Er ist ein Wegbereiter der modernen Aperitif-Kultur, zugleich ein verlässlicher Begleiter durch die Nacht und seine kantige, manchmal fordernde und bissige Art konterkariert er mit einnehmender Eleganz. Kein Wunder, denn in seiner über 100-jährigen Geschichte ist der Negroni immer flexibel und wandlungsfähig geblieben.

Negroni: Ein grandioser Dreiteiler

Alexander Thürer, 13.02.2024

Wie könnte die Geschichte eines Cocktailklassikers besser beginnen als mit den Vorlieben eines durstigen Grafen? Seinen weltweiten Erfolg verdankt der Negroni aber nicht seiner blaublütigen Abstammung, sondern seiner Simplizität und seinem Variantenreichtum.

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Florenz ist seit jeher die Heimat großer Geister, war sie doch nicht nur das Zentrum der Renaissance, die Wirkstätte eines Leonardo da Vinci oder die Wiege des Fortepianos, dem Vorläufer des heutigen Klaviers. Nein, sie ist zu unserem Glück auch der Geburtsort eines der größten Drink-Klassiker der Geschichte: des Negroni. Und wie sollte es in einer solch geschichtsträchtigen Umgebung anders sein, als dass ein Herr von Adel die Rolle des Geburtshelfers übernimmt – auch wenn es einer von zweifelhaftem Ruf war. Die Rede ist von Graf Camillo Luigi Manfredo Negroni, seines Zeichens Rodeo-Reiter, Kartenspieler, Lebemann und Viehzüchter in den USA des auslaufenden 19. Jahrhunderts. Nachdem dieser seine jugendlichen Reitstiefel zwischenzeitlich gegen die High Society New Yorks getauscht hatte, kehrte er 1912 in seine italienische Heimat zurück und wurde dort unter anderem Stammgast im florentinischen »Caffè Casoni«, wo er wiederum regelmäßig dem ebenso populären wie erfrischenden Americano (Bitter, süßer Wermut, Soda) zusprach – bis dem alten Abenteurer eines Tages – es war wohl um 1919 – der Sinn nach etwas Stärkerem stand. Der geneigte Bartender seines Vertrauens erfüllte den Wunsch des Grafen, fügte dem Americano einige Tropfen Gin hinzu und kreierte damit die Urform des Negroni. Diese unterschied sich noch recht deutlich von der heutigen Rezeptur, war der Drink in der Regel doch wesentlich kleiner und wurde noch immer mit Soda und sehr wahrscheinlich auch ohne Eis serviert. Zwar hält sich die Legende hartnäckig, dass viele Gäste dem Beispiel des Grafen folgten und ebenfalls Gefallen an der neuen Kreation fanden, aber der ganz große Durchbruch blieb zunächst aus. Zwar verbreitete sich der Negroni langsam in Europa, aber tatsächlich finden sich die ersten dokumentierten Rezepte erst auf der Menükarte der legendären kubanischen Bar »El Floridita«, als sich Anfang der 1930er-Jahre die amerikanische Prohibition zwar schon dem Ende zuneigte, Kuba aber noch immer ein Mekka für trinkfreudige Amerikaner war.

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