LIVING SALON Gespräch: »Wie betten wir uns richtig?«
Ein Drittel unseres Lebens verbringen wir im Bett. Und doch schenken wir diesem Möbel und der darin ausgeübten Tätigkeit des Schlafens im Alltag viel zu wenig Aufmerksamkeit. Das müssen wir ändern – finden zumindest Interior-Designerin Stefanie Kühnberg, der Vorarlberger Bettenbauer Andreas Mohr und die Wiener Kabarettistin Eva D., die am liebsten im Liegen arbeitet.
Die Gesprächspartner:innen
Der ökologische Produzent
Andreas Mohr (50) studierte Architektur in Wien und Innsbruck und machte eine Ausbildung zum Polsterer und Raumausstatter in Andelsbuch. 2000 gründete er gemeinsam mit seinem Bruder Richard die Bettenmanufaktur Moor & Moor mit Sitz im Bregenzerwald. Der Schwerpunkt liegt im Verkauf von Kleinserien sowie in
der manuellen Einzelanfertigung aus nachhaltigen Materialien.
moormoor.com
Die liegende Expertin
Eva Damyanovic (54), auch bekannt als Eva D., studierte Theaterwissenschaften und Germanistik in Wien und Berlin. Sie ist als Schauspielerin und Kabarettistin tätig, u. a. auf der Tschauner Bühne in Wien-Ottakring. Im Frühjahr 2024 erschien ihr Debütroman »Mein Zahnarzt sagt Mädchen zu mir«. Zudem leitet sie das Talk-Format »Eva D.s Wohnzimmer« im Wiener Metropol.
eva-d.at
Die sinnliche Designerin
Stefanie Kühnberg (46) absolvierte eine Ausbildung zur Interior-Designerin und gründete 2019 mit ihrer Partnerin Susanne Liebscher das Studio Lieb & Kühn mit Fokus auf nachhaltige Interior-Gestaltung im Wohn- und Objektbereich – zum Beispiel Wohnungen, Büros, Tanzstudios, Arzt-praxen, die droegerie in der SCS oder das Pop-up-Hotel »West Living« im ehemaligen Sophienspital.
liebundkuehn.at
LIVING Rücken, Seite, Bauch?
Stefanie Kühnberg Seite und Rücken. Selten, glaube ich, auch am Bauch.
Eva Damyanovic Früher Bauch, heute Rücken.
Andreas Mohr Immer Seitenlage. Der beste Schlaf für mich!
Worauf legen Sie persönlich beim Schlafen denn besonders Wert?
Damyanovic Leise, mittelharte Matratze, weicher Kuschelpolster, und der Raum muss gut durchlüftet sein.
Mohr Wenn es ganz still ist, dann krepiere ich. Ich mag leise Hintergrundgeräusche und ein bisschen Licht.
Kühnberg Ich brauche eine härtere Matratze, und wenn in der Früh die Vögel zu zwitschern anfangen, bei aller Liebe zu Tieren, macht mich das wahnsinnig.
Mohr Ach ja, und ein Glas Wasser neben dem Bett!
Zu Beginn möchte ich mit Ihnen gerne einen Blick auf die Kulturgeschichte des Schlafens werfen. Wie haben wir früher geschlafen? Und seit wann gibt es eine historische Aufzeichnung dazu?
Mohr Das ist sehr stark regional abhängig und hat damit zu tun, welche Materialien verfügbar waren. Nomaden haben vor allem auf hand-geknüpften Teppichen am Boden geschlafen.
Im Bregenzerwald wiederum haben die Leute zu Beginn auf weichem Buchenlaub – auf so-genannten Laubern – geschlafen.
Damyanovic Aber es war auch nicht immer das Liegen! Wenn man heute alte Burgen und Schlösser besichtigt, fällt auf, dass Betten früher viele kleiner und viel kürzer waren. Oft haben die Menschen im Sitzen geschlafen.
Kühnberg Ja, und zwar vor allem die Frauen! Wegen der aufwendigen Frisuren, die im Schlaf nicht zu Schaden kommen durften.
Damyanovic Wie unfair, oder?
Gab es zum Schlafen eigene Räume? Oder hat man es sich rund um die Feuerstelle bequem gemacht?
