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© Stefan Gergely

Kinderfreundliche Stadt: Drei Expert:innen über sichere Räume für Kinder

LIVING Salon
Interview
Architektur
Kinder
Wien

Österreich hat etwa 1,7 Millionen Kinder und Jugendliche. Doch was wünschen sich die Kids? Welche Wohn- und Lebensbedürfnisse haben sie? Und wie kann man die Stadt zu einem gleichermaßen sicheren wie auch abenteuerlichen Ort machen? Darüber diskutieren die Bauträgerin Senka Nikolic, der Baugruppen-Initiator Peter Rippl und die Wiener Gender-Planning-Beauftragte Julia Girardi-Hoog.

LIVING Gab es einen Ort, der Sie in Ihrer Kindheit berührt oder beeindruckt hat und der Ihnen seitdem in Erinnerung geblieben ist?

Senka Nikolic Ich war als Kind vor allem von Schwimmhallen begeistert. Diese riesigen Hallen! Dieses viele Wasser! Dieses kühle Hellblau überall!

Julia Girardi-Hoog Ich war damals drei oder vier Jahre alt und habe es geliebt, im »Café Traxlmayr« in Linz herumzulaufen, zwischen all den Säulen, Amphoren und Blumengestecken, und zwischendurch gab’s heiße Schokolade.

Peter Rippl Wir waren am Weg nach Jugoslawien und dann kam der Moment, als ich zum allerersten Mal im Leben das Meer gesehen habe, ein Wahnsinn! Eine zweite, ebenfalls sehr starke Erinnerung war die Baustelle, das Spielen im Gatsch und auf den Erd- und Sandhügeln, als mein Vater gerade Haus gebaut hat.

Was genau ist es, das einen Ort für Kinder spannend macht?

Rippl Die Größe, diese Weite, das Gefühl von Unendlichkeit. Und das unbesorgte Spielen ohne Rücksicht auf Verluste.

Girardi-Hoog Das Gefühl, dass man zur Erwachsenenwelt dazugehört, dass man mitgenommen wird, wo die Großen sind, dass man sozusagen einen neuen Ort erlernen und erobern kann.

Nikolic Stichwort Lernen: Mich hat die Technik fasziniert. Ich wollte wissen, wie man es schafft, selbst im Winter diese riesigen Wassermengen zu beheizen.

Wenn wir in der Geschichte zurückblicken, so galten Kinder in vielen Gesellschaften früher als Objekt. Erst mit dem Eintreten in ein arbeitsfähiges Alter wurden Sie zum Subjekt. Wann hat sich das geändert?

Girardi-Hoog Bis Ende des 17. Jahrunderts galten Kinder, wie Sie sagen, als Objekt, als unfertiger kleiner Erwachsener. Erst mit der beginnenden Aufklärung haben Kinder plötzlich Rechte bekommen und wurden als lernende Wesen wahrgenommen, die spezielle Förderung und Spiel brauchen. Wichtige Protagonist:innen auf diesem Gebiet waren später dann Helmut Fröbel, Rudolf Steiner und Maria Montessori, aber auch die Schule rund um Sigmund Freud und Jean-Jacques Rousseau.

Nikolic Ein wichtiger Moment war die Industrialisierung. Mit dem Wohlstand, mit dem Einzug von Maschinen und mit dem Ende der allerschwersten körperlichen Arbeiten gab es plötzlich auch mehr Zeit, mehr Geld und mehr Energie, um sich um die Kinder zu kümmern.

Rippl Mit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden dann auch die ersten urbanen Kinderspielplätze. Wobei man sich die Spielplätze nicht mit Rutsche und Schaukel vorstellen darf wie heute, sondern eher als eine Art Erdgarten und Gstätten mitten in der Stadt.

Nikolic Stadt, Industrie und Sozialisierung: Spannend, wie das alles zusammenhängt, oder?

Rippl Ja, auch weil die ersten Spielplätze tatsächlich in den industriell progressiven Städten entstanden sind, vor allem in Berlin, Paris, London und New York.

Die gendergerechte Stadt
Für Julia Girardi-Hoog muss es die Stadt schaffen, alle anzusprechen und Angsträume zu vermeiden. Damit will die ausgebildete Architektursoziologin die einstige Pionierrolle des Roten Wien weiter ausbauen.
smartcity.wien.gv.at

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Einen großen Entwicklungsschritt gab es
dann Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Aufkommen eines Sozial- und Wohlfahrtsstaats.

