mit starkem Ortsbezug. Wilde Tonerde aus der Gegend um Dufftown in Schottland, selbst entwickelte Glasuren und experimentelle Brennprozesse machen Material hier zu etwas Konkretem und Herkunftsgebundenem. Nachhaltigkeit wird in diesem Projekt nicht über Verzicht erklärt, sondern über Nähe. Daggerts Arbeit fragt, welche gestalterische Kraft in lokalen Ressourcen liegt und wie Landschaft in keramische Objekte übersetzt werden kann.
Shamikha Malik: Möbel als kulturelles Zeichen
Persönliche Erinnerung und kulturelle Referenzen werden bei Shamikha Malik zu einem Möbelstück. Aam ist vom Mango-Motiv inspiriert und nimmt Bezug auf britisch-bangladeschische Identität sowie traditionelle Jamdani-Muster.Daraus entsteht keine folkloristische Anspielung, sondern eine zeitgenössische Form des Storytellings. Malik zeigt, wie Möbel Identität tragen können, ohne plakativ zu wirken. Das Objekt wird zum Träger von Zugehörigkeit und gestalterischer Selbstbestimmung.
Zobiya Asif: Ein Stuhl, der Begegnung ermöglicht
Mit »Char Ki Kursi« verknüpft Zobiya Asif von der University of Staffordshire Möbeldesign, Spielkultur und persönliche Herkunft. Das Projekt bezieht sich auf das Brettspiel Ludo und auf ihre britisch-pakistanische Identität. Der Stuhl wird dadurch zu einem Ort des Zusammenseins. Seine soziale Dimension macht den Entwurf interessant. Asif denkt Möbel nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als Auslöser für Interaktion. Design wird hier zum Rahmen für gemeinsame Zeit, generationsübergreifende Erinnerung und neue Rituale im Wohnraum.
Lauren Byrne: Inklusives Design für mehr Nähe im Gespräch
Zugänglichkeit wird bei Lauren Byrne von der Northumbria University zu einer Frage, die weit über das Hören einzelner Worte hinausgeht. Mit »VERA« entwickelte sie ein tragbares Gerät für Menschen mit altersbedingtem Hörverlust, das emotionale Signale in Gesprächen über haptisches Feedback erfahrbar macht. Dringlichkeit, Wärme oder Tonfall werden dabei nicht nur akustisch vermittelt, sondern als taktile Hinweise übersetzt. Das Projekt zeigt, wie inklusives Design über reine Funktion hinausgehen kann. Es unterstützt nicht nur Kommunikation, sondern stärkt auch Verbindung und Teilhabe im Alltag.
Emma Zhang: Licht als Rhythmus für den Alltag
Mit ihrem Projekt entwickelt Emma Zhang einen Zugang zu Licht, der nicht nur funktional gedacht ist. Ihre Arbeit beschäftigt sich mit natürlichen Rhythmen und der Frage, wie Beleuchtung das Wohlbefinden im Alltag unterstützen kann. Statt Licht als reine Ausstattung zu verstehen, wird es hier zu einem sensiblen Begleiter für Räume, Routinen und Momente der Konzentration. Damit zeigt Zhang, wie junge Designer:innen technische Systeme wieder stärker mit menschlicher Wahrnehmung verbinden.
Harvey Young: Duft als Übergang zwischen Arbeit und Ruhe
Harvey Young von der Northumbria University beschäftigt sich mit einem Thema, das seit dem Homeoffice stärker in den Wohnraum gerückt ist: Wie gelingt der Wechsel zwischen Konzentration und Abschalten? Sein Projekt »Shift« ist ein Duftdiffusor für Menschen, die zu Hause arbeiten. Der Körper besteht aus Jesmonite auf einer ebonisierten Eichenbasis. Zwei Duftprofile begleiten unterschiedliche Zustände: eines für Fokus, eines für das Herunterfahren nach der Arbeit. Damit übersetzt Young eine alltägliche Herausforderung in ein ruhiges, sinnliches Produkt.
Warum diese Talente relevant sind
Bei New Designers 2026 wird sichtbar, wohin sich junge Gestaltung bewegt. Viele Projekte suchen nicht nach dem spektakulären Objekt, sondern nach Antworten auf konkrete Bedürfnisse. Materialien werden bewusster gewählt, Funktionen emotionaler gedacht und kulturelle Bezüge persönlicher verankert. Gerade dadurch rücken Fragen in den Mittelpunkt, die Design in den nächsten Jahren beschäftigen könnten. Wie lassen sich Materialien lokaler denken? Wie können Objekte Nähe schaffen? Und wie wird aus persönlicher Erinnerung ein Produkt, das auch für andere Bedeutung bekommt?