LIVING SALON Gespräch: »Wie finde ich das richtige Interieur für mich?«
Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern fristet Innenarchitektur in Österreich leider nur ein Schattendasein. Schade eigentlich, denn die schönen und wirtschaftlichen Potenziale einer hochwertigen Interior-Gestaltung sind enorm. Ein Round Table mit Architekt Felix Kämpfel, Immobilienentwickler Clemens Rauhs und Interior-Gestalter Michael Niederer.
Die Gesprächspartner:innen
Der Bauträger
Clemens Rauhs (50) studierte Jus mit Schwerpunkt Verfassungsrecht und absolvierte eine Ausbildung zum Bauträger und Immobilienmakler. Er arbeitete zunächst für Roland Berger Strategy Consultants und gründete 2003 mit seiner Frau Katharina Rauhs das Büro Liv – mit Schwerpunkt auf Immobilienentwicklung und Vermarktung von Wohnungen (Liv, Liv Lux) und Gewerbeflächen (Liv Worx) im geho-benen Segment.
© Stefan Gergely
Der Interior-Designer
Michael Niederer (43) absolvierte die Tourismus-Schule in Innsbruck und arbeitete mehrere Jahre in der Hotellerie. 2015 gründete er mit seinem Partner Andreas Wessely St. Corona Interiors, das er heute als Head of Design führt. Das Büro ist spezialisiert auf Wohnen, Arbeiten und den Objektbereich. Zudem betreiben die beiden die »Villa Antoinette« am Semmering und das »Hotel Fernblick« in St. Corona am Wechsel.
stcorona-interiors.at, fernblick.at, villa-antoinette.at
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Der Architekt
Felix Kämpfel (38) absolvierte eine Tischlerlehre in Salzburg und studierte Architektur an der TU Wien. Nach ersten Praxisjahren in der Einrichtungsplanung sowie in diversen Architekturbüros – u. a. AllesWirdGut und Bolldorf2 Architekten – gründete er 2024 mit seiner Partnerin Laura Nasim Enshaie das Büro Bussi Architekten – mit Fokus auf Architektur, Interior Design und Corporate Identity.
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LIVING In drei Adjektiven: Wie würden Sie Ihren persönlichen Wohnstil in Worte fassen?
Clemens Rauhs Maßstäblich, eklektizistisch, ruhig.
Michael Niederer Traditionell, lebendig, provokant.
Felix Kämpfel Klassisch, liebevoll und frech.
Wie genau schaut das dann aus?
Rauhs Ein gemütlicher Ort mit Kunst,
Vintage-Möbeln und alten Weckern aus den Sechzigerjahren.
Niederer Voll mit Antiquitäten! Aber immer auch mit Brüchen und Überraschungen.
Kämpfel Die eigene Wohnung ist für mich ein Spiegelbild des eigenen Ichs – ein Ort, an dem man ganz man selbst sein kann und der das eigene Leben und die Sehnsüchte verkörpert. Gleichzeitig tut man sich als Architekt wahnsinnig schwer damit, die eigene Wohnung zu planen und einzurichten, weil es einfach unendlich viele schöne Möglichkeiten gibt.
Möbliert und eingerichtet haben sich die Menschen immer schon. Doch seit wann gibt es Interior-Gestaltung auch als professionelle Dienstleistung?
Kämpfel Schönheit und Gestaltung gab es schon immer. Eigentlich seit der Mensch Schutz gesucht und sich in Höhlen und Hütten eingerichtet hat. Ich denke, das hat sich in Zehntausenden Jahren immer mehr verfeinert. Interior-Gestaltung als Dienstleistung aber ist ein recht spätes Phänomen, das erst mit dem Bauhaus und der Moderne aufkommt.
Rauhs Ich bin ganz bei Ihnen: Schönheit und bewusstes Gestalten ist ein uraltes Phänomen, da fallen sogar eine Tonvase oder frühe Höhlenmalereien darunter. Ich würde die Dienstleistung aber noch viel, viel früher verorten. Ich kann mir vorstellen, dass es das schon in der Antike gegeben hat. Im Barock wird Interior-Gestaltung auf jeden Fall salonreif – mit den Königshäusern und dem Kirchenadel.
Kämpfel Aber noch lange nicht leistbar für die breite Masse! Die Moderne und die Mid-Century-Bewegung haben die Interior-Gestaltung überhaupt erst demokratisiert. Der größte und wichtigste Motor in Sachen Demokratisierung des Wohnens und Leistbarkeit von Wohnen und Geschmack war sicherlich Ikea und dessen internationaler Siegeszug in den 1970er- und 1980er-Jahren.
