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LIVING SALON Gespräch: »Badeluxus oder Körperhygiene?«

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Seit wann baden wir? Wie hat sich die Körperhygiene im Laufe der Jahrhunderte verändert? Und welche Rolle spielt das Badezimmer im heutigen Wohn­alltag? Darüber sprechen Architektin Bettina Krauk, Bauträgerin Cilli Wiltschko und Wohnhistoriker Jakob Lehne.

Die Gesprächspartner:innen

Die Bauträgerin
Cilli Wiltschko (51) studierte Architektur an der TU Wien und arbeitete zunächst in der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) sowie in der Sozialbau AG. Seit 2017 ist sie in der Wohnbauvereinigung für Privatangestellte (WBV-GPA) tätig – als Prokuristin und Abteilungsleiterin der Projektentwicklung sowie Geschäftsführerin der GPA ­Planungsgesellschaft m.b.H. Demnächst wird das Projekt »sophie 7« in Wien-Neubau über­geben. Für sie müssen Bäder praktisch, umbaufähig und günstig in der Errichtung sein. Privat ist sie Fan von Thermen und Hamams.
wbv-gpa.at

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Die Architektin
Bettina Krauk (54) studierte Architektur an der TU Wien, arbeitete zunächst im Architekturbüro Hackermüller ­Habenschuss und gründete mit ihrem ­Partner Michael Neumann 2001 das eigene Büro synn architekten, das u. a. auf geförderten und frei finanzierten Wohnbau ­spezialisiert ist. Das Projekt »Campo ­Breitenlee« wurde kürzlich mit dem ­Österreichischen Betonpreis ausgezeichnet. Außerdem ist sie Lehrbeauftragte an der TU Wien. Sie vermisst im Badezimmer ein bisschen Mut zu Farben und ungewöhnlichen Raumlösungen. Das Bad ist für sie ein Ort der Ruhe.
synn.at

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Der Alltagsforscher
Jakob Lehne (40) studierte European Studies am King’s College London und an der Humboldt Universität Berlin sowie Geschichte an der London School of Economics und am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Er war zunächst Kurator in der Sammlung des Josephinums, seit 2023 nun im Wien Museum. Sein Forschungsschwerpunkt u. a. ist Alltags- und Kulturgeschichte. Derzeit ist die von ihm kuratierte Ausstellung »Fleisch« zu sehen. Er blickt mit Faszination auf 5.000 Jahre Badekultur zurück – und wundert sich, dass wir heute vor allem über Normen und Effizienz sprechen.
wienmuseum.at

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Kurz oder lang? Kalt oder warm? Dusche oder Badewanne?

Cilli Wiltschko Duschen, kurz, warm.

Bettina Krauk Mal so, mal so, aber im Alltag eher eine kurze, warme, gemütliche Dusche in der Früh. Ich mag es, wenn das warme Wasser einen umspült wie so eine weiche Glocke.

Jakob Lehne Ich gebe zu: Ich liebe es ja, zu baden, aber im Sinne der Zeiteffizienz haben unsere beiden Kinder Vorrang bei der Bade­wanne. Sie pritscheln ewig lang, dann bleibt für die Eltern nur noch Zeit für eine kurze Dusche zwischendurch.

Und welche Rolle nimmt das Baderitual im Badezimmer generell ein?

Lehne Bei den Kindern eine große! Irgendwann werde auch ich wieder mehr Zeit im Bad haben.

Wiltschko 20 Minuten sind das Minimum für mein persönliches Beauty-Programm, dabei höre ich mir die Morgennachrichten an.

Krauk Me-Time! Im Bad will ich alleine sein, ein bisschen Ruhe haben, nichts teilen müssen wollen.

Ich würde mit Ihnen gerne eine Zeitreise unternehmen: Seit wann baden wir? Wie weit reicht die Geschichte des privaten und des öffentlichen Badens zurück?

Lehne Das ist schwierig zu sagen, weil archäologische Funde nicht gleichmäßig verteilt sind. Die ältesten Ausgrabungen, die es dazu gibt, stammen aus Indien und sind rund 5.000 Jahre alt. Auch in Griechenland gibt es sehr alte ­Funde, die auf eine Badekultur schließen lassen. Doch die beste Datenlage dazu hat man natürlich im antiken Rom. Hier gibt es Pläne, Zeichnungen, Ausgrabungen, intakte Bauten und Fundamente und natürlich jede Menge Literatur, anhand derer man die Badekultur der Römer sehr genau rekonstruieren kann.