Kühnberg Es gab nicht immer eigene Räume. Also hat man sich dort gebettet, wo es warm und kuschelig war. Entweder bei der Feuerstelle oder aber bei den Tieren im Stall, meist auf eigens eingezogenen Doppelböden über den Tieren, in einer Art Hochbett.
Damyanovic Meine Schwester und ich haben früher in einem Stockbett geschlafen. Ich war unten, schön kühl, meine Körper-wärme ist aufgestiegen, und meine Schwester hatte ihre ganz persönliche Heizung. Das System hat sich bewährt.
Seit wann gibt es denn Betten?
Mohr Seit Hunderten von Jahren! Wobei die Betten früher auch höher und etwas kasten-artiger ausgeführt waren – mit viel Fläche zum Schnitzen, damit man spirituelle Symboliken unterbringen konnte, die einen im Schlaf beschützt haben.
Kühnberg Aber das Bett ist keine Pauschallösung. In vielen Kulturen, ob das nun bei den Berbern oder Nomaden ist, gibt es bis heute keine Betten. Und in Japan schläft man auf Futons und Tatami-Matten, was vor allem mit dem knappen Platz und einem ganz anderen Verständnis von Raum und Nutzungszuschreibung zu tun hat. Das ist ein stark kulturelles Thema.
Damyanovic Aber auch ein soziales Thema, oder? Ich kann mir vorstellen, dass sich nicht jeder ein Bett leisten konnte.
Kühnberg Louis XIV., der sogenannte Sonnenkönig, war so bettenbesessen, dass er in Versailles bis zu 400 Betten hatte. Aus der Geschichte ist überliefert, dass er seine Kardinäle, Minister und Sekretäre stets in seinen Betten empfangen hat.
Damyanovic 400 Betten! Das würde mir gefallen!
Und seit wann gibt es Matratzen?
Mohr Matratzen aus Rosshaar und Schurwolle gibt es schon lange. Federkernmatratzen, wie wir sie heute kennen, gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts, was vor allem mit der Eisenproduktion und der industriellen Revolution zu tun hat.
Kühnberg Gibt es in anderen Kulturkreisen eigentlich auch Matratzen, die ganz anders beschaffen sind, als wir das in Mitteleuropa
kennen?
Mohr Manche Matratzen werden auch mit Teppichen oder mit gefüllten Säcken hergestellt. Das Spektrum ist riesig. Aber man darf dasThema ehrlich gesagt auch nicht überbewerten. Ich sage immer: Der Mensch kommt ohne Matratze auf die Welt.
Damyanovic Das sagen Sie als Bettenspezialist?
Mohr Ja! Viel wichtiger als die Matratze ist eigentlich der räumliche und seelische Kontext. Wenn es mit gut geht und ich ausgeglichen bin, kann ich auf der schlechtesten Matratze den besten Schlaf der Welt haben.
Kühnberg Das kann ich nur bestätigen. Ich mache mit meiner Familie regelmäßig Camping-Urlaub, und dann schlafen wir in einem Trailer mit wenig Raumhöhe, schlechter Luftqualität und auf zehn Zentimeter dicken Schaumstoffmatratzen. Und am Morgen wache ich glücklich und ausgeschlafen auf!
Das Glücklich-Aufwachen ist nicht unbedingt österreichischer Standard, oder?
Kühnberg Nein, leider gar nicht. Zumindest nicht im Alltag.
Damyanovic Ich habe auch das Gefühl, dass guter Schlaf in Österreich keinen wirklich hohen Stellenwert genießt. Schlaf gilt als verlorene Zeit: Wer mit weniger Schlaf auskommt, der gilt in der Dienstleistungsgesellschaft als produktiv und effizient. Eine furchtbare Einstellung! Die Folge ist, dass viele Menschen an Schlafstörungen leiden. Wer selber schon mal darunter gelitten hat, der weiß, dass Schlaf-probleme wirklich eine Beeinträchtigung von Lebensqualität sind.