Drei Herren, drei Geschmäcker
Wie findet man seinen eigenen Wohnstil? Alles andere als eine leichte Aufgabe! Die richtige Beratung kann dabei helfen, finden Clemens Rauhs, CEO von Liv Bauträger (l.), Michael Niederer, Head of Design bei St. Corona Interiors, und Felix Kämpfel, Partner bei Bussi Architekten.
© Stefan GergelyIkea hat das Wohnen grundlegend verändert: Aus dem Möbel als wertvollem Mehrgenerationen-Gut wurde auf einmal ein schnell verfügbares Konsumgut. Ist das gut, ist das schlecht?
Niederer Über viele Jahrhunderte waren Möbelstücke Luxusgüter, die man vererbt oder verschenkt hat – ob das nun Bett, Tisch, Stühle, Wäschetruhe oder Hochzeitsschrank waren. Mit Thonet um die Jahrhundertwende 1900 hat sich das erstmals geändert: Der berühmte Bugholzstuhl Nr. 14 ging in die Massenproduktion ein. Aber mit Ikea verändert sich alles. Das Möbel wird zum Konsum- und Wegwerfprodukt. Finde ich das schlecht? In gewisser Weise macht es mich traurig, weil ein Teil von Möbelkultur und Tradition verloren geht. In anderer Hinsicht macht es mich zufrieden, weil nun mehr Menschen Zugang zu einem schönen Wohnen haben.
Wo stehen wir heute? Und wie gestaltet sich Ihr Job in Anbetracht von Online-Handel, Online-Möbelkonfiguration und zunehmender KI-Planung auf Knopfdruck?
Kämpfel Der Online-Handel hat hier noch mal ein unglaublich großes Tempo und eine große Auswahl hineingebracht. Es reicht ein Klick, und man konfiguriert sich sein modulares Sofa ganz individuell zusammen, ein paar Tage später steht es schon vor der Wohnungstür. Aber genau da braucht es eben eine gute Planung!
Niederer Dem kann ich mich nur anschließen. Wir haben das Glück, dass unsere Kund:innen sich mit diesen Selbstbedienungs-Tools gar nicht erst aufhalten wollen, sondern darauf vertrauen, dass ein professionelles Büro so etwas viel besser, effizienter und geschmackvoller macht.
Wie ist das bei Ihnen, Herr Rauhs? Inwiefern beeinflussen Globalisierung und Digitalisierung Ihren Job als Immobilienentwickler?
Rauhs Wir selbst bei Liv bieten zwar keine Interior-Planung an, aber verweisen bei Bedarf gerne auf Kooperationspartner:innen. Dennoch haben wir im Team auch Interior-Planer:innen, die sich in die Grundriss-Gestaltung einbringen und die unsere Wohnungen auf Herz und Nieren prüfen, also untersuchen, wie gut und effizient sich die Räume mit
Standardmöbeln und auch ausgefalleneren Möbelstücken einrichten lassen. Das heißt, dass wir immer auch am Ball bleiben müssen, was Trends und Entwicklungen betrifft, denn mit neuen Möbeln, neuen Erscheinungen am Markt und auch neuen Möbelmaßen ändern sich natürlich auch die Einrichtungstendenzen der Klientel.
Ist das so eklatant?
Rauhs Es ist spürbar, durchaus! Aktuell würde ich sagen, manifestiert sich wie auch in der Mode ein gewisser Mix aus Luxus, Vintage und Diskonter – also aus meist großen, ausladenden Möbelstücken mit ein paar kleinen, mobilen Accessoires. Aber eines ist unverändert: Egal, wie klein eine Wohnung auch sein mag, braucht es zumindest ein oder zwei große Wandflächen, um auch großformatige Kunstwerke unterzubringen.
Niederer Weil Sie den Luxus ansprechen: Die Bereitschaft dazu ist grundsätzlich noch da – vor allem in der gehobenen Kundschaft, für die wir hauptsächlich tätig sind. Aber die Preise haben sich in den letzten Jahren massiv verändert. Hochwertiges Handwerk sowie Möbel und Stoffe aus Österreich oder Europa sind inzwischen so teuer geworden, dass sie nur noch für eine sehr kleine Käuferschicht leistbar sind.