Wiltschko Und das Faszinierende ist ja, dass die Thermalbäder in Rom nicht nur den Aristokrat:innen vorbehalten waren. Das waren Bäder für alle! So gesehen ist das Bad eine Art demokratisches Instrument.

Und dann war lange nix.

Krauk Das stimmt. Mit dem Untergang des Römischen Reichs geht auch eine sehr reiche, elaborierte Badekultur unter. Vom Mittelalter ist wenig überliefert. Latrinenanlagen, Holzbottiche mit heißem Wasser, wo einer nach dem anderen reingestiegen ist, um sich zu waschen, ziemlich primitive Plumpsklos, wo alles der Schwerkraft folgend auf die Straße oder in den Burggraben hinuntergefallen ist. Ich denke, das Mittelalter war auch hygienisch eine dunkle Zeit.

Lehne Das Baden im Mittelalter war ausheutiger Sicht wirklich schlimm. In den wenigen Gemeinschaftsbädern, die es gab, wurden während des Badens auch kleinere chirurgische Hautoperationen vorgenommen. Viele haben sich dabei mit Keimen und Krankheiten angesteckt. In gewisser Weise hat man in den Jahrhunderten danach – weil die Weitergabe von Krankheiten im kollektiven Gedächtnis gespeichert war – eine gewisse Distanz zum Wasser entwickelt.

Wiltschko Und die hat sich lange gehalten! Im Barock, liest man immer wieder, sollen die Menschen ziemlich gestunken haben. Wasser wurde verpönt, selbst am französischen Hof war der Adel eigentlich recht schmutzig und hat sich vorzugsweise mit starken Düften einparfümiert.

Wie war die Situation in Österreich?

Krauk Auch nicht anders! Kaiser Franz Joseph I. hat Waschbecken und Badewannen abgelehnt, weil er nicht daran geglaubt hat, dass sich das fließende Wasser durchsetzen würde. Er ließ sich von seiner Dienerschaft
lieber umständlich verwöhnen.

Lehne Und damit hinkte Wien den inter­nationalen Entwicklungen tatsächlich lange Zeit hinterher. Während sich die Bautechnik in Städten wie Berlin, London, Paris ab 1850 schon rasant entwickelte, gab es in Wien bis zum Bau der Wiener Hochquellenleitung eine Art Stillstand. Und auch dann hat das fließende Wasser nur dort Einzug gehalten, wo es sich die Reichsten in der Stadt leisten konnten.

Krauk Das sieht man auch daran, dass man in den klassischen Gründerzeithäusern mit Zimmer-Küche-Kabinett das Wasser noch
an der Bassena am Gang holen musste. ­Wasserversorgung war ein kostbares Gut.
Lehne Von Adolf Loos und Otto Wagner, die über internationale Entwicklung gut informiert waren, gibt es ein paar tolle Aussagen dazu, dass sie sich nicht vorstellen können, in Wien ohne Wasser und ohne Badewanne zu leben!

Wo hat man stattdessen gebadet?

Wiltschko Im Alltag in der Wohnung, mit irgendwelchen Waschtischen, Schüsseln und Waschlappen, und alle paar Tage hat man es sich gegönnt, ins Tröpferlbad zu gehen, um sich dort gründlich zu waschen.

Ist das auch der Grund, warum es in Wien im Gegensatz zu anderen mitteleuropäischen Städten immer noch Tröpferlbäder gibt?

Wiltschko Ja, ein paar wenige, zum Teil wunderschöne sanierte Tröpferlbäder gibt es noch. Immerhin gibt es in Wien auch noch knapp 10.000 Substandardwohnungen!

Krauk Ich war schon ein paarmal im Tröpferlbad, ganz einfach aus Interesse an der Architektur und der schon sehr speziellen Architekturtypologie. Das ist Klientel und eine Stimmung, die es in Wien in dieser Form nur noch selten gibt.

Und wie ist das außerhalb von Europa?

Wiltschko Ich bin eine begeisterte Hamam-Geherin. Auf einer Exkursion durch die Türkei war ich fast jeden Tag im Hamam. Ich finde die Badekultur des Einschäumens, Abrubbelns und Massierens im geschützten Kreis der Geschlechtertrennung wirklich sehr schön.

