Stadtentwicklung in Wien: Die wichtigsten Projekte und Pläne für die Zukunft
Wien hat die Zwei-Millionen-Grenze überschritten und hört nicht auf zu wachsen. Im Zentrum und an den Rändern wird eifrig geplant und gebaut. Eine Übersicht zu den Orten und Ideen der Stadtentwicklung in der nahen und fernen Zukunft.
Was würde wohl einer – rein imaginären – Person, die heute nach einem 30-jährigen Koma erwacht, als Erstes auffallen, wenn sie sich in Wien umschaut? Sehr dicht, voll und hoch ist die Stadt geworden. Mehr Menschen, mehr Wohnbauten, mehr Schulen, aber auch mehr Grün. Seit den 1990er-Jahren ist Wien um knapp 500.000 Einwohner:innen gewachsen, in etwa die Gesamtbevölkerung von Graz und Linz zusammen. Seit 2023 ist man erstmals seit 1910 wieder Zwei-Millionen-Stadt.
Ein solches Wachstum kann nicht ungesteuert und chaotisch verlaufen. Aber genau dafür gibt es ja die Stadtplanung. Alle zehn Jahre veröffentlicht sie den Stadtentwicklungsplan (STEP), der sagt, wo und wie es langgehen soll. Der STEP 2035, auch WienPlan genannt, wurde im April letzten Jahres beschlossen. Die Unterschiede zu seinem Vorgänger zeigen, wie sich die Prioritäten verändert haben. Die damals wichtigen Themen Digitalisierung und Smart City werden heute nur am Rand erwähnt, dafür stehen Klimaneutralität und Klimawandelanpassung im Zentrum – zu Recht.
Höher, dichter, grüner
Das Quartier Seecarré in der Seestadt Aspern will Wohnraum und Arbeitsplätze für viele schaffen und gleichzeitig klimafit werden.
aspern-seestadt.at
BLAU UND GRÜN
Das heißt: mehr »blau-grüne Infrastruktur« in Form von Parks, Bäumen und Regenwassermanagement. Wie das funktioniert, kann man bereits in der Seestadt Aspern und am Praterstern sehen, wo das Schwammstadtprinzip mit saugfähigem Untergrund umgesetzt wurde. Neu dazu kommen begrünte »Gartenstraßen«, von denen Wien bis 2035 insgesamt 25 umsetzen will. Ob der kommunale Sparzwang das zulässt, bleibt abzuwarten.
Wo sind nun die Entwicklungsgebiete, in denen die Stadt ihre großen Schritte nach vorn geht? Zum Beispiel in der Seestadt Aspern, deren erste Bewohner:innen vor nunmehr
12 Jahren eingezogen sind und die sich jetzt anschickt, den Zirkelschluss ihrer Ringstraße (entgegen dem Uhrzeigersinn) zu vollenden. Dieses Jahr ist Baubeginn für das jüngste und letzte Quartier Seecarré, ganz zum Schluss werden dann auch das Nordufer des Sees und der Boulevard zur U2-Station Aspern Nord vollendet. Der Fokus liege auf einer klimagerechten Stadtplanung, sagt Robert Grüneis, Vorstand der Aspern 3420 Development AG. »Ganz wesentlich ist uns als Entwickler der Seestadt, dass wir den eingeschlagenen Weg der nutzungsgemischten Wohnquartiere konsequent fortsetzen.«
Stadt-Biotop
An der Meischlgasse im Süden Wiens entsteht das Quartier »In der Wiesen Süd-Ost«. Mit dabei: Mona’s Liesing (Bauträger: Neues Leben & WBV-GPA).
meischlgasse.wien
Während in der Seestadt ein alter Masterplan komplettiert wird, steht man rundherum noch am Anfang. Das Quartier Oberes Hausfeld mit 3.700 Wohnungen (davon 70 Prozent gefördert) ist derzeit im Rohbaustadium und wird bis 2030 vollendet sein. Dann können die Bagger und Kräne nebenan weitermachen, wo dann das Quartier Am Heidjöchl mit Wohnungen für 11.000 Menschen entsteht. Weiter draußen, an der nordöstlichen Stadtgrenze, wechselten die Äcker in den letzten Jahren mehrmals die Hände, dort spekuliert man langfristig auf Wohnbauland.
Kühler Kopf und heißes Pflaster
Der von KENH Architekten und DnD Landschafts-planung neu gestaltete Praterstern folgt dem Schwammstadt-prinzip: Regenwasser verschwindet nicht, sondern bleibt für Bäume und kühle Luft in trockenen Sommern erhalten.
kenh.at
MUT ZUR KORREKTUR
Nicht nur in Transdanubien wird Raum fürs wachsende Wien geschaffen, auch im Flächenbezirk Liesing im Quartier Meischlgasse. Im dortigen Stadtteil »In der Wiesen Süd-Ost« entstehen auf rund 9,6 Hektar rund 1.900 neue Wohnungen. Auf der letzten großen Flächenreserve im Stadtzentrum, dem Areal des ehemaligen Nordwestbahnhofs, sind die Frachtguthallen bereits abgerissen, danach wird mit den ersten Baufeldern begonnen. Bis 2035 entstehen hier 6.500 Wohnungen und 4.700 Arbeitsplätze um einen großen Park.
Aufgegleist
Am ehemaligen Nordwestbahnhof entsteht das letzte innerstädtische Stadtentwicklungsgebiet – auch hier mit Arbeitsplätzen, Kultur, Nahversorgern und Bildungscampus
kronaus-mitterer.com
Eine urbane Mischung, die längst außer Debatte steht, die jedoch ihre Grenzen hat. So wurde das Fachkonzept Produktive Stadt, das Gebiete für eine feinkörnige Mischung von Wohnen und Gewerbe vorsah, im STEP 2035 zurückgeschraubt. Denn dieses hatte, wie Wiens Planungsdirektor Thomas Madreiter einräumt, die Erwartungen nicht erfüllt, da die meisten Investor:innen entweder auf reines Wohnen oder Gewerbe setzen und Kombinationen als zu riskant ansehen. Aber auch das gehört zur Planung: eine gesunde Fehlerkultur und Mut zur Kurskorrektur.