Muss denn Qualität immer teuer sein?
Kämpfel Nein, auf keinen Fall! Oft ist es sogar so, dass in klassischen Möbelhäusern versteckte Kostenfallen lauern. Für eine Einbauküche kann man ein Vermögen ausgeben, und das für vergleichsweise mittelmäßige Massenprodukte. Ist das dann Qualität? Nicht unbedingt. Umgekehrt ist es so, dass wirklich hochwertige Einzelstücke oder Kleinserien oft nicht die Welt kosten. Viele Menschen haben hier klarerweise nicht den nötigen Überblick. Unsere Aufgabe ist es, die Leute an die Hand zu nehmen und zu zeigen, was in welchem Budgetrahmen möglich ist.
»Wie auch in der Mode manifestiert sich im Wohnen aktuell ein Mix aus Luxus, Vintage und Diskonter – also aus meist großen, ausladenden Möbelstücken mit ein paar kleinen, mobilen Accessoires.«
Herr Rauhs, Sie haben vorhin Ihre Koopera-tionspartner:innen angesprochen. Haben Sie mit Bussi Architekten oder St. Corona Interiors schon mal zusammengearbeitet?
Rauhs Nein, noch nicht. Wir sind uns heute zum allerersten Mal begegnet.
Niederer Das kann ja noch werden!
Kämpfel Auf eine gute Zusammenarbeit!
Wenn ein Kunde, eine Kundin zu Ihnen kommt, wie sieht der Erstkontakt aus?
Kämpfel Der erste Kontakt sollte offen,
ehrlich und unkompliziert sein. Gleichzeitig braucht es Struktur und Klarheit. Wir wollen verstehen: Wer seid ihr? Was beschäftigt euch? Was ist euer Traum?
Niederer Neben all den soften Faktoren braucht es natürlich auch Hard Facts: Wie groß ist die Fläche? Wie viel sollen wir machen? Und wie viel Budget steht dafür zur Verfügung? Man kann um viel und um wenig Geld etwas Gutes auf die Beine stellen, aber wenn der finanzielle Rahmen nicht gleich zu Beginn abgesteckt wird, dann führt das mitunter zu bösen Überraschungen.
Carte blanche oder Mood-Board: Womit kommen die Kund:innen zu Ihnen? Und was ist Ihnen persönlich lieber?
Niederer Eine Carte blanche ist natürlich schön, aber ganz ohne Bilder und Austausch geht es nicht. Am Anfang müssen wir gemeinsam die Richtung, die Atmosphäre und die Grenzen des Projekts definieren. Danach entsteht daraus im besten Fall etwas sehr Eigenständiges.
Rauhs Das ist in der Architektur und Immobilienentwicklung nicht anders. Wir sind im gehobenen Segment tätig, was Lage, Materialien und Ausstattungsniveau betrifft, und natürlich kommt es im Eigentum immer wieder zu Sonderwünschen – also zu Umplanungen, anderen Parkettböden und Besonderheiten im Badezimmer. Bei Kosten und Budgetrahmen braucht es von Anfang an Transparenz.
Und? Gibt es ein realistisches Gespür dafür, was wie viel kostet?
Rauhs Generell ja, weil die Menschen hautnah mitkriegen, wie sich die Grundstückskosten und der Immobilienmarkt in den letzten Jahren entwickelt haben. In Sachen Ausstattung und Interior-Gestaltung verschätzen sich manche Leute aber.
Niederer Im Gegensatz zum angelsächsischen Raum, wo Interior-Gestaltung einen generell höheren Stellenwert hat und wo es fast schon Standard ist, für eine Wohnung oder ein Einfamilienhaus einen Innenarchitekten zu beauftragen, gibt es bei uns noch relativ wenig Gespür dafür.
Ist das ein mitteleuropäisches Phänomen?
Niederer Eher ein österreichisches! In bürgerlichen Haushalten war es lange
normal, sich selbst einzurichten. Doch Österreich wird zunehmend internationaler, und somit siedeln sich immer mehr Personen an, für die es normal ist, professionelle Unterstützung zu holen.
Rauhs In Österreich ist jeder sein eigener bester Häuslbauer, Architekt und Interior-Designer. Zumindest ist das der Eindruck, den ich immer wieder gewinne.