Lehne Die Hamams gibt es in großen Teilen des arabischen Raums, bis hin zu Georgien und Aserbaidschan. Faszinierend finde ich auch die Onsen-Bäder in Japan, die es in ihrer heutigen Form seit dem 16. Jahrhundert gibt. Das sind tolle Genussbadeanstalten, in denen man alleine, zu zweit oder in kleinen Gruppen in heißen Thermalbecken sitzt – mal in einem gefliesten Becken, mal in einer Holzwanne, mal in einem Steinbecken mitten im Wald.

Krauk Und dann erst die Architektur dieser Badeanstalten! Als Architektin kann man sich da kaum sattsehen. So viel Schönheit!

Fehlt Ihnen diese Badekultur in Österreich?

Lehne Das ist schwer zu sagen, denn so etwas muss immer im gesamtgesellschaftlichen ­Kontext gesehen werden.

Wiltschko Immerhin gibt es bei uns die Thermen, in denen man ein kleines Genusswochenende verbringen kann. Das gibt es anderswo wiederum nicht.

Lehne Die Badekulturen weltweit sind ein Kommen und Gehen, und manchmal sind in unterschiedlichen Kulturkreisen gleichzeitig ganz unterschiedliche Entwicklungen zu ­beobachten.

Ich würde jetzt gerne den öffentlichen Raum verlassen. Seit wann gibt es in der breiten Bevölkerung das eigene Bad innerhalb der Wohnung?

Krauk Im gründerzeitlichen Wien tauchen die ersten Bäder in großbürgerlichen Wohnungen auf. Sehr schön, sehr nobel, sehr großzügig mit frei stehenden Badewannen ausgestattet. Für die breite Masse beginnt das Baden in der Wohnung aber erst mit den ersten Gemeindewohnungen im Roten Wien. Oft sind die Bäder noch sehr klein, manchmal nur eine Art Badenische, die man von der Küche aus betritt, und oft gibt es nicht einmal ein Waschbecken, wie man das heute kennt. Der Wasseranschluss in der Küche war Abwasch und Waschbecken zugleich.

Wiltschko Eigentlich sehr praktisch im ­Sinne der Effizienz und Ökonomie. Wenn man auf die Bäder im Roten Wien schaut, waren die wirklich noch sehr winzig. Meist kleine Badezimmerchen mit einer kleinen Sitzbadewanne. Nicht luxuriös, aber immerhin!

Das heißt, die Verbindung von Küche und Bad war eine Art Gesetzmäßigkeit?

Krauk Ja, wegen der Schächte, Steigleitungen und Wasseranschlüsse.

Lehne Neben der Küchennähe gibt es ja noch eine zweite Raumaffinität, nämlich die von Badezimmer und Schlafzimmer. Seit wann ist das so?

Krauk Wenn es der Grundriss zulässt, dann bemüht man sich, dass das Badezimmer in die Nähe der Schlafzimmer gelegt wird. Das ist aber nicht immer möglich.

Oft sieht man ja auch, dass man das Bade­zimmer direkt vom Schlafzimmer aus betritt.

Wiltschko Das ist eine Entwicklung, die in Nordamerika begonnen hat und dort als Master-Bathroom oder En-Suite-Bad gang und gäbe ist. Das funktioniert aber nur bei großen Grundrissen mit meist mehreren Bädern pro Wohnung. Im sozialen Wohnbau rate ich davon ab. Wir bezeichnen das als »gefangenes Bad«, weil der Zugang nur durch ein Zimmer möglich ist.

Die WBV-GPA vermeidet das in ihren Projekten?

Wiltschko Nach Möglichkeit ja. Und bei fast allen unserer Projekte wird man Bad und Klo getrennt vorfinden. Das ist viel praktischer.

Krauk Das verstehe ich gut. Gleichzeitig aber sind die Bad-Klo-Kombinationen mit den vielen Anforderungen aus den Normen
architektonisch sehr schwierig, weil sie kaum schöne, kreative Raumlösungen zulassen.

Wiltschko Aber sie sind praktisch. Im Bedarfsfall haue ich eine Wand raus – und schon habe ich ein großes, barrierefreies Bad mit einem Rollstuhlwendekreis. Als gemeinnütziger Bauträger dürfen wir eben nicht nur in Schönheit denken, sondern müssen auch in Funktionalität und Flexibilität denken.

