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Wo Fassaden Storys flüstern

Interior Design
Designer
LIVING Interview
Dekoration
London

Im Londoner Privatclub »Annabel’s« sind Fassade und Räume stets wie Kapitel eines Märchens komponiert. Ob Fantasiewälder oder verwunschene Gärten, das ist kein zufälliger Dekor-Overload, sondern Konzept. Jedes Jahr von Neuem, jedes Jahr größer, origineller – vor allem zu Weihnachten. Kuratiert von Tatiana Kharchylava, die bis ins kleinste Detail die Erlebniswelten fulminant in Szene setzt. LIVING traf die Kreativ-Direktorin zum Talk.

LIVING: Sie sind die Frau, die Märchen in einem privaten Club zum Leben erweckt. Wie lange sind Sie schon das Creative Mind hinter dem fulminanten Dekorkonzept im Annabel’s?

Tatiana Kharchylava: Mittlerweile sind es sieben Jahre. Allein heuer waren es achtzehn verschiedene Fassaden, die ich gestaltet habe. Es gibt ja nicht nur Weihnachten. Wir dekorieren unter anderem auch für Halloween oder Valentine’s Day und vieles mehr.

Bei so vielen dekorativen Kreationen ist man wohl wirklich gefordert, erfinderisch zu sein. Woher holen Sie sich die Ideen?

Um ehrlich zu sein, ist das für mich schwierig zu beantworten. Aber ich habe es einfach im Gefühl, was das Gebäude zu welchem Anlass braucht. Ich war bereits als Kind sehr fantasievoll, wollte Märchen in Büchern zum Leben erwecken und am liebsten verfilmen. Ursprünglich träumte ich als Kind davon, Filmregisseurin zu werden. Ein solcher Beruf wurde allerdings in der Sowjetunion, wo ich damals lebte, nicht ernst genommen. Deshalb hatte ich sogar Angst, meinen Eltern zu erzählen, dass ich diese kreative Seite in mir hatte.

Die Weihnachtsfassade von Annabel's, inspiriert von "Die Chroniken von Narnia"

© Tom Chambers

Romantisch: Ein Vintage-Karussell eröffnet Londons Dekor-Wahnsinn

© Simon Tupper Annabel's

Festlich-opulent: In den verschiedenen Restaurantbereichen des »Annabel’s« werden jeweils verschiedene Stile zelebriert.

Tom Chambers

Seasons Greeting: mit dem magischen Pfau auf der Fassade des Private Clubs im letzten Jahr.

© Getty Images

Erzählen Sie uns mehr über Tatianas kreative Seele …

Ich schaue mir weder Pinterest noch Ideen für Fassaden an, weil ich niemanden kopieren will. Ich möchte einfach nur originell sein. Die Fassadenkonzepte von Annabel’s erfüllen einen wichtigen Zweck, indem sie Botschaften an das Publikum vermitteln. Das aktuelle Dekorkunstwerk ist von Kindheitserinnerungen und Geschichten inspiriert und lenkt die Aufmerksamkeit auf wohltätige Zwecke, die den Birley Clubs und der Caring Family Foundation am Herzen liegen. Konkret wurde die Christmas-Fassade heuer von »Die Chroniken von Narnia« beflügelt, ich nenne es »Die Hexe, der Löwe und der Kleiderschrank«. Es ist ein riesiger Kleiderschrank, der in eine andere Dimension und eine wunderschöne Welt führt. In der Geschichte geht es darum, dass Kinder durch den Kleiderschrank gehen und in winterliche Landschaften gelangen. Zuletzt müssen sie mit ihrem Mut und ihrer Tapferkeit gegen das Böse kämpfen und gewinnen. Meine Idee ist es, dass unsere Kinder die Zukunft repräsentieren und eine wunderbare Welt erschaffen. Konzeptionell hat es, wie Sie sehen, natürlich mit Weihnachten zu tun.

Die Caring Foundation spielt, wie Sie gerade angesprochen haben, eine große Rolle, wenn Botschaften übermittelt werden sollen. Worum geht es hier genau?

Es ist uns wichtig, mit den Themen, die wir kreieren, Kinder und Schulen mit ins Boot zu holen. Wir dekorieren Schulen und machen Kindern damit eine große Freude. Denn die Stiftung ist weiters bemüht, viel Karitatives zu leisten: Sie pflanzt Bäume, finanziert Mahlzeiten, unterstützt medizinische Versorgung, insbesondere für Kinder und indigene Gemeinschaften. Das lässt sich aber nur schwer in einem einzigen Satz an die Fassade schreiben. Meine Aufgabe ist es daher, diese Inhalte in poetische Bilder zu verwandeln. Wenn zum Beispiel ein riesiger Baum aus einem Globus wächst, erzählt das ganz ohne Worte: Wir sind mit diesen Wäldern existenziell verbunden. Wenn ein Heißluftballon über einer Fassade schwebt, steht er für Hoffnung und dafür, dass Großzügigkeit Menschen »anheben« kann.

Auch wenn es hier um viel Wohlwollen geht, die Konstruktionen sind sehr glamourös und auch teuer in der Anschaffung. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Luxus und gesellschaftlicher Verantwortung?

Glamour ist nur die Oberfläche. Entscheidend ist, wofür wir ihn einsetzen. Ein Ort wie Annabel’s hat Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit und Ressourcen – und damit auch Verantwortung. Wenn wir bei einer glamourösen Veranstaltung Spenden für die Wiederaufforstung im Amazonas sammeln oder auf Kinderarmut aufmerksam machen, diene ich genau diesem Ziel. Der Luxus wird zum Verstärker, nicht zum Selbstzweck.