Girardi-Hoog Da hatte das Rote Wien wirklich die Nase vorn! Der soziale Gedanke lautete, die Arbeiterschicht in Schutz zu nehmen und sie mit Wohnbau und sozialen, kulturellen und gesundheitlichen Einrichtungen zu versorgen, aber auch dafür Sorge zu tragen, dass nicht nur die Elite, sondern die breite Masse Zugang zu Luft, Licht, Wasser und hygienischer Infrastruktur hat. Mit diesem gesundheitlichen Aspekt ging einher, dass vor allem auch große Innen­höfe mit Spielplätzen und Grünräumen für Jung und Alt entstanden. Das Rote Wien war für Kinder eine Revolution!

Bis zum 17. Jahrhundert galten Kinder als Objekt, als unfertiger kleiner Erwachsener. Erst mit der beginnenden Aufklärung haben Kinder plötzlich Rechte bekommen und wurden als lernende Wesen wahrgenommen.
Julia Girardi-Hoog

Nikolic Das Tolle ist, dass das Rote Wien die Gesellschaft als Ganzes begriffen hat – und dass sie nicht nur Räume für Kinder geschaffen hat, sondern auch für die Mütter und Eltern, damit sie im Alltag mehr Zeit für die Kindererziehung haben – zum Beispiel mit Waschküchen, Werkstätten und Theatersälen.

Herr Rippl, wie geht es Ihnen, wenn in Zusammenhang mit der Kindererziehung die Mutter genannt wird?

Rippl Das entspricht durchaus den geschichtlichen Tatsachen. Früher hat sich ausschließlich die Mutter um die Erziehung gekümmert – eine gewaltige, unbezahlte Arbeit! Erfreulicherweise leben wir heute in einer Zeit, in der sich allmählich ein Wandel abzeichnet. Bei mir in der Familie ist die Kindererziehung 50:50 aufgeteilt.

Kinder wollen oft einfach nur einen leeren Raum zum Schreien und Herumlaufen. Und Jugendliche wollen manchmal keinen Raum, sie wollen einfach nur raus, weit weg von den Eltern.
Peter Rippl

Wie hat sich der Fokus auf das Kind in der Stadt, im Wohnen und in der Architektur in
den letzten Jahrzehnten entwickelt?

Nikolic Die Schwarzatal hat in ihren Projekten bereits seit den 1970er-Jahren Gemeinschafts- und Kinderspielräume vorgesehen. Auch im Freiraum haben sie stets Wert darauf gelegt, hochwertige Spielplätze zu schaffen und die Siedlungen nach Möglichkeit autofrei zu gestalten. In den 1970er-Jahren wurde die Errichtungen von Spielplätzen für Kleinkinder, Kinder und Jugendliche schließlich in die Bauordnung aufgenommen – und ist seither verpflichtend.

Girardi-Hoog Wenn ich zurückdenke: In den Siebziger- und Achtzigerjahren haben die Kids und Jugendlichen noch zwischen den Wohnhäusern Fußball gespielt. Manchmal auf der Wiese, manchmal auf einem Schotterplatz, manchmal auf dem Parkplatz zwischen den Autos. So wie Sie, Herr Rippl, als Kind auch am liebsten auf der Baustelle gespielt haben. Die totale Anarchie!

Rippl Das stimmt. Diese kleine Komponente des Verboten-Seins und der Gefahr war immer Teil des Spiels.

Girardi-Hoog Als Gender-Planning-Beauftragte der Stadt Wien erachte ich es als einen großen Fortschritt und Erfolg, dass wir es geschafft haben, sichere Spielorte zu errichten. Als Privatperson hingegen, als selbst ehemaliges Kind, tut mir der Verlust des Abenteuers auch ein bisschen leid.

Rippl Baustelle, Parkplätze, Garagen, verbotene Orte, das war schon was!

Wohnen mit Kindern
Vor zehn Jahren gründete der Shiatsu-Praktiker Peter Rippl eine eigene Baugruppe auf dem ehemaligen Nordbahnhof-Areal. Die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen hat dabei eine große Rolle gespielt.
diehauswirtschaft.at

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Wie könnte es gelingen, diesen kleinen Abenteuer-Faktor, diese Qualität der versteckten, verbotenen Orte wieder zurückzugewinnen?

Rippl Hier auf dem Areal des ehemaligen Nordbahnhofs, wo sich auch das Baugruppenhaus »Die Hauswirtschaft« befindet, in der wir gerade sitzen, funktioniert das eigentlich ganz gut. Die Spielplätze für Kinder und Kleinkinder liegen recht zentral und sind von den einzelnen Wohnbauten gut einsehbar, sodass man dem eigenen Kind zurufen kann. Und die Jugendlichen ziehen sich eher in den Park weiter weg zurück, in die sogenannte »Freie Mitte«, wo es zwischen wilder Stadtnatur viele schöne, wildromantische Verstecke gibt, wo die Jugendlichen ganz unter sich sein können.

