Musik unter freiem Himmel: Outdoor-Konzerte
Wer Europas Klassik- und Opernfestivals im Sommer besucht, erlebt nicht nur musikalische Vielfalt, sondern auch sehr unterschiedliche Kulissen. Zwischen englischen Country Houses oder italienischen Arenen entfaltet sich eine eigene Dramaturgie aus Dresscode, Landschaft und Aufführung.
Sie ist das Schaufenster britischer Kultur, Mode und Gesellschaft – die sogenannte »English Social Season«. Sportevents, Bälle und Gartenfeste prägen den Sommerkalender in dichter Folge. Die Saison, die sich grob von April bis Ende August erstreckt, bündelt jene Veranstaltungen, die seit dem 18. Jahrhundert den gesellschaftlichen Rhythmus des Sommers bestimmen, auch wenn sie heute deutlich offener und internationaler geprägt sind als einst. Zu den Fixpunkten zählen neben der RHS Chelsea Flower Show, Royal Ascot, der Henley Royal Regatta und Wimbledon auch die beliebten Country-House-Opera-Festivals, darunter Glyndebourne in East Sussex, Garsington Opera in Buckinghamshire, Longborough Festival Opera in den Cotswolds und Grange Park Opera in Surrey.
Schon der Nachmittag gehört hier zum Abendprogramm. Das Opernhaus in Glyndebourne, 1934 gegründet und 1992 von Hopkins and Partners umfassend modernisiert sowie auf 1.200 Plätze erweitert, beeindruckt mit der Mischung aus hochkarätigen Opernproduktionen, Downton-Abbey-Flair und idyllischem Landgut. Besucher:innen reisen früh an, nutzen die weitläufigen Parkanlagen für Picknicks oder Fine Dining, bevor sich der Vorhang hebt. Auf dem diesjährigen Spielplan stehen die erste Glyndebourne-Produktion von Puccinis Tosca sowie Neuinszenierungen von Monteverdis L’Orfeo und Richard Strauss’ Ariadne auf Naxos.
Oper wird bei diesen Festivals zum Gesamterlebnis, umrahmt von klingenden Kristallgläsern, Silberbesteck und sorgfältig gewählter Abendgarderobe. Black Tie, Dinner Jackets und leichte Couture sind hier ebenso selbstverständlich wie Operngläser und Programmhefte. Fast unverzichtbar ist auch der Hut – in England weit mehr als nur ein Accessoire. Londons erste Adresse dafür ist Lock & Co. in der St. James’s Street 6. Als Hoflieferant des britischen Königshauses und traditionsreiches Haus feiert es in diesem Jahr sogar sein 350-jähriges Jubiläum.
Der Wiener Hutmacher Klaus Mühlbauer, dessen Familienbetrieb seit 1903 Hüte in Handarbeit fertigt, sieht darin vor allem eine Frage des persönlichen Wohlbefindens. »Grundsätzlich gilt aus unserer Sicht für besondere Anlässe dasselbe wie im Alltag: Wir möchten uns in unseren Kleidern und eben auch mit unseren Kopfbedeckungen wohlfühlen.« Der Anlass entscheide schließlich die Stilistik. »Je nach Lust und Laune kann man bei einer Party oder Premiere durchaus aufdrehen und sich mit Kopfbedeckungen einen großen Auftritt erlauben, aber dezent-zurückhaltende Eleganz ist genauso erwünscht.«
Im Süden sagt man Oper, denkt man an Italien. Warum also nicht dort beginnen, wo sie bis heute in einer ihrer eindrucksvollsten Kulissen erklingt? In Verona. Der Opernsommer im römischen Amphitheater entfaltet sich hier mitten im städtischen Leben. Bereits der Weg durch die Altstadt, über belebte Plätze und vorbei an Cafés wird Teil des Abends. Auch die Kleidung folgt diesem Rhythmus. Im Vergleich zu den formelleren Settings englischer Country Houses ist sie leichter, beweglicher und stärker vom Klima geprägt. Seide, fließende Silhouetten, kräftige Farben und die italienische Präzision im Schnitt bestimmen das Bild. Valentino hätte seine Freude. Dieses Savoir-vivre zeigt sich ebenso in Frankreich, etwa beim Festival d’Aix-en-Provence oder nur wenige Kilometer entfernt beim Festival de La Roque-d’Anthéron, wo die Parkanlagen des Château de Florans den Rahmen für Klaviermusik bilden.
Jubiläen
Von der südlichen Lebensart führt der Blick nach Deutschland. Die Bayreuther Festspiele feiern ihr 150-jähriges Bestehen mit einem umfangreichen, aber schlankeren als ursprünglich geplanten Angebot. 1876 wurde das Festival mit dem vollständigen Ring des Nibelungen eröffnet; im Jubiläumsjahr wird er als KI-Projekt neu interpretiert. Vom Wagner-Mythos zwischen Tradition und Erneuerung auf dem Grünen Hügel geht es weiter an den Bodensee. Die Bregenzer Festspiele feiern ihr 80-jähriges Jubiläum und präsentieren von Mitte Juli bis Mitte August erstmals Giuseppe Verdis La traviata auf der Seebühne. Daneben stehen Leoš Janáčeks »Die Ausflüge des Herrn Brouček« im Festspielhaus, zwei Uraufführungen auf der Werkstattbühne sowie Schauspiel, Orchester- und Kammerkonzerte auf dem Spielplan. Regisseur Damiano Michieletto beschreibt das Umfeld von »La traviata« als »eine zynische, kapitalistische, faszinierende Welt, die konsumieren will und keine Zeit zu verlieren hat«.
Rundreise
In Finnland bietet das Savonlinna Opera Festival in der mittelalterlichen Burg Olavinlinna eine der eindrucksvollsten Kulissen Europas. Zwischen Seen und Bäumen verleihen die langen nordischen Sommerabende den Aufführungen eine besondere Lichtstimmung. Die Klassikreise geht weiter in die Schweiz zum Lucerne Festival, wo hochkarätige Klassikprogramme am Vierwaldstättersee den Übergang vom Hochsommer in den Kulturherbst markieren. Unter dem neuen Intendanten Sebastian Nordmann steht das Motto »American Dreams« im Zentrum – von Musical und Filmmusik über Jazz bis hin zu Minimal Music, verteilt auf über 120 Veranstaltungen an 32 Tagen. Auch Anne-Sophie Mutter feiert dort ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum mit mehreren Konzerten.
Man reist an besondere Orte, nimmt sich Zeit, kleidet sich mit Sorgfalt und widmet einen Abend der Kultur und der Schönheit. Und für den Hut kennt Klaus Mühlbauer dabei eine einfache Regel: »Sobald ich mich in der Oper oder bei den Festspielen auf dem Platz in meiner Sitzreihe niederlasse, muss ich meine Kopfbedeckung, wenn sie ausladend ist, abnehmen – aus Rücksicht auf die Menschen hinter mir.« In diesem Sinn: Vorhang auf, Hut ab.