Schlafen und Nicht-Schlafen wird in der Oper, im Theater und in der Literatur rege thematisiert. Und sogar im Film kommt der Schlaf immer wieder vor: »Schlaf«, »Schlaflos«, »Schlaflos in Seattle«, und 1963 hat Andy Warhol einen sechsstündigen Stummfilm gedreht, der den US-amerikanischen Performance-Künstler John Giorno im Schlaf zeigt. Woher kommt diese Faszination?
Damyanovic Ich denke, dass viele Handlungen des täglichen Lebens gerne in den Künsten dargestellt werden. Und zu den aufregendsten, weil auch intimsten und persönlichsten Themen zählen das Essen und Schlafen. Zu beiden Handlungsfeldern gibt es sehr, sehr viele künstlerische Annäherungen. Ich persönlich finde Liegen und Schlafen sehr faszinierend: Man zeigt sich verletzlich, verwundbar, eingeschränkt in seinem körperlichen Handlungs-radius. Das berührt einen.
Kühnberg Und es ist nicht nur ein Thema in der Kunst, sondern auch im Reich der Kinder!
Damyanovic Stimmt! Frau Holle, die Prinzessin auf der Erbse und natürlich – das Schlafmärchen par excellence – Dornröschen, wo eine Prinzessin nach 100 Jahren Schlaf durch einen Kuss geweckt wird. Ist das nicht schön?
Mohr Und nicht vergessen Talking Heads mit »I can’t sleep ’cause my bed’s on fire« oder etwa John Lennon und Yoko Ono, die 1969 im Bett ein Interview gegeben haben.
Wäre das etwas für Sie? Sie arbeiten ja gerne im Liegen, wie Sie in einem Interview mal verraten haben.
Damyanovic Und wie! Ein Interview im Bett. So wie Louis XIV., John Lennon und Yoko Ono, einfach großartige Leute. Die wussten, wie man’s macht. Ja, ich arbeite sehr gerne im Liegen, vor allem in der Früh, nach dem Aufwachen und Aufstehen, mit einer Tasse Morgenkaffee, im Pyjama, mit Notizbuch in der Hand, am liebsten am Bauch liegend, nachdenkend, brainstormend.
Herr Mohr, ist das gesund und ergonomisch?
Mohr Ich kenne Leute, die können ohne Fernseher im Schlafzimmer oder Notizbuch neben dem Bett nicht einschlafen. Das würde mir schon eher Sorgen machen. Aber mit dem Notizbuch am Morgen, im Bett lümmelnd, über den Tag sinnierend – also mir gefällt das gut!
Damyanovic Ist ja auch nicht ewig, aber ein Stündchen oder so, der genau richtige Start in den Tag. Und um 13 Uhr das Ganze dann nochmal.
Wie meinen Sie das?
Damyanovic Ich mache jeden Tag, wenn es sich einrichten lässt, Powernaps, meist ein halbes Stündchen, von 13 bis 13.30 Uhr. Ein Nickerchen auf dem Sofa. Handy aus, da darf mich dann niemand stören. Um 13 Uhr bin ich tot, um 13.30 Uhr erwache ich zu neuem Leben.
Mohr Ich finde diese Runde einfach groß-artig. Endlich Leute, die sich zum Mittagsschlaf bekennen! Manchmal muss ich mich zu Mittag – egal, wo ich grad bin – für eine Viertelstunde auf die Bank legen und kurz wegpennen.
Kühnberg Ich auch! In Südeuropa, Südamerika und Ostasien wie etwa Japan und Südkorea sind Powernappings gesellschaftlich anerkannter Standard. Oft ist die Siesta allein schon aus klimatischen Gründen eine Notwendigkeit.
Frau Kühnberg, worauf ist bei der Gestaltung eines Schlafzimmers besonders zu achten?
Kühnberg Es gibt viele Faktoren, und das Schlafzimmer zählt zu jenen Bereichen der Wohnung, in denen man am meisten falsch machen kann. Das beginnt bei der Matratze und beim Standort des Betts, geht über Farbe, Licht, Akustik, Materialien und reicht bis zu biologischen und chemischen Emissionen von Baustoffen. Doch das größte Problem ist, dass das Schlafzimmer oft sehr voll möbliert ist und viel zu viele Funktionen erfüllen muss. Das ist leider eine Reizüberflutung.