Nikolic Diese Rückzugsorte sind extrem wichtig. Als Jugendliche will man nicht ständig unter Beobachtung stehen – nicht, wenn man raucht, und schon gar nicht, wenn es zum ersten Kuss kommt. Das dürfen wir, wenn wir die Stadt von morgen planen, nicht außer Acht lassen!

Das Tolle ist, dass das Rote Wien die Gesellschaft als Ganzes begriffen hat – und dass sie nicht nur Räume für
Kinder geschaffen hat, sondern auch für die Mütter und Eltern: Waschküchen, Werkstätten und Theatersäle.
Senka Nikolic

Wie positioniert sich die Stadt Wien zu diesen versteckten, verbotenen Orten?

Girardi-Hoog Ich bin da ganz bei Ihnen! Gleichzeitig aber muss man bedenken, dass das eine sehr männliche Perspektive ist, denn starke Burschen haben überhaupt kein Problem damit, einen Raum zu besetzen und furchtlos in irgendwelche verwinkelten Gegenden zu gehen. Unsere Aufgabe ist es, diese Qualität zuzulassen, gleichzeitig aber dafür zu sorgen, dass sich Mädchen und auch schwächere Burschen nicht belästigt fühlen – und dass sie ebenfalls die Möglichkeit haben, einen Ort zu besetzen.

Und zwar wie?

Girardi-Hoog Mit Programmen, mit Partizipation, mit Maßnahmen auf Stadtteilebene. Ein schönes Beispiel dafür ist die Mädchenbühne am Reumädchenplatz. Das ist ein baulich und partizipativ gestalteter Ort für öffentliche Auftritte am Reumannplatz, der sich primär an Mädchen und weibliche Jugendliche richtet.

Nikolic Ich kenne das Projekt und es ist schön zu sehen, was hier gelungen ist. Wir als Gesellschaft haben nämlich nicht nur die Aufgabe, Wohnungen zu errichten und die Stadt weiterzubauen, wir müssen auch Rahmen-bedingungen schaffen, um ein soziales Miteinander zu fördern.

Rippl Ich glaube, es braucht beides! Geschützte Orte für die einen, und wilde, ungezähmte Orte des Rebellierens für die anderen. Die Stadt ist ein Ort der Gegensätze und als solcher muss sie es schaffen, Orte für alle zur Verfügung zu stellen – durchmischt und nebeneinander.

Nikolic Das ist auch das, was sich Kinder und Jugendliche wünschen, wenn man sie fragt.

Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

Nikolic: Beim Stadterweiterungsprojekt Village im Dritten haben wir in der Entwicklungsphase des Bauträger-Wettbewerbs Kinder und Jugendliche miteinbezogen – ganz einfach, weil wir wissen wollten, was die sich wünschen. Die Kids waren zwischen sieben und zwölf Jahre alt und es war unglaublich, was hier für tolle Rückmeldungen gekommen sind!

Wohnsiedlungen für alle
Der Bauträger Schwarzatal hat bereits reichlich Erfahrung mit Baugruppen. In einigen Projekten wurden Kinder in den Partizipationsprozess einbezogen – und zwarmit durchaus realistischen Ideen, wie Senka Nikolic meint.
schwarzatal.at

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Und zwar?

Nikolic Kinder, die gesagt haben, dass die Stadt für alle da sein muss, dass sich die Spielplätze und Orte an alle richten müssen, an die Starken und an die Schwachen, an die Jungen und an die Alten, an die Mädchen, an die Burschen, an die nonbinären Jugendlichen.

Girardi-Hoog Wir vergeben als Stadt Wien die sogenannte »Kinder- und Jugendmillion«, und zwar für die besten Ideen von Kindern und Jugendlichen, um diese anschließend umzusetzen. Die Reife, die sich in den Gedanken sichtbar macht, ist wirklich beeindruckend. Und wissen Sie, was sich die Kids ganz oft wünschen? Tischtennistische!

Rippl Wieso gerade Tischtennistische?

Girardi-Hoog Weil sie billig sind, mobil und unkompliziert aufzustellen sind, und weil sie ein Symbol dafür sind: Dieser Ort gehört jetzt uns, da darf man uns nicht verjagen!

Rippl Ein schönes Symbol. Sehr clever. Für ein paar hundert Euro hat man es geschafft, den Kindern und Jugendlichen einen Raum zu geben.

