Im Wiener Untergrund wird im »Krypt« hinter unscheinbaren Türen bis in die Morgenstunden gefeiert und hochstehende Cocktail-Kultur genossen.

Nachtschicht in Wien: Der Bar-Report

Bernhard Degen, 11.01.2019

Die Wiener Barszene ist so lebendig wie noch nie. Fast im Monatstakt eröffnen neue Bars, und dennoch ist das Verhältnis unter den Mitbewerbern so freundlich, dass es beinahe wie in einer großen Familie ist.

Werbung

Es ist ein Museum, das Drinks serviert«. So beschreibt Mari­anne Kohn, die Doyenne der Wiener Nacht, ihre Loosbar. Benannt nach dem legendären Jahrhundertwende-Architekten Adolf Loos, der die American Bar im Jahr 1908 entworfen hat. Die Loosbar ist seit Jahrzehnten ein Fixstern am Wiener Barhimmel und hat den Weg für eine lebendige Szene geebnet. Jene Menschen, die früher in Clubs und Discotheken pilgerten, sind erwachsener und anspruchsvoller geworden und lassen sich nicht mehr mit banalen Longdrinks abspeisen, um die man an überfüllten Bars kämpfen muss. Zur heutigen Barkultur gehört ein gepflegtes Ambiente, eine gewisse Original-ität und hochwertige Cocktailqualität. Wenn es um die qualitative Entwicklung der Wiener Barszene geht, dann muss man einerseits den viel zu früh verstorbenen Mario Castillo und sein Barfly’s er-wähnen, das seit 1989 klassische Barkultur in Wien eta-blierte. Andererseits liegt es wohl an der Schöpfungskraft der einzelnen Protagonisten, die freundschaftlich zusammenarbeiten. Im Netzwerk der Vienna Barcommunity treffen sich wirtschaftliche Konkurrenten regelmäßig, um zusammen zu verkosten, Erfahrungen auszutauschen und Ideen weiterzuentwickeln. Als Treffpunkte werden gerne neue Bars ausgewählt, die aus den eigenen Reihen entstanden sind, wenn sich ein Barkeeper selbstständig gemacht hat. Diese Übereinkünfte sind wie Familientreffen: Man kennt einander, es wird geplaudert, geblödelt und viel gelacht. Eine der Schlüsselfiguren der Vienna Barcommunity ist Gerhard Kozbach-Tsai, der sich vor wenigen Jahren mit der Speakeasy Bar »Tür 7« selbstständig ge-macht hat. Wie es sich für eine Bar dieses Schlages gehört, ist der Eingang unscheinbar und nicht als Bar zu erkennen. Wer die genaue Adresse kennt, läutet an der Türklingel und wird von einem der Barkeeper persönlich empfangen. Das Interieur ist wie eine Privatwohnung gestaltet, es gibt ein Vorzimmer, eine Garderobe, ein Wohnzimmer und ein Badezimmer, sogar mit dekorativer Badewanne. Entsprechend persönlich sind auch die Betreuung und Beratung, jeder Drink wird für die Vorlieben des jeweiligen Gastes maßgeschneidert. Das Konzept funktioniert so gut, dass die »Tür 7« von Falstaff bereits viermal in Folge als American Bar des Jahres ausgezeichnet wurde.

Weiterlesen

Werbung