Textile Kunstwerke für den Boden
Eine junge Generation entdeckt Teppiche: Hochwertige Materialien sorgen für gemütliche Stimmung in der kalten Jahreszeit, ausgefallene Muster und Farben machen aus ihnen textile Kunstwerke, die man durchaus auch an die Wand hängen kann.
Teppiche hatten lange ein eher biederes Image – in gedeckten Farben und mit klassischen Mustern fand man sie in Wohnungen von älteren Menschen. Das hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Eine junge Generation entdeckt Teppiche als Möglichkeit, den Raum nicht nur wohnlicher, sondern auch kreativer zu gestalten. »Die Generation zwischen 20 und 40 setzt bewusst auf Qualität statt Quantität und orientiert sich an Innenarchitekturtrends, die über Social Media, Interior-Blogs und moderne Loft-Ästhetik transportiert werden«, bestätigt Michel Dawcharbajar, Geschäftsführer vom Fachhandel Bajar: »Dort werden Teppiche als atmosphärische ›Soft Architecture‹ gezeigt, die einen Raum definieren und strukturieren können.«
Grafische Innovation
»Splash Multi« von Danesh sieht wie ein auf die Leinwand geworfener Fleckerlteppich aus.
danesh.at
Dopamine Trend
Das pinke Teppichmodell »Concertina« vom Londoner Anbieter Deirdre Dyson.
deirdredyson.com
Kunstvolle It-Pieces
Gefragt sind Teppiche, die ungewöhnliche Formen und Farben haben. Schließlich sorgen diese für gute Laune in den eigenen vier Wänden – der »Dopamine Trend« klingt da noch nach, aber auch eine gewisse Seventies-Nostalgie, die gerade im Design angesagt ist. Grafische Muster können ruhig ausgeprägt und ausgefallen sein. Diese It-Pieces haben den Charakter eines Kunstwerks – und verlassen die klassische Quadrat- oder Rechteckform, um innovative neue Wege zu gehen. Optisch macht das einiges her, etwa als Zacken, die an Treppen denken lassen, wie beim pinken Modell »Concertina« vom Londoner Anbieter Deirdre Dyson. »Splash Multi« von Danesh sieht wie ein auf die Leinwand geworfener Fleckerlteppich aus, der sich sowohl an der Wand als auch auf dem Boden gut macht.
Zeitgemäße Teppiche lassen sich von der Malerei beeinflussen, sie sind abstrakte Gemälde aus Wolle. Das Modell »Ricky« von Atelier Février ist von japanischer Gravur beeinflusst – und erinnert an eine Wolke mit unterschiedlichen Schichten. Dadurch entsteht eine enorme Tiefenwirkung, obwohl ein Großteil des Teppichs eine weiße Fläche ist. Effekte wie diese machen Teppiche zu spannenden optischen Experimenten, die dem Raum eine inspirierende Note verleihen.
Mut zur Kante
Ein Teppich wie abstrakte Kunst: das Modell »Loko Colour Rug« von Gan.
gan-rugs.com
Natürliche Materialien
Und welche Materialen sind gefragt? »Der aktuelle Trend geht klar in Richtung natürliche Materialien, moderne Fertigungsqualität und zeitlose Designs, die Langlebigkeit mit moderner Ästhetik verbinden. Besonders gefragt sind Teppiche aus Naturfasern wie mongolischer Schurwolle, die aufgrund ihrer Haltbarkeit, ihrer hohen Dichte und ihrer natürlichen Temperaturregulation geschätzt werden«, so Dawcharbajar. »Gleichzeitig wächst das Interesse an Nachhaltigkeit und Herkunft – Transparenz in der Herstellung und regionale Besonderheiten spielen eine immer größere Rolle.« Beliebt seien neutrale, warme Farbtöne wie Sand, Beige, Creme oder Erdtöne, häufig kombiniert mit markanten Akzenten, die den Raum dennoch nicht überladen wirken lassen. Aber auch, wer es dezenter haben möchte, kommt auf seine Kosten. »Einfarbige Teppiche, naturbelassene Wolltöne und klare Linien wirken zeitlos und bringen Ruhe in den Raum. Besonders reine Naturwolle hat den Vorteil, dass schon die Textur eine hochwertige Präsenz erzeugt – auch ohne starkes Muster«, so Dawcharbajar.
Japanische Gravur
Eine Wolke oder doch nicht? Unterschiedliche Schichten geben dem Teppich »Ricky« Struktur.
atelierfevrier.com
Sanfte Übergänge
Das Modell »Gobi«, ein Naturfaserteppich, der wie ausgeblichen aussieht.
bajar.at
Schöne Sammlerstücke
Keine Frage: Teppiche erzählen Geschichten – entweder von der Region, aus der sie stammen und die für bestimmte Techniken berühmt ist, oder von den Motiven, die oft in spannenden künstlerischen Kooperationen entstehen. Das Label Tai Ping Carpets hat mit dem chinesischen Designer Jamy Yang seine »Transcendent Collection«-Serie auf den Markt gebracht. Acht Designs, die sich von der Relativitätstheorie und vom Hyperraum inspirieren ließen: surreale Muster mit Verzerrungen, die zu fließen scheinen. So werden Teppiche zu Sammler:innenstücken. Noch direkter an die Kunst angelehnt ist eine Zusammenarbeit zwischen Henzel Studio und der Andy Warhol Foundation, um handgefertigte Kunstteppiche herzustellen. Die aktuelle Serie basiert auf Warhols »Oxidation Painting« von 1978. Er legte dazu seine Leinwände auf den Boden, beschichtete sie mit Kupferfarbe – und wies dann seine Assistenten oder Atelier-Besucher:innen an, auf die noch feuchte Farbe zu urinieren. Soweit zum Funfact, den man Gästen erzählen kann. Die Teppiche wurden natürlich anders gefertigt – zwei Jahre wurde daran getüftelt, wie man vergleichbare Texturen ohne Urin herstellen kann. Das Ergebnis überzeugt.
Gewebte Relativitätstheorie
Tai Ping Carpets hat mit dem chinesischen Designer Jamy Yang eine »Transcendent Collection«-Serie entworfen.
taipingcarpets.com
Ätzender Fleck
Ein Teppich, der einem Gemälde von Andy Warhol nachempfunden ist, auf das uriniert wurde.
henzelstudio.com