Wie lange haben Sie am aktuellen Weihnachtskonzept gearbeitet, von der Idee bis zur Umsetzung?

Die Idee dazu hatte ich genau vor einem Jahr. Und generell werden die Konzepte ein Jahr im Voraus geplant. Dann überprüfe ich mit dem Bauingenieur, ob die Geschichte umzusetzen ist. Aber in sieben Jahren ist es mir noch nie passiert, dass ich etwas gemacht habe, was nicht möglich war, da ich genau weiß, was ich brauche und mit welchen Firmen ich zusammenarbeiten muss. Nachdem der Statiker zugestimmt hat, gehen wir zum Stadtrat. Der Stadtrat erteilt uns dann im Grunde genommen die Genehmigung und dann gebe ich meiner Produktionsfirma die genauen Vorgaben.

Wie läuft das weitere Prozedere ab?

Ich bestimme die Materialien, die Farben, wir erstellen Moodboards und gehen ins Detail, und nachdem alle Firmen diese Informationen haben, beginnen sie mit der Bemusterung. Normalerweise erfolgt diese etwa drei bis vier Monate vor der Installation. Die gesamte Konstruktion wiegt heuer vier Tonnen und ist vierzehn Meter hoch. Bis sie perfekt montiert ist, braucht es zehn Tage. Die Vorkehrungen dafür sind immens, da wir für die Bauwägen und Transporter Parkgenehmigungen in Mayfair bewilligt bekommen müssen. Das ist in einer Stadt wie London sehr kompliziert.

Inwieweit mischt sich Richard Caring bei der Themenfindung mit ein?

Ich präsentiere Richard Caring mehrere Ideen, mache mir natürlich auch viel Druck, damit es passt. Aber Richard überlässt mir viel freie Hand und stimmt dem zu, wofür ich mich entscheide. Allerdings ist das für mich auch eine große Challenge. Wenn es dieses Jahr schon so großartig war, was passiert das Jahr darauf?

Wir verstehen Ihre Gedanken dazu. Aber das »Annabel’s« war bereits vor zwanzig Jahren, vor seinem Umbau, herausragend, wenn es um besondere Dekorationen ging. Generell eine große Herausforderung für andere private Clubs in London, mithalten zu können ...

Unser Eigentümer Richard Caring wollte immer außergewöhnlicher sein als alle anderen. Wir haben über 180 Veranstaltungen im Jahr. Er möchte Mitgliedern und Nichtmitgliedern immer diese Art von zusätzlichem Erlebnis bieten. Also haben wir angefangen, die Fassaden zu gestalten, und dann wurde es zu einer Art Londoner Attraktion. Mittlerweile wird auch die Christmas Season mit einem besonderen Event eingeläutet. Es ist besonders festlich; heuer sang ein Kinderchor, viele Menschen haben sich versammelt, um das Spektakel mitanzusehen.

Mastermind: R.: Seit sieben Jahren weckt Tatiana Kharchylava die Fantasiewelten im »Annabel’s Club«, Mayfair, zum Leben.

© Jason Lloyd Evans

Opening the Season: »Annabel’s«-Eigentümer Richard Caring und seine Frau Patricia (rechts) mit Tatiana Kharchylava (M.) mit dem Kinderchor bei der offiziellen Eröffnung der Christmas Season.

© Jason Lloyd Evans

Happy Halloween: »The Ghosts of Versailles« sorgte 2024 vor den Toren des »Annabel’s« für Staunen.

Getty Images

White Christmas Glam: Weiß und Silber und kein bisschen leise.

© Milo Brown

Das »Annabel’s« ist aber nicht der einzige Club, den Sie dekorieren. Welche Hotspots stehen hier sonst noch auf der Liste?

Gleich ums Eck ist das »George«, das »Mark’s« und die »Harry’s Bar«. Gott sei Dank sind die Lokale nicht so weit voneinander entfernt. Somit tue ich mir leichter, die Termine zu fixieren.

Beim »Annabel’s« sprechen wir über einen privaten Club. Nur Mitglieder haben Einlass oder jene Personen, die von Mitgliedern mitgenommen werden. Wie würden Sie »Annabel’s« jemandem beschreiben, der diesen Ort noch nie gesehen hat?

Ja, das ist er, aber gleichzeitig eine Bühne, auf der wir Träume in eine räumliche Realität übersetzen. Wenn man durch die Tür geht, soll es sich anfühlen, als würde man – wie ich bereits erwähnt habe – eine Geschichte betreten – mit all ihren Bildern, Geräuschen und Emotionen, nur dass man selbst die oder der Protagonist:in darin ist. Das, was wir außen präsentieren, geht im Inneren des Gebäudes weiter.

Worauf dürfen wir uns in der Zukunft freuen?

Ohne zu viel zu verraten: Wir werden weiter daran arbeiten, die Grenzen zwischen Club und Stadt, zwischen Kunst und Aktivismus zu verschieben. Ich möchte, dass die Fassaden von »Annabel’s« noch stärker zu Gesprächen anregen – über Klimaschutz, Solidarität und die Kraft von Fantasie. Und natürlich soll jedes neue Projekt wieder dieses eine Gefühl auslösen:
Ich habe so etwas noch nie gesehen!

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 9/2025

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Angelika Rosam
Angelika Rosam
Falstaff LIVING Herausgeberin
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