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© Camille Walala

Dopamine Decor: Minimalismus? Nein, danke!

Design
Interior Design

Der Interior-Trend »Dopamine Decor« setzt auf leuchtende Farben, knallige Muster und Mut zum Eklektizismus. Die verspielt-nostalgischen Entwürfe wecken Erinnerungen an die Kindheit und sollen gerade in Krisenzeiten zumindest daheim für Freude sorgen.

Header Bild: Camille Walala Memphis-Design 2.0: Die Fran­zösin betreibt in East London ein Studio und ist für ihren farbenfrohen, reich gemusterten Stil bekannt. Ihre Kunstinstallation »House of Dots« hat sie für Lego entworfen. Wie alle ihre Arbeiten war diese nicht nur für Kinder ein Abenteuerspielplatz. camillewalala.com

Ihr Haus ist eine quietschbunte Wunderkammer: Auf TikTok lassen uns Josh Jessup und Matt Moss aus Melbourne hautnah bei ihrer Schatzsuche nach postmodernem Design dabei sein. Maximalismus lautet ihr Motto. Je schräger die Entwürfe sind, desto besser. Wie so viele war das Paar in der Pandemie unzufrieden mit langweiligen weißen Wänden und Möbeln, die bloß funktional sind. Den beiden fehlte die kreative Freude, ihre Wohnung sollte eine positive Lebens­einstellung widerspiegeln. Sie trafen damit einen Nerv: Eine Million Menschen folgen @joshandmattdesign mittlerweile.

ES GIBT KEINE NO-GOS

Die beiden stehen für einen Interior-Trend, der nicht nur bei der Gen Z gerade sehr angesagt ist: »Dopamine Decor« setzt auf knallige Muster und leuchtende Farben. Es geht um den kreativen Mix, No-Gos gibt es keine. Dopamin ist schließlich ein chemischer Botenstoff, der, wenn er im Gehirn ausgeschüttet wird, Glücksgefühle hervorruft. Um diese kleinen Glücksmomente geht es auch beim Einrichten. Man schafft Dinge an, zu denen man eine emotionale Bindung hat. Nostalgie gehört zumindest bei den Älteren auch dazu: Wir wollen uns an unsere Kinderzimmer erinnert fühlen, an unbeschwerte Zeiten, in denen wir nicht schrecklich langweilig waren, sondern Poster von Popstars
an den Wänden hingen und blubbernde ­Lavalampen uns glücklich machten.

Andrés Reisinger Eigentlich wurde der Argentinier durch seine romantisch-surrealen Designs fürs Metaverse berühmt. Aber auch im echten Leben reißen sich Firmen um seine Entwürfe. Sein »Hortensia Chair« ist ein Klassiker. Für den polnischen
Möbelhersteller Tylko hat er ein rosa Regal entworfen. tylko.com

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Bits & Parts Der Kids-Puzzlestuhl besteht aus 39 Teilen. Wer mag, kann die 3D-Druckdateien selbst herunterladen und zusammen­basteln – oder beim holländischen Anbieter fertigen lassen. Es gibt ihn in vielen Farbvarianten. bitsandparts.org

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Ikon København Back to the 80s! Die dänischen Schwestern Sarah und Amalie Thorgaard haben 2016 beschlossen, handgemachte Tische zu produzieren, die aus Fliesen gefertigt werden – die Basis ist aus Holz. Sie sind perfekt, um ein cooles Retro-Feeling in die Wohnung zu zaubern. ikonkobenhavn.com

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Nova Obiecta Ein moderner Klassiker: Der »PARA(D)« ist ein skulpturaler Stuhl, der mit starken Farbkon­trasten punktet. Er wirkt wie ein Pop-Art-Kunstwerk und ist dabei sehr bequem. Die Silhouette ist Schwimmbadleitern nachempfunden. Er ist für den Innen- wie für den Außenbereich geeignet. @novaobiecta

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MEMPHIS-REVIVAL

Die postmodernen Designs und Installationen der in East London lebenden Französin Camille Walala sind prototypisch für den »Dopamine Decor«-Trend: Wie eine gigantische Krabbelstube wirken ihre farbenfrohen Räume. Das italienische Memphis-Design der 1980er-Jahre und sein ironisch-verspielter Zugang zu Alltagsgegenständen standen dafür Pate. Alles geht, nichts ist verboten. Der Zweck dieser lustvollen Dekonstruktion? Design soll uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern!

