Darum ist Phygital im Fahrzeuginnenraum besser
Die richtige Balance zwischen digitalen und analogen Elementen zu finden, ist eine der größten Herausforderungen bei der Gestaltung des Fahrzeuginnenraums. Trotz prominenter Touchscreens soll nämlich auch der Tastsinn weiterhin gefordert bleiben.
Alles auf dem Schirm zu haben, gehört zu den grundlegenden Voraussetzungen, um als Autofahrer:in sicher am Straßenverkehr teilzunehmen. Seit einigen Jahren kommt dieser Redewendung jedoch auch in ihrer buchstäblichen Form gesteigerte Bedeutung zu. Denn nach und nach begannen immer mehr Automobilhersteller, immer größere Bildschirme in ihren Fahrzeugen zu verbauen. Und auch abseits der Screens stieg der Anteil digitaler Elemente im Interieur sprunghaft an.
Die richtige Balance zwischen Haptik und Digitalität zu finden, gleicht einem Seiltanz, dem sich Designabteilungen tagtäglich stellen müssen. »Für uns bedeutet diese Balance, sicherzustellen, dass Technologie niemals das Gefühl von Ruhe und Mühelosigkeit überlagert, das Range Rover auszeichnet«, sagt Alex Watkin, leitender Interior Designer bei Range Rover. Digitale Schnittstellen seien zwar äußerst leistungsfähig, müssten sich aber intuitiv anfühlen und sich dem Gesamterlebnis unterordnen, ergänzt Watkin.
Range Rover
Die Präsenz des Bildschirms wird durch die umgebenden Materialien abgemildert – durch warme Farbtöne und Tiefenwirkung in der Textur.
Philipp Fromme, der als leitender Automobildesigner bei NIO tätig ist, erklärt, dass der richtige Zugang einer ist, der diese Dinge nicht klar trennt, sondern die Vorzüge beider Seiten elegant und intuitiv verbindet. »Digitale Elemente sind wichtig, weil sie dem Produkt einen zeitgemäßen und modernen Charakter verleihen. Sie ermöglichen drahtlose Software-Updates, die heutzutage nicht mehr wegzudenken sind. Haptische Elemente wiederum erzeugen eine Wertigkeit, die sich digital nur schwer darstellen lässt. Abgesehen davon sind haptische Elemente in der Blindbedienung immer noch ungeschlagen.«
Phygitalität
Beim skandinavischen Automobilhersteller Polestar beginnt, wie Juan Pablo Bernal, Head of Interior Design, erläutert, alles mit dem Fahrerlebnis und dem Verständnis dessen, was die Nutzerinnen und Nutzer im jeweiligen Moment brauchen. »Die Herausforderung besteht darin, beide Welten so zu gestalten, dass sie sich verbunden und nahtlos anfühlen, statt miteinander zu konkurrieren. Es geht um die Suche nach dem richtigen Gleichgewicht. Wenn das gut gelingt, tritt die Technologie in den Hintergrund und das Erlebnis wirkt natürlich und intuitiv.«
Phygitalität – also die Verschmelzung der physischen mit der digitalen Welt – ist demnach gefragt. Und auch so etwas wie eine Zauberformel, wenn es um die Gestaltung von modernen Fahrzeuginnenräumen geht. Dabei sollte auch die Bedeutung der Materialität nicht vergessen werden, wie Natasha Mohide, Materiality Manager bei Range Rover, betont. »Die haptischen Qualitäten von Oberflächen, darunter weiches Leder, technische Textilien und Furniere, verankern den Nutzer emotional und gleichen die potenzielle Kühle digitaler Interfaces aus. Wir kuratieren Oberflächen sorgfältig, sodass jede physische Interaktion bewusst und hochwertig wirkt.«
Klarheit schaffen
Moderne, gut gestaltete Interiors zeigen auch, dass Reduktion und Emotionalität einander nicht ausschließen. »Für mich bedeutet Minimalismus nicht, Persönlichkeit oder Wärme zu entfernen. Es geht vielmehr darum, Klarheit zu schaffen und Raum für das eigentliche Erlebnis zu lassen«, hält Juan Pablo Bernal fest. Auch Philipp Fromme ist davon überzeugt, dass Aufgeräumtheit nicht rein über Reduktion interpretiert werden muss, sondern über Logik und Harmonie.
»Es gibt zwar einen unbestreitbaren Trend zu Reduktion und Vereinfachung, doch Sehen, Fühlen und Berühren sind nach wie vor die Sinne, die im Mittelpunkt unseres Produkterlebnisses stehen und bestimmen, wie wir unsere Produkte gestalten«, hält Joan Melenchon, Creative Design Director bei XPENG, fest.
Auch für Jo Stenuit, Design Director Mazda Motor Europe, schließen Klarheit und Wärme einander nicht aus. Sich im Fahrzeug willkommen zu fühlen, sei einer der Grundpfeiler bei Mazda. »In einen leeren oder sehr reduzierten Raum zu kommen, empfinden die meisten Menschen als beruhigend«, so Stenuit. Deshalb ist das japanische Konzept »Ma«, das für die Schönheit des leeren Raums steht, auch fixer Bestandteil der Mazda-Designphilosophie. Ein leerer Raum erlaubt es Objekten – und auch Menschen –, zu atmen, ist der Design Director überzeugt.
Polestar 5
Klare Flächen, deutliche Proportionen und durchdachte Details prägen bei Polestar sowohl das Exterieur als auch das Interieur.
Das Head-up-Display, das Informationen direkt auf die Windschutzscheibe projiziert, erwähnt er als perfektes Beispiel dafür, wie sich Information nahtlos in ihre Umgebung integrieren lässt. Zudem erhöht es die Sicherheit der Fahrerin oder des Fahrers. Das bedeutet: Der Schirm ist zwar nicht alles, aber alles auf dem Schirm zu haben dennoch elementar. Vor allem im übertragenen Sinn.