Kämpfel Spannend finde ich den Einfluss der vielen Umbau- und Einrichtungssendungen im Fernsehen. Dank »Fixer Upper« und vielen anderen TV-Formaten glauben die Leute, dass so ein Umbau ratzfatz geht, dass das Haus in wenigen Tagen umgebaut ist – und das alles für 50.000 Euro samt Einrichtung! Da müssen wir immer nachkorrigieren. Umbauen und Einrichten braucht Zeit. Für manche Produkte sind Wartezeiten von vier, fünf, sechs Monaten keine Seltenheit.
Rauhs Ich mag diese Sendungen, und sie sorgen für eine bestimmte Sensibilisierung und Begeisterung in der Bevölkerung. Nun setzen sich die Menschen mit der Frage auseinander: Wie möchte ich wohnen und leben? Eigentlich super! Schade finde ich bloß den Algorithmus, der bei der Pinterest-Suche die immer gleichen Stile generiert, die die Leute dann kopieren wollen. Das führt à la longue zu einer geistigen Verengung bei der Suche nach den eigenen Wohnwünschen.
»Im Gegensatz zum angelsächsischen Raum, wo Interior-Gestaltung einen hohen Stellenwert hat und wo es fast schon Standard ist, einen Innenarchitekten zu beauftragen, gibt es bei uns noch relativ wenig Gespür dafür.«
Von einigen Architekt:innen habe ich auch schon gehört, dass sie sich gerne für ein paar Tage in einem Haushalt einnisten, um der Bauherrenfamilie beim Wohnen zuzuschauen und gewisse Abläufe und Routinen zu dokumentieren. Hatten Sie so eine Anfrage jemals?
Kämpfel Immer wieder! Und ich erachte dieses Hineinschnuppern in ein fremdes Leben als großes Privileg.
Niederer Bei uns genauso. Und einmal war das wirklich erkenntnisreich, denn das war ein Banker mit sehr speziellen Tagesabläufen und antizyklischen Schlafenszeiten. An den zwei Tagen, an denen ich ihn beim Wohnen beobachten durfte, habe ich Einblick in sein Leben bekommen. Das Projekt wäre sonst wohl anders verlaufen.
Kämpfel Spannende Fragen sind auch: Wird oft gefeiert? Gibt es Schwiegereltern, die zu Besuch kommen? Und welchen Stellenwert in der Familie haben die Haustiere? Das alles hat Auswirkungen auf das Wohnen.
Aus dem Nähkästchen plaudernd: Was ist der schönste Moment, an den Sie sich erinnern?
Niederer Mir ist einmal ein Kunde in Tränen um den Hals gefallen und hat gesagt: »Das ist das Schönste, was er je gesehen hat.« Das ist mir sehr, sehr nahegegangen.
Kämpfel Der schönste Erfolg ist, wenn man sich auf der Straße zufällig über den Weg läuft und immer noch ein schönes Feedback und ein Dankeschön bekommt.
Rauhs Bei uns sind das die Wiederholungstäter, die uns nach Jahren kontaktieren und noch eine Anlegerwohnung oder eine Wohnung für ihre Kinder dazukaufen möchten. Dann denke ich mir: »Wir haben was richtig gemacht!«
Und was ist schon mal so richtig in die Hose gegangen?
Niederer Ein Brunnen. Mehr will ich dazu nicht sagen.
Kämpfel Ein Bodenbelag in der Lobby eines Bürogebäudes. Das wäre besser gegangen.
Rauhs Eine Garage mit einem viel zu engen Kurvenradius, wo die Abfahrtsrampe schon so manchen bunten Lackstreifen abbekommen hat. Darauf bin ich nicht wirklich stolz.
Zum Abschluss: Wenn Sie einmal Ihre eigene Person, Ihren eigenen Stil über Bord schmeißen könnten: Wie würde sich Ihr Alter Ego, um was ganz Neues auszuprobieren, einrichten?
Kämpfel Ich glaube, mein Alter Ego wäre Minimalist – einfach, um zu erleben, wie es ist, auf all die schönen Dinge, die ich habe und liebe, zu verzichten und mit ganz wenig auszukommen.
Niederer Eine einfache, archaische Holzhütte im Wald oder irgendwo auf der Alm.
Rauhs Ich würde gerne wie James Bond in einem kalifornischen John-Lautner-Haus wohnen.
»Die Moderne hat die Interior-Gestaltung demokratisiert. Der größte und wichtigste Motor in Sachen Leistbarkeit von Wohnen und Geschmack war sicherlich Ikea und dessen internationaler Siegeszug in den 1970er- und 1980er-Jahren.«