Herr Rippl, 2016 haben Sie die Baugruppe »Die Hauswirtschaft« gegründet, 2022 war dann Spatenstich. Wurden in die Planung auch Kinder und Jugendliche miteinbezogen?

Rippl Hauptfokus des Projekts war die Kombination von Wohnen und Arbeiten unter einem Dach. Aber mit einem Anteil von 30 Prozent spielen die Kinder und Jugendlichen natürlich eine große Rolle. Und ja, ab 2019 wurden sie dann auch in den Planungsprozess einbezogen – und das war auch gut so! Denn selbstverständlich wollten wir Erwachsenen einen schönen, großen Kinderspielraum bauen, mit allem, was dazugehört, mit Spielgeräten, Kletterwand und allem Drum und Dran. Und dann kam die große Überraschung.

Nikolic Ich kann’s mir schon vorstellen! Die Kinder wollten was ganz anderes, oder?

Rippl Genau. Die Kinder wollten einfach nur einen leeren Raum zum Schreien und Herumlaufen. Und die Jugendlichen wollten gar keinen Raum, sie wollten nicht einmal im Haus sein, sondern einfach nur raus, weit weg von den Eltern und allen anderen.

Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert entstanden die ersten urbanen Kinderspielplätze – nicht mit Rutsche und Schaukel wie heute, sondern eher als eine Art Erdgarten und Gstätten.
Peter Rippl

Was lernen wir daraus?

Rippl Dass es wichtig ist, die Kinder und Jugendlichen miteinzubeziehen. Man darf deren Wünsche und Vorstellungen nicht außer Acht lassen.

Nikolic Zwischen 12 und 18 will man nicht in einem Raum sein, den die Erwachsenen durchgeplant haben. Das ist uncool.

Sind die Wünsche der Generation Z und Alpha andere als noch bei der Generation X und den Millennials?

Nikolic: Ja, und die Unterschiede sind enorm! Ich sehe, dass die Kinder und Jugendlichen heute viel mehr mit dem Handy und dem Tablet spielen und dass der reale Raum und Freiraum immer uninteressanter wird. Das führt à la longue zu einer Vereinsamung. Dem müssen wir entgegenwirken.

Wohin geht die Reise?

Nikolic Genau das ist die große Heraus­forderung. Wir müssen den Spagat zwischen analoger und digitaler Welt schaffen. Für die Bauträger und Architekt:innen bedeutet das: Back to the roots!

Girardi-Hoog Und Angebote machen, die nicht nur WLAN und Social Media heißen, sondern auch wieder Sandkiste, Schaukel und Beach-Volleyball.

Zum Abschluss: An welchem Ort würden Sie gerne noch einmal Kind sein?

Rippl Am Land. Irgendwo zwischen Bäumen, Bachbett und Baustelle. 

Nikolic Ich möchte als Kind gerne in einer richtig coolen, lässigen Baugruppe wohnen.

Girardi-Hoog Ich will irgendwo oben in den Bäumen sitzen, in einem Baumhaus, und auf die Welt herunterschauen.

Die Gesprächspartner:innen

Julia Girardi-Hoog (45) studierte Architektursoziologie und arbeitete zu Beginn als Forscherin an der TU Wien, an der Donau-Universität Krems sowie für die European Commission und die UNO. Seit 2013 ist sie bei der Stadt Wien tätig, seit 2024 als Gender-Planning-Beauftragte mit dem Ziel, die Stadt zu einem inklusiven, gendergerechten Ort für alle auszubauen.
smartcity.wien.gv.at

Peter Rippl (52) arbeitete zu Beginn im Bereich Architektur und Interior-Gestaltung und machte sich 2004 mit einer eigenen Shiatsu-Praxis selbstständig. 2016 gründete er die Baugruppe »Die Hauswirtschaft« – mit dem Ziel, Wohnen und Arbeiten unter einem Dach zu vereinen. 2023 wurde das Projekt in Zusammenarbeit mit einszueins architektur und dem Bauträger egw Heimstätte fertiggestellt.
diehauswirtschaft.at
shiatsupeter.at

Senka Nikolic (58) studierte Architektur an der TU Sarajevo und arbeitete in diversen Architekturbüros sowie beim Bauträger ÖVW. Seit 2012 ist sie Leiterin der Abteilung Projektentwicklung und Technik beim gemeinnützigen Bauträger Schwarzatal. Seit vielen Jahren macht sich die Schwarzatal vor allem für
Baugruppenprojekte im Miet- und Eigentumsbereich stark.
schwarzatal.at

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 1/2026

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Wojciech Czaja
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