Was stattdessen?
Kühnberg Je leerer der Raum, je weniger Reize im Ruhemodus auf uns einwirken, desto besser. Leider ist das mit der Raum- und Wohnungsgröße und den hohen Wohnkosten, die uns zu meist kleineren Grundrissen zwingen als uns lieb wäre, nicht immer in Einklang zu bringen.
Was kann man tun, wenn der Platz knapp ist?
Kühnberg Weiß, helle Farben, ruhige Materialien, Verzicht auf Medien und Elektronik, und natürlich eine gute Lichtplanung – mit warmen Lichtquellen, die uns erden und beruhigen. Es geht! Man darf nur nicht zu viel wollen.
Damyanovic Und beim Licht kann man echt viel falsch machen. Mir reicht’s schon, wenn ich in einem Hotelzimmer bin, in dem es viel zu kaltes und viel zu grelles Licht gibt, mit einem Dutzend smarter Schalter, die mich komplett überfordern.
Mit Ihrer Bettenmanufaktur Moor & Moor im Bregenzerwald haben Sie sich vor allem auf Betten und Matratzen spezialisiert. Woher kommt die Faszination für dieses Möbelstück?
Mohr Ich komme aus einer sehr möbelaffinen Familie, mit Tischlern und Tapezierern seit Generationen. Meine eigene Faszination hat während meines Architekturstudiums begonnen – und zwar aus der Not heraus, dass meine Studienkolleg:innen alle kein Geld hatten, aber trotzdem dringend ein Bett gebraucht haben. Und so haben mein Bruder und ich 2000 Moor & Moor gegründet. Unser erstes Produkt war ein Europaletten-Bett – kompakt, modular, leicht zu transportieren von einer Studenten-WG in die nächste.
Heute ist die Palette weitaus größer und umfasst vor allem ökologische, nachhaltig produzierte Holzbetten.
Mohr Meistens ohne Lack und ohne jeden Farbanstrich. Wir haben uns darauf spezialisiert, lokale Bäume wie zum Beispiel die Weißtanne zu verwenden und diese möglichst roh und sägerau zu zeigen. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel: Wir haben auch schon Betten gebaut, die mit weißem Klavierlack oder mit Blattsilber überzogen waren.
Kühnberg Unser teuerstes Bett, das wir auf Kundenwunsch gebaut haben, war aus massivem Zirbenholz. Was für ein toller Geruch!
Was ist das Wichtigste bei einer Matratze?
Mohr Das Allerwichtigste ist das Deck-material, das unbedingt natürlich und atmungsaktiv sein muss. Ich bin ein großer Verfechter von Schurwolle. Der Aufbau darunter ist Geschmackssache. Nur so viel: Alles, was dicker ist als 20 Zentimeter, macht eigentlich keinen Sinn.
Damyanovic Also keine Boxspring-Betten?
Mohr Boxspring-Betten sind vor allem gutes Marketing.
Manche Ihrer Produkte im Sortiment heißen etwa »Chill Out« und »Front Door Fuck«. Verkauft sich das besser?
Mohr Natürlich. Sex sells. Wie immer im Leben.
Damyanovic Also ich würde Ihnen sofort ein Bett abkaufen!
Ein Ausblick in die Zukunft: Wie werden wir in Zukunft schlafen?
Kühnberg Die Siesta wird salonfähig, auch in Österreich!
Mohr Ich sehe einen deutlichen Trend: getrennte Betten, getrennte Schlafzimmer.
Damyanovic Ich kann mir gut vorstellen, dass im Sinne der Work-Life-Balance das Schlafen gesellschaftlich wichtiger wird.
Von welchem Bett, von welchem Schlafzimmer träumen Sie persönlich?
Kühnberg Ungestörter Schlaf, Blick in die Sterne –, und jeden Morgen fit und ausgeschlafen.
Mohr Ich träume von einem Schlafzimmer auf der Alm, weit weg von der Stadt, fernab von Straßen, Autos und Menschen.
Damyanovic Ich träume von einer Art Traum-Wurlitzer, wo ich mir vor dem Einschlafen den Traum aussuchen kann und nur noch den entsprechenden Knopf drücken muss.