Die Wohnungen werden immer kleiner, die Grundrisse immer kompakter. Wie viel Schönheit ist in einem drei Quadratmeter großen Bad überhaupt noch möglich?

Krauk Ja, das ist ein heikler Punkt. Viel
Spielraum bleibt nicht mehr. Manchmal sind wir gezwungen, sehr, sehr kleine Bäder zu
planen. Die Smart-Wohnungen lassen leider nur wenig architektonischen Spielraum.

Wiltschko Ich bemühe mich immer, dass es auch im kleinsten Bad zumindest Platz für ein Handtuchregal und einen Allibert gibt. So viel Komfort muss sein.

Lehne Ich liebe Allibert! Ein schönes Stück Kulturgeschichte!

Herr Lehne, vorhin haben wir über Onsen, Hamam und Thermalbäder gesprochen, jetzt dreht sich die Diskussion rund um Allibert, Wendekreis und Effizienz. Wie geht es Ihnen damit?

Lehne Interessante Entwicklung! Das zeigt, welche Prioritäten in der Wohnungswirtschaft heute offenbar vorherrschen. Dass wir uns heute vermehrt dem Praktischen und Effi­zienten zugehörig fühlen, ist kein Einzelfall,
sondern ist der Zeit, der Gesellschaft und vor allem auch der wirtschaftlichen Situation geschuldet. Sobald es uns besser geht, werden wir vielleicht auch wieder über Genuss und Hedonismus sprechen.

Was dominiert in Österreich: Dusche oder Badewanne?

Wiltschko Als Gemeinnützige bauen wir fast nur Badewannen ein, denn unsere Wohnungen richten sich oft an junge Leute und Jungfamilien. Wer Kinder hat, der weiß, wie wichtig eine Badewanne ist. Herr Lehne, Ihre beiden Kinder okkupieren die Badewanne!

Krauk Wir planen für ganz unterschiedliche Bauträger und Investor:innen, und im frei finanzierten Wohnbau schaut es wieder ganz anders aus. Da dominiert ohne jeden Zweifel die Dusche. Eine Dusche ist sparsam – und sie passt perfekt in dieses junge, urbane, moderne Gesellschaftsbild.

Und warum sind alle Bäder heute groß verfliest, meist grau im geförderten Wohnbau und mit Naturstein-Look im Eigentum?

Krauk Ha! Gut erkannt! Ja, wirklich! Das sind Moden und Trends, die kommen und ge­hen wie alles im Leben. Ich vermisse oft ein bisschen Mut. Leider haben wir als Architekt:innen nicht immer die Entscheidungshoheit.

Wiltschko Unsere Aufgabe ist es, ein Bad zu bauen, das möglichst allen Leuten ganz gut gefällt. Und natürlich müssen wir dabei auf die Kosten schauen, da das Bad im Wohnbau einer der teuersten Bereiche überhaupt ist.

Lehne Eine Konstante gibt es allerdings: Badezimmerkeramik ist immer weiß.

Krauk Mit Ausnahme der Siebzigerjahre! Da gab’s auch Pink und Blau und Evergreen!

Zum Abschluss möchte ich mit Ihnen gerne einen Blick in die Zukunft werfen: Wohin geht die Reise?

Lehne Meiner Meinung nach eignet sich das Bad dazu, im Sinne des Smart Homes relevante Daten über Fitness, Gesundheit und Hautzustand aufzunehmen und an uns zurückzuspielen. Ich persönlich finde dieses Szenario recht dystopisch, aber es hat eine gewisse Logik.

Krauk Bitte nicht! Ganz im Gegenteil! Ich wünsche mir, dass ich im Bad ohne Menschen und ohne irgendwelche Technologien Ruhe haben kann. Das Bad muss eine private Oase bleiben.

Wiltschko Wenn es in Asien schon hoch­intelligente Toiletten gibt, die mich waschen,
föhnen und verwöhnen, dann wünsche ich mir eine g’scheite Pflegedusche. Im Zeitalter einer alternden und pflegebedürftigen Gesellschaft wäre das doch eine sinnvolle Erfindung.

Erschienen in
Falstaff LIVING Nr. 8/2025

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Wojciech Czaja
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