RAUS AUS DER ROUTINE

Wie geht das mit unserer eher pessimistischen Gegenwart zusammen? »Gerade in Zeiten der Krise brauchen wir ein Gegen­gewicht. Wie die Glücksprofessorin Laurie R. Santos sagte: ›Eine Rückkehr zum Spaß ist entscheidend für unser geistiges und körperliches Wohlbefinden‹«, analysiert die Trendforscherin Oona Horx Strathern. Dafür gibt es sogar wissenschaftliche Grundlagen. »Aus neurologischer Sicht ermöglicht uns Playfulness, neue Perspektiven zu gewinnen, mehr Kreativität und neue Denkweisen zu entwickeln. Sie holt uns aus unserer Routine heraus, überrascht uns und erschüttert unsere Erwartungen«, erklärt Horx Strathern.

Farrow & Ball Streifenmuster sind im Trend, ob auf Möbeln, Decken oder an den Wänden. Der Farbenprofil ­Farrow & Ball bietet die passenden Nuancen – auf dem Bild der Farbton: »Hog Plum« – und Tapeten an, um die Räume so bunt wie in Kindheitserinnerungen werden zu lassen. farrow-ball.com

Front Design Die schwedischen Avantgardistinnen stehen für Design mit Humor und Experiment: Diese Möbel wurden
zuerst in der Luft skizziert, dabei mit Motion Capture aufgezeichnet und dann mittels 3D-Dateien hergestellt. frontdesign.se

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»Aus neurologischer Sicht ermöglicht uns Playfulness, neue Perspek­tiven zu gewinnen, mehr Kreativität und neue Denkweisen zu entwickeln.« Oona Horx Strathern, Trendforscherin

(c) Klaus Vyhnalek Fotografie

Gustaf Westman Der Shootingstar unter den nordischen Designern: Die klobigen Entwürfe des in Stockholm ansässigen kleinen Labels sind bunt und wirken wie aus einer Comicwelt. Sie sollen Freude machen und werden in Schweden und Portugal produziert. gustafwestman.com

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RETRO-HYGGE 

Der Retro-Ansatz passt perfekt in dieses Konzept: In den 1970er-Jahren schien die Welt noch in Ordnung, alle träumten von einer besseren Zukunft. Neidisch blicken wir heute auf diese Ära zurück. »Die Boomer-Generation, die in den 1970er-Jahren aufgewachsen ist und jetzt in den Ruhestand geht, hat die Zeit – und vielleicht auch das Geld –, in ihre Einrichtung und ihr Haus zu investieren«, so Horx Strathern. Wenn schon draußen alles chaotisch und bedrohlich ist, soll es zumindest daheim kreativ, positiv und hygge sein.

ZWEITE CHANCE

Eine jüngere Generation holt sich ihre Einrichtungstipps ohnehin von TikTok und Instagram. Das macht das Design demokratischer und vielfältiger. »Soziale Medien sind ein zweischneidiges Schwert«, gibt Horx Strathern zu bedenken, »einerseits haben sie den Menschen Zugang zu mehr Ideen verschafft, andererseits verleiten sie dazu, kurzlebigen Trends zu folgen, was aus ökologischer Sicht nicht gut ist.« Sie trifft damit einen neuralgischen Punkt: Das neue Bunt ist zwar absolut fantastisch, aber wir sollten darauf achten, nicht auf kurzfristige Effekte zu setzen, deren man schnell überdrüssig wird. Zum Glück lässt sich »­Dopamine Decor« aber auch secondhand gut verkaufen. Dann hat jemand anders Freude an dem verspielten Farbenrausch. Vielleicht interessieren sich ja Josh & Matt für das eine oder andere Stück.

Fabien Cappello Der in Mexiko lebende französische Designer kreiert lebensfrohe Objekte, die mit ungewöhnlichen Formen
spielen und zwischen Kunst und Design pendeln. An der ­lateinameri­kanischen Kultur ­fasziniert ihn, wie sehr Farben im Alltag präsent sind. fabiencappello.com

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»Anemone«-Chair Wie ein Fisch, der es sich in einer Anemone bequem macht, soll man sich in diesem Fauteuil des Architekten Giancarlo Zema fühlen. Er wurde 2011 vom italienischen Hersteller Gionvanetti entwickelt. giovannetticollezioni.it

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Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 08/2023

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Karin Cerny
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