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Jan Kath: »Teppiche sind die Antiquitäten von morgen«

Jan Kath agiert spielerisch zwischen Kunst und Design und übersetzt dabei traditionelle Handwerkskunst mit innovativen Techniken in die Jetztzeit.

21.03.2024 - By Marlene Mayer

LIVING Sie sind seit vielen Jahren mit Ihrer Weberei in Kathmandu situiert, befinden sich auch gerade jetzt dort. Welchen Einfluss hat die Region auf Ihre Arbeit?

Jan Kath Die Menschen und die Kultur haben mich stark geprägt. Als junger Mann, ich war Anfang 20, bin ich am Ende eines Roadtrips dort gelandet. Ich hatte kaum noch Geld und hätte eigentlich zurück nach Deutschland fahren müssen, wenn ich nicht zufällig auf der Straße einen Freund meiner Eltern getroffen hätte. Er betrieb eine Teppichmanufaktur und bot mir einen Job als Qualitätskontrolleur an. Mein Großvater und meine Eltern waren Teppichhändler – ich bin quasi auf dem Teppich groß geworden, kannte mich aus. Diese Begegnung hat mich dann »zurück auf den Teppich« gebracht. Durch die Arbeit hatte ich die Chance, wirklich tief in die Kultur einzutauchen. Damals habe ich viele der Menschen, mit denen ich heute zusammenarbeite, kennengelernt. Wir machen nicht einfach Geschäfte, wir sind zusammen gewachsen, uns verbindet echte Freundschaft.

Was geschieht genau in dem von Ihnen neu eröffneten Art Space in Kathmandu?

Viele Luxusmarken produzieren in Kathmandu. Sie profitierten von dem Wissen, der Passion und Liebe, die die Menschen hier in ihre Handarbeit stecken – darüber reden tun sie aber nicht oder nur sehr selten. Die Designer:innen sind die Stars, aber die Menschen, die ihre Entwürfe in Hunderten Stunden Arbeit umsetzen, bleiben unerwähnt. Das hat mich schon immer irritiert. Mit dem »Jan Kath Rug and Art Space« möchte ich die Arbeit, die in jedem meiner Teppiche steckt, sichtbar machen und mich auch bei den involvierten Menschen bedanken.

Sie wirken als Botschafter traditioneller Handwerkskunst und zeitgenössischen Designs – würden Sie das selbst auch so sagen?

Mein Ziel ist es, die Antiquitäten von morgen zu schaffen. Dabei zitiere ich in meinen Arbeiten sehr oft seit Jahrhunderten tradierte Muster. Ich interpretiere sie so, dass sie auch in unserer Welt verstanden und geschätzt werden.

Wie haben Sie die starke Resonanz auf Ihre Arbeit im Zuge der Documenta 15 erlebt?

Damals bin ich das erste Mal als Künstler aufgetreten. Das war für mich ein großer und absolut aufregender Schritt. Ich finde mich auch als Designer in meinen Arbeiten wieder, aber ich achte eben auch darauf, dass die Teppiche in unterschiedliche Interiors passen, dass sie gefallen. Bei »Rug Bombs« war das anders. Hier thematisierte ich das Weltgeschehen, zeigte, was mich umtreibt und beschäftigt. Das sind sehr persönliche Arbeiten und ich war überwältigt von der Resonanz.

Reden wir über Materialien: Welche Eigenschaften haben sie und wie setzen Sie sie ein?

Ich liebe den Materialmix. Ein Design, ganz und gar aus Seide geknüpft, mag zwar teuer sein, aber es fehlt oft der Charakter. Ich mag es, etwa die glänzende Seide mit dem rohen Look der handgesponnenen tibetischen Hochlandwolle und der rauen nepalesischen Brennnessel zu kombinieren.

Welche Themen und Techniken beschäftigen Sie aktuell am stärksten?

In meinen »Rug Bombs« habe ich zwei neue Kapitel aufgeschlagen, die bald zu sehen sein werden. Als Designer tauche ich gerade in die Welt des Art déco ein, beschäftige mich gleichzeitig mit alten Sumak-Techniken, die drohen in Vergessenheit zu geraten, und lege sie mit einer kleinen Gruppe sehr engagierter Knüpferinnen neu auf.

Erschienen in:

Falstaff LIVING 02/2024

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